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Auf Distanz: So sah es beim Gastspiel in Amsterdam aus, in Frankfurt wird der Abstand größer sein.

Bundesliga

Wieder mit Fans im Stadion: Eintracht Frankfurt ist in der Vorreiterrolle

  • Ingo Durstewitz
    vonIngo Durstewitz
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  • Georg Leppert
    Georg Leppert
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Eintracht Frankfurt darf gegen Bielefeld mit 6500 Fans starten und sieht ihr Konzept als beispielhaft. Die Mehrzahl der Tickets werden verlost. Die Ultras kündigen an, nicht zu kommen.

  • Eintracht Frankfurt darf seine ersten beiden Bundesliga-Heimspiele vor jeweils 6500 Fans austragen
  • Im Hygienekonzept sind alle Abläufe klar definiert
  • Alkohol ist verboten, Stehplätze und Gästefans ebenfalls

In der linken Hand hielt Axel Hellmann das Dokument, das gegen elf Uhr am Freitagvormittag (11.09.2020) hineingeflattert kam, er reckte es in die Luft, wedelte damit, nicht triumphierend, aber sehr wohl erleichtert, unheimlich erleichtert. Auf dem DIN-A4-Papier war der Beschluss des Frankfurter Gesundheitsamts, dass der ortsansässige Fußball-Bundesligist seine ersten beiden Heimspiele gegen Arminia Bielefeld in einer Woche und die TSG Hoffenheim am 3. Oktober vor 6500 Fans austragen darf. Für den Vorstand der Eintracht eine Nachricht von herausragender Bedeutung, eine Nachricht, für die der „halbe Betrieb im Eintracht-Kosmos“ wie ein Löwe kämpfte.

Die vergangenen Wochen und Monate bezeichnete der 49-Jährige „als die größte, schwierigste und komplexeste Herausforderung, die wir bewältigen mussten“. Er meinte in erster Linie das 33 Seiten starke, durchdachte Hygiene- und Gesundheitskonzept, das sein Team in mühseliger Kleinstarbeit ausgetüftelt hat, aber sicherlich auch die generelle Haltung inmitten der Corona-Umklammerung.

Konzept von Eintracht Frankfurt soll die größtmögliche Sicherheit gewähren

Dass Eintracht Frankfurt vor Publikum starten darf und nicht im Geisterspielmodus starten muss, war vor wenigen Wochen nicht absehbar. „Die Lage hat sich zwar nicht entspannt, aber stabilisiert“, bekundete Hellmann, der die Behörden und auch die hessische Politik für ihren Mut lobte.

Dessen ungeachtet ist der Marketingvorstand der felsenfesten Überzeugung, dass der vorgelegte Plan wasserdicht und die größtmögliche Sicherheit gewährleistet ist. „Ich kenne kein Konzept in der Bundesliga, das so viel Detailtiefe hat. Alle Experten haben es als außerordentlich gut und vorbildlich bewertet“, sagte Hellmann, der das Eintracht-Schema in diesen unsicheren Tagen gar als stilprägend sieht. „Ich sehe uns als Vorreiter und Eisbrecher.“ Die Strategie könne für die Konzert- und Eventbrache, aber auch die Hallensportarten als Blaupause dienen. „Wir sind transparent, jeder kann es haben, wir stehen mit Rat und Tat zur Verfügung.“

Eintracht Frankfurt wollte mit 11.275 Fans starten

Der Klub hatte ursprünglich den Antrag gestellt, mit 11.275 Fans starten zu dürfen, bewilligt wurden letztlich 6500. Aber auch das sei für den Anfang absolut in Ordnung. „Wir sind heilfroh, dass wir einen Einstieg gefunden haben.“ Dabei zahlt Eintracht Frankfurt sogar drauf, „wirtschaftlich ist das für uns nicht kostendeckend“, sagte Hellmann. Das wäre es erst ab einer Auslastung mit etwa 10.000 Zuschauern. „Wir sehen es als ein Invest in eine Rückkehr zur Stadionnormalität.“ Dass Publikum überhaupt erlaubt wird, ist eher ein weithin sichtbares Signal, ein Lichtstreif am Horizont und mit der Hoffnung verbunden, dass irgendwann mal wieder mehr Menschen einem Spiel beiwohnen dürfen.

In der Tat ist in dem umfassenden Werk alles genau geregelt, alle Abläufe klar definiert. Die Abstände im Stadion sind auf mehr als 1,50 Meter ausgerichtet, nur jeder fünfte Platz wird belegt sein, auch die Distanz zu den Nachbarn in den vorderen und hinteren Reihen wird größer sein als nötig. Selbst Familien dürfen nicht zusammensitzen. Um diesen vergleichsweise kleinen Teil Anhänger unterzubringen, wird bei dieser Sitzordnung die 51.500 Besucher fassende Arena fast vollständig beansprucht.

Die, die reindürfen, müssen bis zu ihrem Sitzplatz eine Maske tragen, nur dort dürfen sie auch Essen und Trinken zu sich nehmen, Alkohol ist verboten, Stehplätze und Gästefans ebenfalls. Ordner sollen darauf achten, dass die sanitären Anlagen nur von einer bestimmten Anzahl Menschen zur gleichen Zeit aufgesucht wird.

Eintracht Frankfurt wird nicht die Pandemie-Polizei spielen

Eines aber stellte Hellmann klar: „Wir werden nicht die Pandemie-Polizei spielen.“ Natürlich wissen die Verantwortlichen, dass „6500 Leute nicht per se unter einen Hut zu bringen sind“, wie Justiziar Philipp Reschke sagte, dennoch setzt die Eintracht auf Eigenverantwortung. Das auf dem Papier fast schon perfekt daherkommende Konzept könne nur erfolgreich umgesetzt werden, „wenn alle intrinsisch motiviert sind“, bedeutete Hellmann. „Die Leute müssen bereit sein, mitzumachen und das zu leben, sonst funktioniert es nicht.“ Zweifel daran, dass sich die Menschen nicht an die Vorgaben halten, haben die Funktionäre nicht. „Wir haben keinen Misstrauensvorschuss den Fans gegenüber“, sagte Reschke. „Ganz im Gegenteil.“

Als „neuralgischen Punkt“ hat der erfahrene Prokurist Reschke die An- und Abreise ausgemacht, gerade mit öffentlichen Verkehrsmitteln, aber selbst da hat der Klub in Zusammenarbeit mit den Ämtern und Verbänden praktikable Lösungen gefunden, die den Ablauf entzerren und die Abstandsregelungen wahren. Ähnlich sieht es beim Einlass aus. „Wir können pro Stunde 11.000 Zuschauer ins Stadion bringen, ohne eine einzige Schlange zu erzeugen“, sagte der seit einem Jahr für die Eintracht tätige Vorstandsreferent Philipp Hessberger, der federführend an dem Projekt arbeitete und sich seine Sporen verdiente. Beim Verlassen des Stadions sei Disziplin und Geduld gefragt, es werde „eine geordnete Abreise“ geben, die auch durch Ordner geregelt werden soll. „Es soll keine Massen geben, die zeitgleich nach draußen strömen“, so Hessberger.

Wer bekommt bei den Heimspielen von Eintracht Frankfurt ein Ticket?

Bleibt die Frage, wer ein Ticket bekommt? Zum einen werden bis zu 750 Vip-Kunden Karten erhalten, die übrigen werden unter den Dauerkartenbesitzern verlost, die einen Gesundheitsfragebogen ausfüllen, aber am Stadion kein Fieber messen lassen müssen. „Wir achten auf eine gewisse Rotation“, betonte Zuschauer-Chef Christoph von Reisenauer. Kurz gesagt: Wer gegen Bielefeld kommen darf, ist gegen Hoffenheim raus.

Aber wie viele Anhänger bewerben sich um diese Tickets? Die Ultras und weitere Teile der aktiven Fanszene jedenfalls nicht. „Es dürfte niemanden überraschen, dass wir Bundesligaspielen ohne Stehplätze, ohne Gästefans und mit genauer Erfassung der Besucherdaten nicht beiwohnen werden“, teilen die Ultras mit. Die Gruppe möchte das Konzept nicht bewerten, stellt aber fest: „Unser Fußball sieht anders aus.“ Gleichzeitig stellen die Ultras klar, es stehe jedem frei, Spiele zu besuchen. Sie selbst wollen erst wieder zu Spielen gehen, wenn ein Stadionbesuch wie vor Beginn der Pandemie möglich ist. Wann das sein wird, steht in den Sternen. (Von Ingo Durstewitz und Georg Leppert)

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