+
Timothys Chandlers (Mitte) erster Geburtstagsgratulant in der Nacht: natürlich Kumpel Goncalo Paciencia (rechts).

Eintracht Frankfurt

Die kleinen Glücklichmacher

  • schließen

Eintracht-Geburtstagskind Timothy Chandler versucht auch mit 30 und trotz Corona, seine Lebensfreude nicht zu verlieren.

Den telefonischen Medientermin am Sonntagvormittag konnte Timothy Chandler nicht ganz einhalten. Es war jetzt aber nicht so, dass er ihn wegen der Zeitumstellung verschlafen oder einfach auch ganz grundsätzlich keine Lust gehabt hätte auf die kurze Plauderei. Nein, nein. Timothy Chandler hatte schon einen akzeptablen Grund vorzubringen, als er sich erst mit viertelstündiger Verspätung in die laufende Konferenzschleife der bereits wartenden Reporter zuschaltete. „Sorry, meine Familie hat gerade noch von der Straße aus gesungen“, erklärte er, „und ich habe auf dem Balkon zugehört.“ Das kleine Straßenständchen hatte natürlich einen guten Grund, denn Timothy Chandler feierte am Sonntag seinen Geburtstag, einen runden noch dazu. 30 Jahre alt ist der Fußballprofi von Eintracht Frankfurt geworden.

Chandler erster Gratulant war – natürlich – sein Teamkollege und Kumpel Goncalo Paciencia, der ihm noch in der Nacht zum Sonntag einen nette Nachricht zum Wiegenfest aufs Handy trällerte. Was denn noch so anstehe an seinem ganz persönliche Feiertag, wurde Chandler dann gestern gefragt. Die trockene Antwort, die zu kollektivem Lachen in der Leitung führte: „Ich denke, heute bleibe ich ausnahmsweise mal daheim.“

Der Außenbahnrenner des hessischen Bundesligisten, der ja in diesem Kalenderjahr so überraschend durchgestartet war und schon vier Bundesligatore erzielt hatte, lässt sich auch in Corona-Zeiten die gute Laune nicht verderben. Das würde nicht zum Naturell des Dauerlächlers passen, der gerade in aktuell schwierigen Tagen noch mehr wert als sonst darauf zu legen scheint, sein Grinsen nicht zu verlieren. „Natürlich sind es schwierige Zeiten“, sagte Chandler, „aber das Wichtigste ist doch, klar und positiv im Kopf zu bleiben.“ Er genieße es jedenfalls, die fußballfreie Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Eine „schöne Sache“ sei es, jeden Morgen gemeinsam mit Frau Nina und Töchterchen Hailey aufzustehen und dann gemeinsam den Tag zu verbringen. Erschwerte Liegestützen mit dem zehn Monate jungen Nachwuchs auf dem Rücken gehören da ebenso als Beschäftigung dazu wie ausgedehnte Spieleinheiten auf dem extra auf dem Balkon errichteten Mini-Spielplatz. „Bei uns ist immer etwas los, hier gibt es keinen Lagerkoller“, sagte Chandler. Und lachte.

Boss Bobic als TV-Stammgast

ERFOLGREICH in der E-HOME-CHALLENGE

Der Ball rollt wieder, zumindest virtuell. Für die Eintracht verlief die sogenannten „Bundesliga Home Challenge“ äußerst erfolgreich. 4:0 und 4:2 setzten sich die Hessen beim Daddeln an der Konsole, es wurde die Fußballsimulation Fifa 20 gespielt, in zwei Spielen gegen Dynamo Dresden durch. Für die Eintracht waren Nils Stendera, Teil des Erstligakaders (allerdings ohne Einsatz) und E-Sportler Andi Gube im Einsatz, für Dresden die beiden Zweitligakicker Baris Atik und Marco Terrazzino. Bundesweit waren 26 der 36 Profiklubs bei der von der Deutschen Fußball-Liga initiierten Challenge vertreten, pro Team spielte mindestens ein Lizenzspieler und eine Person aus dem Klubumfeld. dani

Noch bis zum Donnerstag muss sich der gebürtige Frankfurter in seiner eigenen Wohnung aufhalten, darf sie nicht verlassen, nicht mal für einen kurzen Spaziergang oder einen Einkauf, weil zwei kickende Kameraden und zwei Mitarbeiter aus dem Teamumfeld an Covid-19 erkrankt sind. Erst danach ist die zweiwöchige Quarantäne vorbei. Und dann? „Wir müssen einfach abwarten, was passiert, wann wir wieder zurück auf den Platz dürfen, um zu machen, was wir lieben.“

Für Fredi Bobic, den Sportvorstand der Eintracht, der zurzeit quasi in jedwedes Fernsehstudio der Republik telefonisch oder via Video zugeschaltet ist und seine Meinung kundtut, bringt die derzeitige, komplizierte Lage auch einige Chancen mit sich. Beim Bezahlsender Sky sagte er wahlweise am Sonntag: „Wir können etwas Geschichtsträchtiges erreichen. Beispielsweise im DFB-Pokalfinale, wenn man vor leeren Rängen den Pokal in die Luft hält. Da wird man in zwanzig Jahren zurückschauen, die Bilder sehen und denken: Schaut, was wir damals durchgestanden haben.“

Er, der frühere Nationalstürmer, glaube auch, dass künftig volle Stadien nicht mehr als normale Sache angesehen werden. „Was für viele eine Selbstverständlichkeit war, wird dann von allen mehr wertgeschätzt“, findet Bobic. Am Anfang wird das gewiss so sein, dessen ist sich auch Timothy Chandler bewusst, der freilich schnellstmöglich wieder in vollen Stadien spielen wolle. „Das wollen alle Fußballer“, sagte er, nicht ohne sofort und glaubhaft einzuschränken: „Erstmal ist es aber wichtig, dass sich die Lage insgesamt beruhigt und alle wieder einen normalen Alltag erleben.“ Wohlgemerkt nicht nur Fußballprofis.

Chandler, der momentan ganz bewusst nicht ständig, sondern nur sehr gezielt Nachrichten konsumiert, um sich nicht verrückt machen zu lassen in dieser aus den gewohnten Fugen geratenen Welt, wünscht sich, dass im Schlechten auch etwas Gutes steckt. Demut zum Beispiel. „Ich denke, dass die jetzige Situation bei vielen Menschen zum Umdenken führen könnte. Nicht bei allen, aber es wird eine hohe Anzahl an Leuten geben, die das Leben, ihre eigene Gesundheit, künftig mehr zu schätzen wissen.“

Manchmal sind es eben die kleinen Dinge, die Menschen glücklich machen. Lautes Kindergeschrei zum Beispiel, das die Telefonschalte zwischen Fußballprofi und Reportern auf die wohl netteste aller Arten jäh beendet.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare