1. Startseite
  2. Eintracht

Jesper Lindström und der ausgediente Zitterfuß

Erstellt:

Von: Ingo Durstewitz

Kommentare

Immer für einen Spaß zu haben: Jesper Lindström, dänische Frohnatur in Diensten der Eintracht.
Immer für einen Spaß zu haben: Jesper Lindström, dänische Frohnatur in Diensten der Eintracht. © Jan Huebner

Eintracht-Sprinter Jesper Lindström baut auf die Arbeit eines Mentaltrainers und traut dem Team zu, wieder Geschichte zu schreiben.

Das WM-Debakel hat Jesper Lindström hinter sich gelassen, abgeschüttelt wie eine lästige Fliege. Nix war es mit Danish Dynamite in der katarischen Wüste. Ein einziges Tor haben die Dänen fabriziert und nur einen Punkt geholt, beim drögen null zu null gegen Tunesien am ersten Spieltag, es folgte ein 1:2 gegen das große Frankreich und ein 0:1 gegen das kleine Australien. Raus ohne Applaus. Für eine Mannschaft, die den Namen nicht verdiente. „Die Erwartungen waren hoch, wir haben sie nicht erfüllen können“, sagt Eintracht-Stürmer Lindström mit einigem Abstand betont nüchtern. „Es war enttäuschend.“

Fürs Team, für ihn persönlich nicht. Der 22-Jährige hat alle drei Spiele bestritten, zweimal stand er in der Startelf. Er hat sicher kein überragendes Turnier gespielt, aber ein ordentliches. „Ich habe mich gezeigt und bewiesen, dass ich was reißen kann. Für mich war es eine gute WM.“ Die längst Geschichte ist.

Das ist kein schlechtes Stichwort, denn im Gespräch mit dem Bundesliga-Rookie der vergangenen Spielzeit fällt das Wörtchen „history“ relativ inflationär. „Wir haben Geschichte geschrieben“, sagt der Nationalspieler und meint natürlich den monumentalen Europa-League-Triumph von Sevilla. „Und wir tun alles dafür, um wieder Geschichte zu schreiben.“ Was genau das sein soll, vielleicht mal die Meisterschaft, den Champions-League-Titel oder mal wieder den DFB-Pokal (ist ja schon lange her, der Coup gegen die Bayern, fünf Jahre im Frühjahr), definiert er nicht weiter. Es gehe ja nicht immer nur um Trophäen, sondern auch darum, „wie sich die Mannschaft entwickelt“.

Schließlich wolle die Eintracht nicht nur in diesem Jahr ein Team aufs Feld schicken, das weit oben andocken soll, sondern auch in der Zukunft. „Das Ziel ist, jede Saison ein Top-Team zu stellen, das sich für Spitzenpositionen qualifizieren kann.“ Interessanter Aspekt: Geschichtsschreibung als fortlaufender Prozess sozusagen.

Dass in diesem Jahr einiges möglich ist, glaubt Jesper Lindström auf alle Fälle. Er hat, abermals, einen ganz speziellen Geist in der Truppe ausgemacht. „Wir haben ein ganz erstaunliches Team, einen außerordentlichen Spirit.“ In der Tat ist die Zielstrebigkeit, die Kameradschaft und die Fokussierung nicht nur auf dem Feld spürbar. Da scheint fürwahr eine Einheit erwachsen zu sein, die alles reinwirft, was in ihr steckt, an sich glaubt und alles den großen Zielen unterordnet. Die Mannschaft, denkt nicht nur das Nordlicht aus Taastrup, sei stärker als jemals zu vor. „Wir haben gezeigt, dass wir jedes Team schlagen können.“

Das liegt in erster und zweiter Linie an der prächtigen Offensivabteilung, Lindström, Randal Kolo Muani, Daichi Kamada und Mario Götze lehren den Bundesligakonkurrenten das Fürchten, sie brennen in bemerkenswerter Regelmäßigkeit wahre Feuerwerke ab. Lindström stockt so ein wenig, als er auf die ungezügelte Angriffslust angesprochen wird. „Wir machen vielleicht die Tore und produzieren die Schlagzeilen, aber das ist es nicht alleine. Es ist das ganze Team, jeder kämpft für den anderen, es ist unglaublich.“

Doch bei allem Understatement: Natürlich sind die kreativen Offensiven das Zünglein an der Waage. Und auch der Skandinavier selbst profitiert in seiner zweiten Saison von seinen Nebenleuten, von den Ideengebern Daichi Kamada und Mario Götze etwa. „Mario ist Mario“, sagt Lindström lachend. „Er spielt immer den richtigen Pass.“ Und dann ist da noch Kolo Muani, den Durchstarter aus Frankreich, schnell wie der Wind, stark wie ein Löwe. „Er macht mich besser“, betont Lindström, gewiss nicht viel langsamer als die Rakete aus Bondy. „Und ich hoffe, ich mache ihn auch besser.“

Durch die Schnelligkeit des Sturmpartners sei die Mannschaft nicht mehr so leicht auszurechnen wie in der zurückliegenden Spielzeit, in der Lindström alleine für die tiefen Läufe zuständig war. Nun ist die Eintracht schwerer zu greifen und zu verteidigen. Lindström selbst ist ein entscheidender Faktor, längst Leistungsträger und unentbehrlich. Seine rasante Entwicklung hin zu einem Fixpunkt lässt sich auch an Zahlen festmachen: In allen sechs Champions-League-Partien stand der fast 23-Jährige in der Startelf (ein Tor), in der Bundesliga startete er zwölfmal, sechs Tore und zwei Vorlagen stehen in der Statistik. Das ist nicht schlecht, gerade für einen, der in der abgelaufenen Spielzeit immer vom Zitterfuß befallen wurde, wenn der gegnerische Torwart in Sichtweite kam.

Das ist jetzt anders, er ist abgezockter im Abschluss, nicht mehr so überhastet. Dank eines Mentaltrainers. „Er hilft mir, in den entscheidenden Situationen ruhig zu bleiben.“ Lindström ist zufrieden, wie es läuft. „Ich gebe alles fürs Team, mache mehr Tore und bereite mehr vor“, bekundet er. Zu seiner Anfangszeit in Frankfurt seien seine Vorstellungen okay gewesen, aber das letzte bisschen, das gewisse Etwas habe gefehlt. „Jetzt bin ich für die Mannschaft wichtiger.“

Längst ist der schnelle Mann in den Fokus anderer Vereine geraten. Das Interesse des FC Arsenal ist verbrieft, 25, 30 Millionen Euro würden die Gunners für die Dienste des Rechtsfußes zahlen. Doch das ist für die Eintracht kein Thema, bei seinem Potenzial, der Entwicklungsmöglichkeit in seinem Alter und der Vertragslaufzeit (langfristig bis 2026), sind 50 Millionen durchaus realistisch. Der stets gut gelaunte Spieler bleibt da eh ganz cool. Er fühle sich ausgesprochen wohl in Frankfurt, doch ob er im Sommer, in einem Jahr oder in zehn Jahren gehe, nein, das könne er nicht beantworten. „Meine Freundin und ich lieben es in Frankfurt, es ist wie ein Zuhause. Ich bin ein Teil der Eintracht. Aber im Fußball weißt du nie, was passiert.“ Manchmal fällt – Stichwort: „history“ – ja sogar ein Europa-League-Titel vom Himmel.

Auch interessant

Kommentare