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Trotz aller Probleme guter Dinge: Allan Souza.

Allan Souza

"Jürgen Klopp lässt niemanden im Stich"

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    Ingo Durstewitz
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Neuzugang Allan Souza spricht im FR-Interview über seinen Ziehvater, das Leben auf Wanderschaft, seine Freuden als Familienvater und weshalb Multikulti die Eintracht gar sehr befruchtet.

Am Wechsel von Allan Souza vom FC Liverpool zur Eintracht hat Jürgen Klopp seinen Anteil. Schon zu seiner Anfangszeit lobte „Kloppo“ den 21 Jahre alten Mittelfeldspieler. „Ich habe ihn im Training gesehen und dachte: Oh, mein Gott. Der Junge ist gut“, sagte der Trainer der Reds, der ihm sogar den Sprung ins brasilianische Nationalteam zugetraut hat. „Er ist ein herausragendes, außergewöhnliches Talent. Er ist ein klasse Spieler mit einer guten Einstellung“, und sehr beliebt obendrein. „Jeder hier liebt ihn“, sagte Klopp. Dummerweise darf der Brasilianer in der Premier League gar nicht spielen, weil ihm schlichtweg die Arbeitserlaubnis fehlt. Deshalb ging er auf Wanderschaft, kickte in Finnland bei SJK Seinäjoki und in Belgien bei VV St. Truiden, zuletzt beim zypriotischen Klub Apollon Limassol, dort kam er auf 15 Einsätze in der Liga und vier in der Europa League. Tore oder Vorlagen sind ihm nicht gelungen, genauso wenig wie in Berlin. Für Hertha BSC spielte der Südamerikaner in der Saison 2016/17. In der deutschen Kapitale kam er auf 15 Einsätze und eine Partie im DFB-Pokal, er stand immerhin achtmal in der Anfangsformation. 

Für die Eintracht hat er bisher vier Bundesligaspiele bestritten, zweimal stand er sogar in der Startformation. Überzeugen konnte Allan Souza dabei nicht immer.  

Herr Souza, die Mannschaft hat am Donnerstag auf Zypern gespielt, europäisch, auch noch gegen Ihren Ex-Verein Apollon Limassol. Sie waren derweil zu Hause in Frankfurt und mussten mit den Kollegen trainieren, die nicht berücksichtigt wurden. Ist das nicht enttäuschend? 
Ich hätte natürlich gerne gespielt, das geht ja jedem Spieler so, der nicht dabei ist. Aber das ist eine Entscheidung des Trainers. Das muss man respektieren. Ich muss noch mehr und noch besser trainieren, damit ich einen Platz im Kader bekomme. 

In diesem Fall ist die Entscheidung ja schon vor einigen Wochen gefallen, als das Aufgebot für die Europa League bekanntgegeben werden musste. Damals waren Sie noch weit weg von der Mannschaft. Denken Sie, dass das heute, da Sie näher ans Team gerückt sind, anders aussehen würde?
Ich gebe im Training alles, um das zu schaffen. Ich hoffe, dass ich dann im kommenden Jahr bei den K.o.-Spielen auf der Liste stehe. 

Zypern war nur eine Station von vielen, die Sie durchlaufen haben. Sie waren in Finnland, Belgien, auch schon in Deutschland bei Hertha BSC. Wie würden Sie die Jahre der Wanderschaft rückblickend bewerten?
Das war schwierig für mich und grundsätzlich gefällt mir das auch nicht. Aber es war nicht immer meine persönliche Entscheidung, da waren mehr Personen und auch die Vereine involviert. Jetzt möchte ich versuchen, für eine längere Zeit bei einem Verein zu bleiben.

Aber Sie sind auch von der Eintracht nur für ein Jahr ausgeliehen. Und dann? Zurück nach Liverpool?
Es hängt auch von der Eintracht ab, ob sie sich vorstellen kann, mich länger zu behalten. Ich würde gerne hier bleiben. Ich habe ja auch gar keine Erlaubnis, um in England zu spielen. Eintracht Frankfurt ist ein großer Verein mit einer großen Mannschaft. Ich würde, wie gesagt, sehr gerne bleiben.

Sie konnten sich bei keinem Verein so richtig durchsetzen. Weshalb eigentlich? Was glauben Sie?
Das ist ja nicht leicht für mich, ich war ja immer nur für ein Jahr ausgeliehen. Und dann kommt man in eine neue Mannschaft, der Kader steht schon, und man muss sich da erst mal reinfinden. Aber man hat nicht viel Zeit. Man muss sofort funktionieren, man kommt an, muss sich schnell akklimatisieren, man muss sich gleich durchsetzen und spielen – das ist nicht so leicht. Aber ich verstehe auch die Vereine, die wollen ja ein Return of Invest haben. Und ich denke, dass es auch ein Problem für mich ist, dass die Vereine, wenn das Niveau der Spieler ähnlich ist, lieber auf die Spieler setzen, die schon länger da sind, längerfristig gebunden sind, vielleicht sogar aus der eigenen Jugend kommen.

Diese Geschichte mit Liverpool ist für einen Außenstehenden irgendwie merkwürdig gelaufen. Also Sie oder Ihre Berater müssen doch vorher gewusst haben, dass Sie gar keine Spielgenehmigung erhalten.
Ja, klar. Das wussten auch alle. Aber es war für mich trotzdem eine gute Option. Ich kam aus Brasilien, habe in der U20 gespielt, und dann kommt ein Verein wie Liverpool und will dich fest verpflichten – ja, was würden Sie denn machen?

Sehr wahrscheinlich nach Liverpool wechseln.
Sehen Sie (lacht). 

Was muss denn geschehen, damit Sie eine Arbeitserlaubnis für die Premier League bekommen?
Ich müsste in einer europäischen Topliga, also Deutschland, Spanien, Italien oder Frankreich, spielen. Aber nicht nur das. Der Verein muss entweder in der Champions League aktiv sein, mindestens aber in der Europa League. Und für diesen Verein müsste ich dann 50 Prozent von allen Pflichtspielen gemacht haben, aber auch das war es noch nicht: Ich müsste in der Startelf stehen, also nicht eingewechselt werden.

Oha, das sind ja Bedingungen, die Sie kaum mehr erfüllen können.
Ja, aber auf der Spielgenehmigung für England liegt mein Fokus auch nicht mehr. Ich möchte bei einer anderen Mannschaft bleiben. Und wie gesagt, ich würde Eintracht Frankfurt präferieren. 

Wie ist das Leben fern der Heimat, wenn man quer durch Europa tingelt?
Es ist schwierig. Also das Leben in Europa gefällt mir schon, aber die vielen Wechsel sind natürlich nicht das, was ich mir vorgestellt und erhofft habe. Es ist nicht gut für mich und auch für das Familienleben nicht. Und auch für meine Karriere ist es nicht gut. 

Hat Sie denn Ihre Familie immer begleitet?
Ja, und wir haben jetzt auch Nachwuchs bekommen. Vor zwei Wochen kam meine Tochter zur Welt. 

Herzlichen Glückwunsch. Gibt Ihnen das zusätzliche Kraft und Motivation?
Natürlich. Das ist zwar Neuland für uns, aber eine sehr große Freude. Ich muss jetzt auch für meine Familie sorgen, damit es ihnen in Zukunft gut geht. 

Haben Sie Heimweh?
Ein bisschen, ja. Brasilien gefällt mir, das Leben ist anders. Klar vermisse ich Brasilien, aber ich bin hier trotzdem glücklich. Ich möchte schon gerne in Europa bleiben, aber wenn es für mich keinen Markt mehr geben würde, müsste ich mir Gedanken machen. Und ganz ehrlich: Ehe ich noch mal so etwas wie in Finnland oder Zypern mache, würde ich eher wieder zurück nach Brasilien gehen.

Waren Ihre Eltern schon mal in Europa?
Sie arbeiten beide, aber sie kommen im Januar und bleiben für einen Monat. Meinen Bruder habe ich aber schon lange nicht mehr gesehen, er arbeitet viel und hat zwei Kinder. Wenn die ganze Familie zu sechst rüberkommen würde, okay, das wäre ganz schön teuer. Die Flugtickets kosten ja auch ein bisschen was (lacht). 

Wie muss man sich das als Kurzarbeiter vorstellen? Bleiben Sie da lieber im Hotel wohnen oder suchen Sie sich ein Haus, um sich heimisch zu fühlen?
Ich suche mir immer ein Haus. Es kommen ja auch Freunde zu Besuch. Man fühl sich einfach wohler. 

Kommen wir zu Ihrer Zeit bei der Hertha. Da lief es anfangs gar nicht so schlecht, Sie sind dann aber irgendwann zu U20-WM nach Ecuador geflogen. Das soll bei den Berliner Verantwortlichen nicht so gut angekommen sein. 
Ja, das hat mich ein bisschen zurückgeworfen. Aber, naja, das ist doch Schnee von gestern. Ansonsten war es in Berlin auch ganz schön, natürlich etwas größer alles.

Was sind Ihre Ziele für die kommenden Wochen und Monaten?
Ich möchte so viele Spiele wie möglich machen, egal, ob als Einwechselspieler oder in der ersten Elf. Die Mannschaft steht ganz klar im Vordergrund, da muss man sich selbst zurücknehmen. 

Ist dieses Niveau das höchste, auf dem sie spielen?
Ja, das denke ich schon. Die Bundesliga im Allgemeinen ist auf einem sehr guten Level. Okay, die Premier League hat mehr finanzielle Mittel und hat daher vielleicht die Nase leicht vorne. Aber die Ligen sind eng beieinander.

Und wenn Sie es mit Ihrer Zeit in Limassol vergleichen?
Der Unterschied ist vorhanden, klar. Aber das Gute an meiner Zeit auf Zypern war, dass wir da auch in der Europa League  antreten durften, wir haben gegen Everton, Atalanta Bergamo und Lyon gespielt – das waren gute Erfahrungen, die ich sammeln konnte. 

 
Hilft es Ihnen, dass die Mannschaft hier sehr international ist?
Ich finde das gut. Jeder bringt seine Gewohnheiten und Bräuche ein, jeder lernt von jedem, jeder hilft jedem. Das schweißt zusammen. Und das ist auch der Grund, weshalb die Mannschaft eine Einheit bildet. Jeder wird hier gut behandelt, auch ich bin vom ersten Tag an super aufgenommen worden. Der Umgang und das Miteinander sind wirklich sehr gut.

Was machen Ihre Deutschkenntnisse?
Ich lerne, ich möchte und will auch. Aber es ist eine schwere Sprache, sehr schwer, unglaublich schwer (lacht). Und natürlich weiß man nicht, wie es weitergeht, ob man die Sprache in der Zukunft überhaupt noch braucht. Klar fragt man sich dann, ob man sich nicht eher auf Englisch konzentrieren sollte, weil das ja überall gesprochen wird. Ich habe das Gefühl, je mehr ich Deutsch lerne, desto schlechter wird mein Englisch. Aber bitte nicht falsch verstehen: Ich nehme hier natürlich trotzdem am Deutschunterricht teil, das steht außer Frage. 

Kommen wir zu Liverpool und Trainer Jürgen Klopp. Er hat ja in den höchsten Tönen von Ihnen geschwärmt.
Das stimmt. Aber das liegt ja schon zwei, drei Jahre zurück. Ich muss den Beweis antreten, dass er mich zu Recht gelobt hat. Ich kann mich ja nicht auf seinen Worten ausruhen. Und es ist ja auch so: Wenn es gut läuft, erhält man schnell Lob. Man sollte das richtig einordnen. 

Wie haben Sie Jürgen Klopp als Trainer erlebt?
Ich mag ihn sehr, weil er alle Spieler gleich behandelt, auch die, die nicht so oft spielen. Er lässt niemanden links liegen. Und das ist wichtig: Wenn du einen Spieler, der selten spielt, noch weiter isolierst oder nicht beachtest, dann wird seine Formkurve nicht mehr nach oben, sondern immer nach unten zeigen. Aber Jürgen Klopp gibt jedem das Gefühl, wichtig zu sein. Das ist für die Motivation wichtig, man verliert nicht die Lust und schaut positiv nach vorne. Das ist ein besonderer Aspekt an ihm, Jürgen Klopp lässt niemanden im Stich. 

Klopp soll sowohl Ihnen als auch der Eintracht zu Ihrem Wechsel nach Frankfurt geraten haben. 
Das ist korrekt. Er hat mit mir gesprochen und gesagt: Die Eintracht ist ein großer Verein und hat eine große Mannschaft. Aber das wusste ich schon vorher. 

Interview: Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein
Übersetzung: Stéphane Gödde 

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