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"Jeder Zyklus kommt mal zu einem Ende"

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Von: Ingo Durstewitz

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Schwört das Team auf den Endspurt ein: Kapitän David Abraham.
Schwört das Team auf den Endspurt ein: Kapitän David Abraham. © Imago

Eintracht-Kapitän David Abraham über das Theater um Trainer Niko Kovac und den Traum von Europa.

David Abraham, der im Sommer 32 wird, ist in Frankfurt schon fast eine Institution, seit drei Jahren schnürt er die Stiefel für die Eintracht. In Tagen wie diesen ist das schon eine lange Zeit. Der Abwehrchef wird dem Klub auch noch länger erhalten bleiben, sein Vertrag läuft bis 2021. Die Chancen stehen also nicht so schlecht, dass der Argentinier seine Karriere in Frankfurt beenden wird. Abraham trägt in Abwesenheit von Alexander Meier seit dieser Saison die Kapitänsbinde, für Trainer Niko Kovac ist der Verteidiger eine zentrale Säule: „Er ist unsere Lebensversicherung.“

Abraham, der 2015 für die vergleichsweise geringe Ablösesumme in Höhe von 1,5 Millionen Euro aus Hoffenheim an den Main wechselte, zeichnet seine Schnelligkeit aus, es gibt kaum einen Akteur, der flinker auf den Beinen ist als er, der Eintracht-Windhund. Doch auch er konnte die Flut an Gegentoren zuletzt nicht eindämmen. „Elf Gegentore sprechen eine klare Sprache. Das wurmt mich“, sagt er. Aber es sei halt auch so, dass die Mannschaft als Kollektiv in einigen Phasen nicht richtig funktioniert habe. „Und dann bringt es nichts, die Schuld bei einzelnen Spielern zu suchen.“

Herr Abraham, Sie sind angeschlagen, die Adduktoren machen Probleme. In der vergangenen Woche konnten Sie kaum trainieren. Muss man sich Sorgen machen, dass nun auch noch der Kapitän ausfällt?
Nein, nein. Am Donnerstag habe ich schon wieder mitgemacht. Ich werde dem Trainer am Samstag zur Verfügung stehen. Alles okay.

Die Partie gegen den HSV ist eine bedeutende, der Trend spricht nicht für die Eintracht.
Es ist ein sehr wichtiges Spiel für uns, wir wollen die drei Punkte unbedingt hier behalten. Wir wollen uns und den Fans zum Abschluss noch mal einen Sieg schenken, wir wollen den Menschen eine Freude machen und uns für eine Saison bedanken, die insgesamt sehr gut gelaufen ist. Man darf nicht vergessen: Wir fahren nach Berlin zum Pokalfinale, und wir haben die Möglichkeit, auch in der Meisterschaft noch weiter oben zu landen. Das sollte man in diesen Tagen auch einfach mal erwähnen, denn das ist ja Fakt.

Klar, aber die Freude ist zuletzt eher dem Frust gewichen. Inwieweit ist die Angst vorhanden, dass man sich auf den letzten Metern noch die gute Saison zerstört?
Ich denke, man sollte die Saison global betrachten, also von Anfang bis Ende. Und nicht nur sehen, wie die letzten Spiele gelaufen sind. Wir haben es immer noch in der eigenen Hand, wir können unserer Geschichte ein schönes Kapitel anfügen. Wir können noch auf 52 Punkte kommen, das wäre eine Ausbeute, die schon länger keine Eintracht-Mannschaft mehr erreicht hat. Natürlich ist der Trend nicht der beste, aber das müssen wir ausblenden und uns auf unsere Stärken besinnen. Wir sollten positiv denken und das Negative nicht zu sehr an uns heranlassen.

Wie ist die Stimmung im Team, seit feststeht, dass Trainer Niko Kovac zu den Bayern wechselt? Was hat sich verändert?
Es hat sich nichts verändert, alles geht seinen gewohnten Gang. Die Saison biegt auf die Zielgerade ein. Klar, aber es wird trainiert wie vorher auch. In den Abläufen ist alles gleich, auf allen Ebenen.

Nun ja, mit Verlaub: Selbst Kevin-Prince Boateng räumte ein, dass es ein Schock gewesen sei, als der Trainer seinen Wechsel bekanntgab.
Das will ich gar nicht verhehlen, das bestreite ich auch nicht. Natürlich war es am Anfang ein Schock. Aber danach ist trotzdem alles so geblieben. Und man muss doch auch einfach mal klar sagen: So etwas gehört im Fußballgeschäft dazu. Ich bin jetzt seit 14 Jahren Profi, ich habe viel erlebt und ich weiß, wie es läuft. Und da muss man doch einfach mal klar sehen, dass es normal ist, dass Trainer und Spieler wechseln. Jeder Zyklus kommt mal zu einem Ende, irgendwann können sich die Wege trennen. Noch mal: Es gab sicher einen kurzzeitigen Schockzustand, aber dass sich danach etwas verändert haben sollte? Nein!

Mal auf eine andere Ebene gehoben: Als Spieler sollte man doch in erster Linie für seinen Erfolg und den der Mannschaft arbeiten? Da muss man sich ja eigentlich nicht hinter dem Trainer verstecken?
Das stimmt. Man braucht keine Ausreden. Jeder gibt 100 Prozent für sich und damit auch für das Team. Natürlich fällt es leichter, wenn man in einer Mannschaft ist, die Erfolg hat. Wenn es nicht läuft, ist vieles schwerer, aber das ist ja normal. Ich kann versichern, dass die Bereitschaft von jedem, alles herauszuholen, absolut da ist. Und da spreche ich nicht nur für mich, sondern für die gesamte Mannschaft.

Müssen Sie als Kapitän jetzt noch mehr vorneweg gehen? Der Trainer hat verlauten lassen, dass die Führungsspieler, Sie, Prince Boateng oder Omar Mascarell, nun besonders gefordert seien.
Natürlich sind jetzt die erfahrenen Spieler gefragt. Man kann das nicht auf junge Spieler abladen, die ihre ersten Schritte in der Bundesliga machen. Das ist doch ganz klar. Wir gehen mit gutem Beispiel voran. Die Erfahrung hilft uns dabei, wir wollen alle positiv anstecken, um sich auf das Wesentliche konzentrieren zu können. Wir sprechen viel untereinander, wir ordnen dem Erfolg der Mannschaft alles unter. Das sieht jeder so. Wir sind eine Einheit. Wir sind eine Gruppe, eine Gemeinschaft, wir sind immer gut miteinander umgegangen. Das ist auch nicht selbstverständlich, weil wir einen großen Kader haben und vielleicht nicht alle auf die gewünschte Spielzeit gekommen sind. Aber alle haben sich immer in den Dienst der Truppe gestellt. Das kann ich versichern. Und jetzt, wenn die entscheidenden Spiele anstehen, werden wir noch enger zusammenrücken.

Die denkbar schwache Leistung in München gegen eine bessere Jugendmannschaft der Bayern hat uns etwas überrascht. Was war da los?
So etwas kann immer mal vorkommen. Es gibt Tage, an denen man schon früh merkt, dass ein, zwei Spieler vielleicht nicht ihren besten Tag haben. Manchmal strahlt das auf die ganze Mannschaft ab, und dann bekommt man ein Problem. Das Gute am Fußball ist, dass man immer wieder die Chance hat, so etwas zu korrigieren. Und das wollen wir jetzt in den beiden noch ausstehenden Ligaspielen machen. Wir haben immer noch die Chance, uns für einen internationalen Wettbewerb zu qualifizieren. Etwas Schöneres gibt es doch gar nicht. Eine größere Motivation kann es gar nicht geben, die Eigenmotivation wird größer denn je sein.

Trotzdem: Es scheint, als sei die Luft etwas raus, man vermisst den letzten Zug.
Das würde ich nicht so sehen. Man kann ein paar Dinge ins Feld führen, vielleicht Pech, vielleicht Unvermögen. Aber man muss auch klar sehen, dass die Spielverläufe zuletzt nicht glücklich waren, da ist einiges gegen uns gelaufen. Da kam schon einiges zusammen. Wenn wir in manchen Spielen in Führung gehen, nehmen die Partien einen anderen Ausgang, da bin ich mir sicher. Aber noch mal: Wir stehen auf Platz sieben, und da stehen wir zu Recht. Man darf sich nicht vom Momentum leiten lassen und alles auf die letzten drei Spiele herunter brechen. So eine Saison ist ja auch ein Gesamtbild.

 
Platz sieben wäre ja mit einer wahren Tortur durch Europa verbunden, da warten insgesamt sechs Qualifikationsspiele. Ist das in der Mannschaft ein Thema? Der Urlaub wäre ja auch arg verkürzt.
Nein, der Urlaub ist noch gar nicht festgelegt worden. Und glauben Sie mir, an Urlaub denkt auch niemand zurzeit. Im Übrigen können wir ja auch noch Sechster werden oder das Finale gewinnen.

Sie sprechen das Pokalendspiel an. Berlin ist immer ein tolles Erlebnis, aber steht der Gegner, die Bayern, nicht wie ein Monument vor Ihnen? Das scheint für die Eintracht ja eine aussichtslose Angelegenheit.
Man kann sicher sagen, es ist das Duell David gegen Goliath. Aber es ist ein Spiel, ein einziges, da kann viel passieren, da ist alles möglich. Wir werden mit der 100-prozentigen Überzeugung antreten, dieses Endspiel zu gewinnen. Aber das Finale ist ein Thema für sich, das spielt in unseren Köpfen noch keine Rolle. Wir konzentrieren uns jetzt erst einmal auf die nächsten beiden Spiele in der Liga, darauf legen wir den Fokus.

Dann kommen wir mal zum HSV, den Gegner am Samstag, der hat gerade einen guten Lauf. Kann das für solch eine Partie eine Rolle spielen?
Für den HSV ist es ein Spiel um Leben und Tod, sie spielen ums Überleben, um die vielleicht letzte Chance, die Klasse zu halten. Das ist eine große Motivation, keine Frage. Für den HSV ist das auch eine Art Finale. Wir waren vor zwei Jahren ja in einer ähnlichen Situation, wir haben es selbst erlebt, da hat man gesehen, was man für Kräfte freisetzen kann. Da ist man auch mal schnell bei 1000 Prozent, die man auf den Platz bringt. Deshalb müssen wir aufpassen. Der HSV hat einen Lauf, er ist im Kommen, er ist gefährlich. Aber noch mal: Wir haben unsere eigenen Ambitionen, wir wollen den Dreier einfahren. Um jeden Preis.

Interview: Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein Übersetzung: Stéphane Gödde

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