Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Heribert Bruchhagen im Frankfurter Stadion.
+
Heribert Bruchhagen im Frankfurter Stadion.

Bruchhagen-Interview

"Kein Weg der Weisen in der Bundesliga"

Der Eintracht-Vorstandsvorsitzende Heribert Bruchhagen über die aktuelle Tabellensituation als Momentaufnahme, die zementierte Dreiklassengesellschaft und den Stoff, aus dem in Frankfurt die Träume sind.

Herr Bruchhagen, als die FR Sie vergangene Woche um ein Interview bat, sagten Sie nur im Falle einer Niederlage gegen Hoffenheim zu. Weshalb denn das?

Ach, diese ganzen Interviews führen doch zu nichts. Und im Erfolgsfall schon mal gar nicht. Sie gehören zwar zu meinen Pflichten, aber ich mache es nicht gern.

Warum?

Ich weiß doch genau, welche Aussagen von mir erwartet werden und was ich wirklich über Fußball denke. Das ist dann nicht kompatibel. Ich kenne doch die ganzen Sätze: „Der Ober-Realo hat das Mittelmaß herbeigeredet“ und dergleichen mehr. Aber es kommt halt oft so, wie ich es prophezeie, weil ich mich intensiv mit der Bundesliga beschäftige. Was würde es bringen, wenn ich sagen würde: „Wir sind in einer glänzenden Verfassung, wir greifen jetzt die Uefa-Cup-Plätze an.“ Würde sich dadurch etwas ändern an der Leistung der Mannschaft auf dem Platz? Das ist doch naiv, das ist lachhaft.

Aber Psychologen glauben sehr wohl, dass eine klare Zielsetzung hilfreich sein kann.

Eine klare Zielsetzung kann nur eine realistische Zielsetzung sein. Und die hilft allen im Verein. Alles andere mag in der Verhaltenspsychologie oder in der Pädagogik gelten, aber nicht im Verdrängungswettbewerb Bundesliga.

Deshalb sahen Sie die als Ziel ausgegebene 50-Punkte-Marke zu Saisonbeginn so kritisch?

Ich habe doch nur gesagt: Ich wäre schon sehr dankbar zu wissen, gegen wen wir diese Punkte holen sollen. Es entspricht nicht meiner Einschätzung. Aber ich habe mich über den Optimismus der Spieler sehr gefreut.

Teilen Sie noch immer nicht diese Einschätzung?

Nein. Aber wenn alles stimmt, sollte mir das sehr recht sein.

Aber in diesem Jahr ist doch alles anders in der Bundesliga.

Zurzeit. Aber wenn ich sechs- oder siebenmal behaupte, die Bundesliga ist zementiert, und der Beweis wird sechs- oder siebenmal angetreten und einmal nicht ? dann ist bei Ihnen das Triumphgeheul vielleicht groß, aber es ändert nichts daran, dass die Realtität so ist.

Also, Sie sehen keinen Trend?

Nein, und wenn es halt jetzt so kommen sollte, dass ein paar Überraschungsteams mal vorne sind, dann werden die Großen dafür sorgen, dass es sich in Mainz, Frankfurt, Hannover, Freiburg oder wo auch immer wieder einpendelt. Dann holen die Großen halt die Spieler dort weg. Leverkusen hat jetzt schon André Schürrle für die neue Saison gekauft aus Mainz, Lewis Holtby kehrt zurück nach Schalke. Dann sehen wir mal, wie es da weitergeht.

Aber Mainz macht es doch vor, die haben etwa Sami Allagui geholt aus Fürth. Hat die Eintracht da geschlafen?

Allagui würde doch bei uns auch nicht spielen, wir haben Gekas, Amanatidis, Fenin und Altintop für diese Position. Und wir sind zu der Auffassung gekommen, dass er für uns nicht Priorität hat. Er galt als körperloser Spieler. Und sehen Sie, es ist doch ungeheuer schwer vorauszusagen, wie die Entwicklung eines Spielers sein wird. Allagui hat für Fürth zwölf Tore geschossen in der letzten Spielzeit. Und Michael Thurk? Der hatte 23. Aber bei uns hat er es nicht geschafft. Man steckt nicht drin.

Und Borussia Dortmund? Die haben viele junge, hungrige Spieler – und sind ganz vorne.

Borussia Dortmund ist für mich eine Überraschung, der BVB spielt tollen Fußball. Und er kann Meister werden. Aber die Dortmunder haben auch andere Möglichkeiten, der BVB bewegt sich in anderen Gehaltssphären. Das ist einfach so. Glauben Sie, wir waren nicht an Robert Lewandowski dran? Natürlich waren wir hinter ihm her und haben mit ihm gesprochen. Bernd Hölzenbein (Chefscout; Anm. d. Red.) hatte ihn schon ganz früh auf der Liste und ganz weit oben. Aber den konnten wir nicht zahlen. Da werden erst mal fünf Millionen plus 1000 Nebengeräusche aufgerufen und dann noch eine Gehaltsforderung, die bei uns nicht im Ansatz zu erfüllen ist. Viele Transfers gehen für uns einfach nicht.

Die Eintracht muss ja nicht Meister werden, aber Fünfter – das wäre für die Fans doch auch mal ein Highlight.

Aber wie wollen wir denn den HSV, die Bayern, den VfB Stuttgart, Schalke 04, den VfL Wolfsburg oder Bayer Leverkusen hinter uns lassen? Wie soll das denn gehen?

Diese Saison zeigt doch, dass es drin ist.

Warten wir es ab.

"Die Mainzer machen ihre Sache gut"

Die Mainzer stehen vor der Eintracht. Wie beurteilen Sie deren Entwicklung?

Die machen es einfach gut. Keine Frage. Mainz ist schon ein besonderer Verein. Aber ein Vorbild? Nein. Ich nenne Ihnen ein Beispiel: Wenn jetzt die Kölner oben stünden, dann hieße es, die haben alles richtig gemacht. Die haben ein perfektes Scouting, die arbeiten mit 120 Studenten von der Sporthochschule zusammen, die sind mutig, haben 15 Millionen in die Hand genommen für Podolski und Maniche. So muss man es machen, wenn man dem Mittelfeld entrinnen will. Die Mainzer haben keine Scouting-Abteilung. Damit brüsten sie sich auch. Es gibt keinen Weg der Weisen in der Bundesliga. Es gibt immer wieder mal Vereine, die außergewöhnlich gut arbeiten. Aber man kann doch nicht jedem Trend nachlaufen, man muss seine eigene Vereinsphilosophie haben.

Die Mainzer wollen nun das Sammelbecken für 16- bis 20-Jährige im Rhein-Main-Gebiet werden. Fassen Sie das als Kampfansage auf?

Ach was. Wer spielt denn bei Mainz aus der eigenen Jugend bei den Profis? Oder in Hoffenheim mit ihrem tollen Leistungszentrum? Bei uns spielen vier Spieler aus dem Nachwuchs in der ersten Mannschaft und weitere vier sind bei uns im erweiterten Kader.

Es gibt einen Trend, wonach junge Spieler auf dem Vormarsch sind. Und: Teamspirit kann die besseren Einzelspieler schlagen.

Es sieht so aus, und das ist eine höchst erfreuliche Entwicklung. Wenn die Teamleistung die Individualität schlägt, ist das toll. Und wir haben viele gute junge Spieler im Moment. Ich habe das U?21-Länderspiel neulich in Wiesbaden gegen England gesehen. Da waren wir in allen Belangen besser. Vor zehn Jahren war das anders, da hätten wir gegen England 0:3 verloren. Da haben wir enorm aufgeholt. Aber ich tue mich dennoch schwer damit, daraus einen Trend abzuleiten. In der Bundesliga sprechen die Etats der Klubs eine klare Sprache. Wer ist denn nachhaltig in die Spitzengruppe eingedrungen? Keiner.

Aber in dieser Saison schwächeln Bayern, Schalke, Wolfsburg, Stuttgart, der HSV und Bremen – das sind die sechs Klub, die ihren Spielern mit Abstand am meisten zahlen.

Ich denke, dass diese Klubs am Ende der Saison vor uns stehen. Nur Bremen wird es schwer haben. Bremen wird, wenn die Einnahmen aus der Champions League wegfallen, auf unser Niveau zurückfallen.

Erklären Sie mal.

Die Gelder in der Champions League sind explodiert. Die aus dem internationalen Geschäft generierten Fernsehgelder beeinflussen den nationalen Wettbewerb. So entsteht eine Unverhältnismäßigkeit im Lizenzspieler-etat, und deshalb gibt es für Vereine wie die Eintracht kurzfristig aus dem Mittelfeld kein Entrinnen. Die letzten Acht der Champions League werden fast immer auch Meister in ihren Ländern. Werder hat in der vergangenen Saison 35 Millionen aus der Champions League eingenommen, wenn sie dann kein internationales Fernsehgeld mehr einnehmen, sind wir mit den Bremern auf Augenhöhe.

Aber gerade die Eintracht ist doch ein gutes Beispiel dafür, dass man mit ruhiger Hand und einer Mannschaft, die sich entwickelt, Erfolg haben kann.

Genau. Und deshalb ist es auch so wichtig, Fragesteller wie Sie es sind, permanent in die Schranken zu weisen. Denn das sind genau die Leute, die virulent etwas einpflanzen, was von allen Seiten Dünger und Regen bekommt. Das ist genau der Stoff, aus dem die Träume sind. Und die Träume sind immer geplatzt, weil die Verantwortlichen hier immer dazu gezwungen wurden, Blütenträume zu entwickeln und somit unverantwortlich zu handeln. Dieser Kreislauf hat der Eintracht 15 Jahre lang sehr geschadet.

Aber es hat doch hier ein richtiges Aufbegehren der Fans gegeben. Auch gegen den so genannten Funkel-Fußball.

Respektlos. Die Leistung von Friedhelm Funkel ist gar nicht hoch genug zu würdigen. Das Elementare, das, was unsere Mannschaft so stabil macht, die menschliche, die charakterliche Qualität – die hat Herr Funkel auf wunderbare Form geschaffen und gefördert. Und ich bin nicht mehr bereit, die kultivierten Anti-Funkel-Parolen zu akzeptieren.

Das scheint Sie ja auch nach so langer Zeit noch zu bewegen.

Klar. Sie glauben ja nicht, wie schwer es ist, sich in der Bundesliga zu etablieren. Was glauben Sie, zu welchen Methoden man greifen muss, um im Abstiegskampf zu bestehen. Was es heißt, einen ganzen Verein ruhig zu halten, die Mannschaft nicht aufbegehren zu lassen, die Diadochenkämpfe innerhalb eines Teams runterzufahren. Das sind tolle Leistungen, die Funkel immer wieder gebracht hat.

"Ich habe Skibbe im Alleingang durchgesetzt."

Michael Skibbe hatte hier keinen leichten Start.

Wissen Sie was? Ich habe Michael Skibbe hier im Alleingang durchgesetzt. Kein einziger war begeistert, als ich den neuen Trainer vorgestellt habe. Und jetzt sind alle doch sehr zufrieden. Die Art des Spiels ist super. Die Spielkultur ist besser, die Mannschaft spielt attraktiver. Er hat unsere Forderungen übererfüllt.

Und Ihr Verhältnis hat sich entspannt?

Wir hatten nie ein schlechtes Verhältnis. Ich kenne ihn schon Ewigkeiten, ich habe ja noch gegen seine Brüder gespielt, die bei Eintracht Gelsenkirchen spielten. Er hatte halt nur Interviews gegeben, die falsch waren. Er kannte den Verein nicht. Und ich habe schon damals die Prognose gestellt, dass er hier eine höhere Verweildauer haben wird als bei den von ihm hochgelobten Vereinen Borussia Dortmund oder Bayer Leverkusen. Und er hat doch hier ein gutes Leben, die sportlichen Entscheidungen trifft bei uns immer der Trainer, der Trainer hat da einen Stern mehr – auch was neue Spieler angeht. Ihm redet keiner rein.

Also werden Sie den im Sommer 2011 auslaufenden Vertrag mit Skibbe schnell verlängern?

Michael hat gesagt, dass er im Januar gerne darüber sprechen würde. So wird es auch kommen.

Na ja, Sie könnten ja auch sagen, er hat mich hier so lange geärgert, jetzt reicht es mir.

Wieso? Die Reibungsverluste zwischen allen Trainern und mir sind gleich. Funkel, Reimann, Ristic, Gerland, Möhlmann, Neururer und auch Magath. Magath etwa hat mich gar nicht ernst genommen. Da kam schon mal süffisant: „Hast du auch mal Fußball gespielt?“ Auf meine sportlichen Einschätzungen hat er nicht so großen Wert gelegt damals. Heute ist das anders. Sonst hätte er mich ja nicht nach Wolfsburg holen wollen.

Sie sind bei der Eintracht bis 2012 als Vorstandsvorsitzender gebunden. Wollen Sie danach weitermachen?

Das könnte ich mir gut vorstellen. Ich fühle mich gut, ich bin noch mit Feuereifer dabei.

Auch als Sportlicher Leiter? Es gibt ja Stimmen, die meinen, es müsste ein Sportchef kommen.

Ja, das wird immer wieder mal gestreut. Aber das ist nicht mit mir zu machen. Dann sollen sie sich einen neuen Vorstandsvorsitzenden suchen, aber ich bin Fußball-Manager. Und das werde ich auch bleiben.

Und als solcher müssen Sie auch solche Fälle wie den von Ioannis Amanatidis bearbeiten, der in der FR klagte, das Leistungsprinzip sei außer Kraft gesetzt.

Diese Aussagen stehen ihm nicht zu. Sie sind falsch. Aber so sind Spieler, sie schätzen ihr Leistungsvermögen anders ein. Als ich mit 35 plötzlich auf der Bank saß in Gütersloh, da war ich auch der Meinung, das kann Trainer Dieter Brei nicht machen. Nicht mit mir. Dieter Brei war ja erst 34, und ich war 17 Jahre dabei und ein verdienter Spieler. Das war für mich eine himmelschreiende Ungerechtigkeit, aber da lag ich halt auch falsch.

Haben Sie auch ein Interview gegeben?

Nein, ich wurde ja ein Jahr später sein Nachfolger als Trainer.

Interview: Ingo Durstewitz, Thomas Kilchenstein, Jan Christian Müller.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare