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Applaus, Applaus: Philip Holzer. Foto: imago images
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Applaus, Applaus: Philip Holzer.

SGE

Philip Holzer: Der Mann auf der Brücke bei Eintracht Frankfurt

  • Ingo Durstewitz
    VonIngo Durstewitz
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Wie Philip Holzer die Irrungen und Wirrungen seiner eineinhalbjährigen Amtszeit an der Spitze des Aufsichtsrats von Eintracht Frankfurt empfunden und bewältigt hat.

Immer dann, wenn das dänische Leichtgewicht Jesper Lindström ein Tor für Eintracht Frankfurt erzielt, was in letzter Zeit ja gar nicht so selten vorkam, kann es passieren, dass Philip Holzer zu seinem Smartphone greift und eine Whatsapp in gebotener Kürze verfasst. „Lindström“, schreibt er dann nur und setzt einen Zwinker-Smiley dahinter. Das hat natürlich einen Hintergrund, es geht, in Kurzform, um eine Wette, die der Eintracht-Aufsichtsratschef anbot, weil Neuzugang Lindström anfangs viel Kritik schlucken musste. Zu viel, wie Holzer fand. „Wir werden noch sehr viel Spaß an dem Jungen haben“, sagte er und bot an, dem FR-Schlappekicker eine üppige Spende zukommen zu lassen, falls er sich irren sollte. Lindströms Bilanz seitdem: vier Tore und zwei Vorlagen in sechs Partien. Das reichte zu 15 Punkten. Gut gepokert, Herr Holzer.

Es ist jedoch nicht so, dass sich der Chef des Kontrollorgans, am 8. Januar 56 Jahre alt, ständig in den fußballerischen Bereich einmischen und Expertisen zur sportlichen Situation abgeben würde. Im Gegenteil. Nichts liegt dem gebürtigen Münchner ferner, er ist ein großer Fan von Zuständigkeiten und Kompetenzen. Da geht es um Vertrauen in die handelnden Personen.

Blind kann dieses Vertrauen jedoch nicht sein, als Aufsichtsrat muss man Stimmungen ausloten, die Antennen ausfahren, sensibilisiert sein, sich ein allumfassendes Bild machen, um Situationen bewerten zu können. „Der Vorstand ist operativ für das Geschäft zuständig, ich mische mich da nicht ein. Ich stelle höchstens ein paar Fragen, wir diskutieren, aber der Titel meines Jobs ist einfach gut gewählt: Aufsicht und Rat“, sagte Holzer im FR-Interview im Sommer. „Trotzdem muss man genau wissen, was passiert, sonst kann man keinen guten Rat geben.“

Holzer hat sich gefunden in seinem neuen Job, in einem Job, der anstrengender und anspruchsvoller nicht hätte sein können. Seit eineinhalb Jahren steht der frühere Oberliga-Torwart an der Spitze des Gremiums, in dieser Zeit hat er so viel erlebt wie andere in eineinhalb Jahrzehnten nicht, gerade die sich überschlagenden Ereignisse im Frühjahr haben ihn geprägt: Sportvorstand Fredi Bobic weg, Trainer Adi Hütter weg, Manager Bruno Hübner weg. Es gab nicht wenige, die böse Kommentare verfassten, die die Diva von einst wieder aufleben sahen, da war von Zusammenbruch, Chaos und Führungslosigkeit die Rede. Das muss man erst einmal schlucken und bewältigen, vor allem: Standhaft bleiben.

Rückblickend und mit dem nötigen Abstand sagt der frühere hochrangige Investmentbanker im aktuellen Gespräch mit der FR: „Das war eine ganz intensive Zeit für mich, die anspruchvollste Zeit seit der Finanzkrise 2008.“ Damals stand das Bankenwesen vorm Kollaps. Heute der Verein. „Die Zeit war nicht vergnügungssteuerpflichtig“, sagt er. „Manchmal beißt man sich auf die Lippen und würde gerne ein paar Wahrheiten nennen.“ Hat er nicht gemacht. Das ist nicht sein Stil. Sein Stil ist Netzwerken im Hintergrund, Diskretion, Kamingespräche.

Der 55-Jährige, seit elf Jahren im Kontrollorgan, hat sich in diesen turbulenten Wochen an den alten Haudegen Heribert Bruchhagen erinnert, der der Eintracht weit mehr als eine Dekade vorstand. „Ich habe oft an Heribert gedacht“, sagt er: „Er hat mich stets gelehrt, dass man gerade in kritischen Situationen alles ausblenden muss an Meinungen und Einflüssen von außen, dass man ruhig bleiben und sich darauf konzentrieren soll, was einem selbst wichtig ist und was man nach Abwägung aller Argumente für richtig hält.“ Philip Holzer hat sich daran gehalten. „Veränderung ist auch immer eine Chance“, betont er. Es ging darum, keine schnellen, sondern die richtigen Entscheidungen zu treffen.

Die besondere Volte damals war, dass Holzer, Sohn des früheren FR-Chefredakteurs Werner, quasi mit Fredi Bobic, einem gewiefter Taktiker, über die Auflösung dessen Vertrags verhandelte - und zeitgleich mit den potenziellen Nachfolgern Gespräche führte. Die mussten seriös und im Schatten stattfinden, höchste Vertrauenswürdigkeit war gefragt. „Das war eine Art dreidimensionales Schachspiel“, bedeutet Holzer lächelnd. Noch heute ärgert er sich wahnsinnig über Ralf Rangnick, der ein geheimes Treffen öffentlich gemacht und Interna preisgegeben hatte. Offiziell äußert sich Philip Holzer dazu nicht mehr. Das entspricht nicht seinem Verständnis von Professionalität, vulgo Verschwiegenheit.

Holzers Wahl fiel auf Markus Krösche, dem er in unzähligen Bewerbungsgesprächen mehr als 30 Stunden auf den Zahn fühlte. Noch heute wundert sich Holzer, dass dieser Stundenzahl ein solch große Bedeutung beigemessen wird. Für ihn ist das normal, um seinen Gegenüber kennenzulernen, auszuloten, wie dieser tickt, ob die Wellenlänge stimmt. Fehler kann man sich kaum erlauben, die Wahl muss passen.

Bei Markus Krösche, dem 41-jährigen Paderborner Urgestein, das nach der zweiten Reihe in Leipzig in die vorderste Linie bei der Eintracht getreten ist, hat alles gepasst. Findet Philip Holzer. Er gerät förmlich ins Schwärmen, wenn er von der Analytik und dem Tiefgang des Sportvorstands spricht. „Ein Glücksfall“, sagt er, und das hat er auch gesagt, als Gegenwind aufkam, die Erfolge ausblieben und die Eintracht im Herbst dieses Jahres in eine veritable Krise sackte. „Markus macht sehr gute Arbeit“ , hob Holzer hervor. „Die Zusammenarbeit ist ganz hervorragend.“ Er hat damals, im November, seinen von ihm eingestellten leitenden Angestellten ganz bewusst geschützt. „Die Kunst ist, auch dann mutig zu sein und zu seiner Überzeugung zu stehen, wenn es donnert“, sagt er. „Ein Anführer stellt sich gerade dann vor seine Männer, wenn es ungemütlich wird.“

Wenn Philip Holzer, der die Eintracht mit seinem Team auch durch klug ausbaldowerte Eigenkapitalmaßnahmen in schwierigen Corona-Zeiten stabilisiert hat, zurückblickt auf eineinhalb Jahre in einer Spitzenposition, dann ist er mit sich im Reinen und zufrieden. Platz fünf, erfolgreichste Saison seit Jahrzehnten, Führungs-Wirrwarr gelöst und nun Rang sechs in der Liga sowie der Einzug ins Achtelfinale der Europa League. Das kann sich sehen lassen, auch wenn es Nerven, Kraft und Lebensqualität kostete. Und bei aller Freude über die Aufwärtsentwicklung macht er deutlich: „Wir haben in dieser Saison erst den halben Weg hinter uns. Die Bundesliga liegt eng beieinander und ein paar Prozent Leistungsabfall können schnell den Verlust einiger Tabellenplätze bedeuten.“

Die Herausforderungen werden nicht kleiner, Corona wird eine Schneise von 70 bis 80 Millionen Euro in den Etat schlagen, für einen Verein wie die Eintracht ein heftiger Schlag ins Kontor. Die Pandemie trifft den aufstrebenden Klub hart, zumal die Probleme begannen, als er gerade zum großen Sprung ansetzte. „Extrem ärgerlich“, findet Holzer.

Für die Eintracht wird es nun darum gehen, das Budget auf einem konkurrenzfähigen Niveau zu halten. „Bei Kaderwert und Sportetat liegen wir aktuell auf Rang neun, und ich bin der festen Überzeugung, dass es eine Korrelation zwischen Kaderwert und sportlichem Abschneiden gibt“, sagt er. Mal platt gesagt: Weniger Geld gleich weniger Tore. Und doch würde er die Eintracht gerne vorne etablieren, dafür brennt er: „Ich wäre zufrieden, wenn wir uns unter den Top acht etablieren als einer von vier Traditionsklubs mit Bayern, Dortmund und Gladbach.“

Für den FR-Schlappekicker hat Philip Holzer übrigens trotzdem gespendet, unabhängig von der Lindström-Wette. Wie jedes Jahr.

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