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Eintracht Frankfurt: Krise spitzt sich zu – Team spürt Glasners Zorn

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Von: Ingo Durstewitz

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Auch zunehmend ratlos: Trainer Oliver Glasner.
Auch zunehmend ratlos: Trainer Oliver Glasner. © imago images/osnapix

Der Absturz von Eintracht Frankfurt hat viele Gründe. Auch der Umgang von Trainer Oliver Glasner mit manchem Spieler wirft Fragen auf.

Frankfurt – Zum Einstieg ein paar karge Zahlen: In der Rückrundentabelle rangiert Eintracht Frankfurt mit vier kümmerlichen Punkten auf Platz 15, ein Törchen vor dem FC Augsburg auf dem Relegationsrang und jeweils zwei Zähler vor dem VfB Stuttgart und Hertha BSC auf 17 und 18. Sechs eigene Treffer haben die Hessen zustande gebracht, vier davon resultierten aus sogenannten Standards, ein Schuss sauste abgefälscht ins Netz – auch diese signifikante Torungefährlichkeit unterbieten nur die Schwaben und die Hauptstädter (je fünf). Und man muss ganz klar festhalten: In der derzeitigen Verfassung steht die Eintracht völlig zu Recht dort, wo sie im Rückserientableau gerade steht: hauchzart vor einem Abstiegsplatz. Der Absturz ist rasant und allemal bedenklich.

Die Frage ist ja, was mit dieser Mannschaft geschehen ist, die kurz vor Weihnachten die Konkurrenz und Experten gleichermaßen beeindruckt hat. „Sie kommt in dieser Form direkt nach den Bayern“, sagte Mainz-Boss Christian Heidel nach der 0:1-Niederlage seiner Nullfünfer Ende Dezember. Und TV-Experte Dietmar Hamann stellte der geleisteten Arbeit ein Zeugnis der Extraklasse aus: „Eins mit Stern.“

Eintracht Frankfurt: Noch nicht von der Niederlage gegen Dortmund erholt

Und auch zu Beginn des neuen Jahres warf das Team im Heimspiel gegen Borussia Dortmund lange Zeit eine Leistung auf den Rasen, die nachhaltig beeindruckte. „Der Ball läuft wie an der Schnur gezogen durch die Reihen, stets ist die Mannschaft darum bemüht, fußballerische Lösungen zu finden. Die Entwicklung des Spielstils bemerkenswert“, schrieb die FR im Januar nach dem BVB-Spiel: „Die Dortmunder wurden von der Wucht, der Spielstärke und dem Tempo der Hessen überrollt.“

Vielleicht war aber gerade dieses Spiel so eine Art Schlüsselerlebnis, der Wendepunkt – hin zum Schlechten. Denn der Rückrundenauftakt ging ja letztlich doch in die Hose, aus 2:0 wurde noch 2:3. Der Anfang vom Ende, irgendwie.

Davon hat sich die Eintracht bis heute nicht erholt, fast scheint es, als sei etwas zerbrochen an diesem Abend im Stadtwald. Seitdem ist vieles auf der Strecke geblieben, die Souveränität, die Idee des Fußballs, die Formstärke, die Kratzbürstigkeit, die Automatismen, das Selbstvertrauen und der gemeinschaftliche Ansatz. Wenn Kapitän Sebastian Rode nun warnt: „Wir müssen eine Einheit bleiben und dürfen uns nicht selbst zerfleischen“, dann lässt das tief blicken.

Eintracht Frankfurt: Glasner verliert die Fassung – Kamada bekommt Zorn des Trainers zu spüren

Auch Oliver Glasner geht nicht mit leuchtendem Beispiel voran. Spielmacher Daichi Kamada bekam nach dem jüngsten 0:1 der Eintracht in Köln den Zorn des Trainers zu spüren, der ihn noch auf dem Feld ausschimpfte. Kritik an den Spielern, auch mal öffentlich, steht einem Coach natürlich zu, aber in angemessener Form. Einen Akteur aber vor den TV-Kameras runterzuputzen, ist keine Glanzleistung. Da sollte sich ein Cheftrainer besser im Griff haben. Es ist kein gutes Signal nach innen und außen und auch nicht gerecht. Kamada war mit seiner Auswechslung nach Einwechslung schon gestraft genug.

Es geht ja auch anders. Martin Hinteregger etwa ist von Glasner stets (und zu Recht) geschützt worden, obwohl dieser gleich mehrere kapitale Böcke geschossen hat. Interessant dürfte jetzt der Umgang sein, ob der Japaner fallen gelassen oder wieder eingebunden und vielleicht sogar aufgepäppelt wird. Andere Spieler wundern sich ebenfalls, wie schnell sie wieder aus dem Team rotieren. Danny da Costa etwa ist sofort draußen, wenn die Leistung nicht passt. Andere wie Ajdin Hrustic schießen zwei Tore, werden zum Matchwinner und trotzdem nicht mehr eingesetzt.

Diese innere Zerrissenheit spiegelt sich auf dem Feld wieder. Die Urtugenden, die die Mannschaft in den letzten Jahren unter Niko Kovac und Adi Hütter und zeitweise auch unter Glasner ausgezeichnet hatten, sind abhanden gekommen, eben das Radikale, die Bedingungslosigkeit, das Wilde. Das hat die Eintracht aber stark gemacht. Es war immer eklig, gegen die Hessen zu spielen, Schwerstarbeit. Doch nach der jüngsten Niederlage in Köln stellte ein zerknirschter Glasner fest, dass die Zweikampfbilanz mies ist und klagte generell: „Wir wehren uns manchmal nicht genug.“

Eintracht Frankfurt: Selbstvertrauen geht flöten

Glasner hat auch die Herangehensweise verändert, die Prioritäten verschoben und den Fokus auf die Defensive gelegt. In Köln jetzt standen nur drei offensiv denkende Akteure auf dem Platz: Rafael Borré als Alleinunterhalter im Sturm, dahinter Jesper Lindström und auf links Filip Kostic, der aber so mit Defensivaufgaben beschäftigt war, dass er sich in der Offensive gar nicht entfalten konnte. Wenn Kostic so spielen muss wie im Rheinland, muss man auch keinen Kostic aufstellen, da könnte auch Christopher Lenz den Linksverteidiger geben, genauso wie weiland Christoph Spycher oder Bastian Oczipka.

Zudem ist im Zuge der Niederlagen das Selbstvertrauen flöten gegangen, das aber manche Akteure extrem brauchen, um ihr Spiel durchzudrücken und ihre Stärken zu entfalten. Martin Hinteregger zum Beispiel, der in Köln sogar die Kapitänsbinde freiwillig an Kevin Trapp abtrat, um sich mehr auf die eigene Leistung konzentrieren zu können. Oder Djibril Sow. Der Schweizer, unlängst noch von Sportvorstand Markus Krösche als die Entdeckung gelobt, ist wieder in alte Verhaltensmuster zurückgefallen, spielt passiv, denkt vorsichtig, passt quer. Sow ist ein Ebenbild der ganzen Mannschaft.

Und bei manchen Spielern ist es eben auch eine Frage der Qualität. Im Sturm kämpft der tapfere, 1, 74 Meter große Borré weiterhin gegen allerlei Abwehrhünen und wird entweder mit hohen Bälle gefüttert oder ganz alleine gelassen, und im Mittelfeld pendelt sich der spielerisch limitierte Kristijan Jakic auf einem Niveau ein, das der Bundesligaspitze bei weitem nicht genügt. Vielleicht hätte die Eintracht dort nachbessern sollen, entschied sich aber für eine Stärkung der schwachen rechten Seite, wo Ansgar Knauff die Qualität erhöhen sollte. Eine wirkliche Chance hat er freilich noch nicht bekommen.

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