Gut, aber noch nicht so gut wie vor seiner Verletzung: Der Mainzer Jean-Philippe Mateta (links).
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Gut, aber noch nicht so gut wie vor seiner Verletzung: Der Mainzer Jean-Philippe Mateta (links).

Mainz 05 im Abstiegskampf

Klub sucht Kitt

  • Jan Christian Müller
    vonJan Christian Müller
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Bei Mainz 05 herrscht vor dem Duell bei Eintracht Frankfurt Sorge, dass der Glaube an die eigene Stärke verloren gegangen sein könnte.

Mainz 05 gehört unter den Fans von Eintracht Frankfurt ganz sicher nicht zu den beliebtesten Vereinen. Man blickt aus der Metropole im Herzen von Europa gern ein bisschen von oben herab auf die vergnomten Mainzelmänner mit ihrer Arena auf dem platten Land. Der rotleuchtende Bau wurde aus Frankfurt schon mal reichlich herablassend mit dem Antlitz eines Baumarktes verglichen. Kann man machen, muss man aber nicht, zumal es die Mainzer mit ihren aufgrund des Standortnachteils viel schlechteren Voraussetzungen geschafft haben, ihr 2011 fertiggestelte Arena solide durchzufinanzieren, ohne danach ständig, wie die Eintracht, über die Betriebskosten zu lamentieren. Richtig glücklich geworden sind sie dort draußen am Europakreisel nach dem Umzug aus dem schnuckligen Bruchwegstadion jedoch bisher nicht.

Aber gut genug waren sie dann doch, am letzten Spieltag der vergangenen Saison als veritable Eintracht-Helfer Dienst zu tun. Da trug es sich nämlich zu, dass ausgerechnet die Rheinhessen mit einem 4:2-Sieg nach 0:2-Rückstand gegen die TSG Hoffenheim dafür sorgten, dass der ferne Nachbar es zurück in die Europa League schaffte. Es gab zum Dank dann eigens von Eintracht-Ikone Alex Schur herbeigeschafften Ebbelwoi und noch ein paar weitere Leckereien aus hessischer Herstellung.

Noch mehr erkenntlich zeigen könnten sich die Frankfurter bei den arg gerupften Nullfünfern nun vor allem auf sportlichem Terrain. Zum Teil haben sie das schon getan: Erstens, indem sie das Hinspiel in Mainz 1:2 verloren, und zweitens, indem sie am Mittwoch Werder Bremen 3:0 schlugen. Die Norddeutschen, am vorletzten Spieltag zu Gast beim potenziellen Abstiegskrimi in Mainz, waren den Rheinhessen schon recht bedrohlich nahe gekommen. Abgerundet werden könnte die Schützenhilfe nun noch durch eine Frankfurter Niederlage am Samstag.

Die Mainzer rechnen sich auch deshalb leise Chancen aus, weil die Eintracht auf ihr treues Heimpublikum ja verzichten muss. Den Frankfurter Sieg in Bremen hat der 05-Kader geschlossen im Businessbereich des eigenen Stadions verfolgt. Mit Abstand, aber doch gemeinsam. Eine klassische Teambuildingmaßnahme, die den Verantwortlichen notwendig erschien. Denn natürlich spürt vor allem Sportchef Rouven Schröder, dass was passieren muss, um nicht noch größere Gefahr zu laufen, erstmals seit 2007 wieder abzusteigen.

Irgendwie scheint der Kitt in dieser Mainzer Mannschaft zu fehlen - jene Klebemasse an Zusammenhalt und Hierarchie, die ein Team neben Talent braucht, um stabil zu performen. Die Fliehkräfte waren zuletzt größer, entsprechend ist seit dem Re-Start der Liga erst ein Punkt und ein Tor aus zwei Heimspielen und einer Auswärtspartie herausgekommen. So reicht das nur, wenn Düsseldorf, Bremen und Paderborn, derzeit noch hinter dem Tabellen-15. platziert, ebenfalls zuverlässig nicht punkten.

Weil die aktuelle Situation so eigentlich nicht eintreten sollte, hatte Schröder, wohl auch auf Druck anderer Kräfte im Klub, im Herbst die Trennung von Trainer Sandro Schwarz erwirkt. Der gebürtige Mainzer Schwarz hat inzwischen bekundet, wie tief die Enttäuschung darüber geraume Zeit saß. Er hätte sich eine vergleichbare Unterstützung, wie sie gerade Florian Kohfeldt bei Werder Bremen erfährt, vielleicht vorstellen können. Aber er hatte es ehrlicherweise nicht geschafft, dem gewachsenen Kader, den von den Stammkräften nur Jean-Philippe Gbamin verlassen hatte, Halt für eine geruhsame, gelassene Saison zu geben. Möglicherweise, das ahnt man inzwischen, ist Schwarz daran weitgehend unschuldig, zumal Goalgetter Jean-Philippe Mateta mit einer Knieverletzung lange ausgefallen war (und bis heute nicht wieder so gut wie vorher geworden ist).

Jedenfalls ist es Nachfolger Achim Beierlorzer nach fulminantem Start (Sieg in Hoffenheim, Sieg gegen die Eintracht) keineswegs gelungen, personell, taktisch und spielerisch auch nur einen Hauch mehr Konstanz in die Truppe zu bringen als Schwarz. Sportboss Schröder hat intern den Ton schon verschärft, zudem kehrt er nach drei Geisterspielen, die er auf der Tribüne verfolgte, zurück auf die Bank. Die Botschaft ist überdeutlich: Ein bisschen mehr Körperlichkeit und Robustheit dort kann nicht schaden, ist aber vor allem auf dem Platz vonnöten.

Da wird das Eigengewächs Ridle Baku wegen seiner fünften Gelben Karte fehlen, was deshalb bedeutsam ist, weil Baku das einzige Tor nach dem Wiederbeginn der Saison für Mainz 05 schoss. Für den jungen, pfiffigen Kerl dürfte Daniel Brosinski zurück in die Startelf kehren. „Brosi“ ist qua Persönlichkeit und Einsatzbereitschaft einer, der voran gehen kann, aber es ist die Crux bei Mainz 05, dass genau diese einheimischen, kommunikativen Spielertypen es im Rückblick sportlich nicht mehr stabil ins Team schafften: Niko Bungert ereilte dieses Schicksal, René Adler, Stefan Bell, jetzt Daniel Brosinski und Danny Latza.

Nun geht also die Angst um im Verein, ein Abstieg hätte sehr unschöne Folgen für die Finanzen, gerade jetzt, in der Corona-Krise. Trainer Beierlorzer, zu Saisonbeginn beim 1. FC Köln früh gescheitert, steht mehr denn je auf dem Prüfstand. Der vormalige Gymnasiallehrer für Mathematik und Sport ist sicher ein intelligenter, empathischer Mann mit Sachverstand. Aber ein typisches Mainz-05-Gen mit ständiger hoher Lauf- und Kampfbereitschaft, Willensstärke und Widerstandskraft hat er dieser Mannschaft noch nicht implementieren können.

Bei der Pressekonferenz vor dem Spiel in Frankfurt hat Beierlorzer wiederholt davon gesprochen, seine noch sehr junge Mannschaft müsste vor allem den „Glauben an die eigene Stärke“ aufs Feld bringen. Es hörte sich verdächtig danach an, als sei genau dieser fehlende Glaube gerade das ganz große Problem bei Mainz 05.

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