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„Historische Bedeutung“: Eintracht steht vor „absolutem Meilenstein“

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Von: Thomas Kilchenstein, Ingo Durstewitz

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Uefa-Boss Ceferin, Ex-Coach Hütter und halb Fußball-Deutschland sind dabei, wenn die SGE am Donnerstag gegen West Ham nach 42 Jahren wieder in ein europäisches Finale einziehen will.

Frankfurt – Knapp zwei Tage vor dem „einmaligen Heimspiel“ auf „unserem eigenem Grund und Boden, unserem hometurf“, hat Vorstandssprecher Axel Hellmann noch einmal sehr plastisch bedeutsame Worte gefunden, um „diese road to Sevilla“ im richtigen Licht erscheinen zu lassen. Und dabei mochte der Frankfurter Mastermind noch gar nicht vom Finale reden: „Allein in dieses Finale zu kommen, ist für uns ein absoluter Meilenstein“, Eintracht Frankfurt habe ein großes Ziel „mit historischer Bedeutung“ vor Augen, ein Ziel, das in puncto internationale Aufmerksamkeit für die gesamte Klubkultur in den nächsten Jahren alles überstrahlen würde: „Der Einzug in ein europäisches Finale ist eine so großartige Leistung und hat so eine Bedeutung für die öffentliche Darstellung des Klubs, dass alles andere dem unterzuordnen ist.“

Die größte Gefahr wäre jetzt, nach einem 2:1-Hinspielerfolg bei West Ham United zu meinen, lediglich „den letzten Nagel einschlagen“ zu müssen. Ganz im Gegenteil: „Es geht nicht um die Leichtigkeit des Seins.“ Erneut sei es unerlässlich, im Frankfurter Stadtwald, im Klub, in der Stadt, mit der Anhängerschaft diese Begeisterung, dieses Zusammengehörigkeitsgefühl, diese Magie zu entfachen, die der Mannschaft hilft, „über sich hinauswachsen zu können“. Ein Phänomen, dass Eintracht Frankfurt fast auf Knopfdruck entstehen lassen kann. Und genau auf diese Symbiose, dieses Zusammenspiel mit den Fans baut auch Axel Hellmann vor dem Rückspiel wieder. Die Mannschaft wähnt er im „totalen Tunnel“, schon vor dem Hinspiel in London habe er gemerkt, „dass die Jungs absolut auf dem Trip sind, sich nicht besiegen lassen zu wollen“.

Eintracht Frankfurt gegen West Ham: „Es ist erst eine Halbzeit gespielt“

Das Team wolle in dieser Europa-League-Saison ungeschlagen bleiben, was dann ja zwangsläufig zum Titel und der damit verbundenen Champions-League-Teilnahme in der kommenden Spielzeit führen würde. Aber nicht nur die Mannschaft, der ganze Verein sei wieder in diesem speziellen Modus. Er, Hellmann, spüre keinen Übermut, kein latentes Gefühl der Überheblichkeit, wonach man nach dem Sieg im ersten Spiel ja schon mit einem Bein in Sevilla stehe. „Es gibt keinen Bruder Leichtfuß, die Sinne sind bei allen so geschärft. Es ist erst eine Halbzeit gespielt“, sagt der 50-Jährige. „Ich habe noch nie solch einen strammen Fokus auf ein Spiel erlebt wie jetzt.“

Der erste Schritt ist getan, am Donnerstag soll der zweite folgen: Jubelnde Spieler von Eintracht Frankfurt.
Der erste Schritt ist getan, am Donnerstag soll der zweite folgen: Jubelnde Spieler von Eintracht Frankfurt. © Shutterstock/Imago Images

Dass am Donnerstagabend (ab 21.00 Uhr/live RTL) im Europa League-Halbfinale Ausnahmezustand herrscht, zeigt auch ein Blick in die sehr umfangreiche, sehr illustre Gästeliste. An der Spitze: Uefa-Präsident Aleksander Ceferin, der sich mit anderen Spitzenfunktionären wie Generalsekretär Theodore Theodoridis sowie Giorgio Marchetti (Stellvertretender Generalsekretär) angekündigt hat. Mächtigere Männer gibt es im europäischen Fußball nicht, erstmals in der Geschichte des Klubs wäre ein leibhaftiger Uefa-Boss im natürlich restlos ausverkauften Waldstadion zugegen. Eine solch prominente Delegation ist bei Halbfinalspielen die absolute Ausnahme, es ist etwas Besonderes, normalerweise kommt eine solche Besetzung fürs Endspiel zusammen. Es ist auch als Zeichen zu werten, als Würdigung für den Klub und die hingebungsvollen Fans, die nicht nur schöne Bilder produzieren, sondern mit ihrer Emotion und Reiselust Werbung für den Wettbewerb machen, diesen ganz klar aufgewertet haben – nicht nur in Deutschland. Dieser Besuch ist eine Auszeichnung für den Klub, der wie kaum ein Zweiter diesen Wettbewerb lebt. „Das ist für uns eine besondere Ehre“, sagt Hellmann, der sich mit seinen Vorstandskollegen bereits am Vormittag zu einem vertraulichen Treffen mit der Uefa-Spitze verabredet hat.

Eintracht Frankfurt gegen West Ham United: Adi Hütter zu Gast

Darüber hinaus hat Eintracht Frankfurt eine Vielzahl an weiteren Gästen eingeladen: die Mannschaft, die 1976 an West Ham im Halbfinale gescheitert ist, Trainer, die ihren Teil dazu beigetragen haben, Weichen zu stellen, damit dieser Verein diesen Weg hat beschreiten können: Bundesligadino Friedhelm Funkel, Menschenfänger Armin Veh, die Pokalsieger Robert und Niko Kovac, die weiterhin eine tiefe Bindung zum Verein haben. Und, Überraschung: Auch Adi Hütter mit seinen Assistenten Armin Reutershahn und Christian Peintinger werden vor Ort sein. „Ohne Adi und sein Team wären wir jetzt nicht da“, sagt der Vorstandssprecher. „Das ist auch ihr Verdienst.“

Spanische Erfahrung

Jesus Gil Manzano wird das Europa-League-Rückspiel von Eintracht Frankfurt gegen West Ham United leiten. Der 38-jährige Spanier hat in der laufenden Champions-League-Saison fünf Partien gepfiffen, darunter ein Gruppenspiel von Borussia Dortmund bei Ajax Amsterdam sowie ein Viertelfinale des FC Liverpool bei Benfica Lissabon. Gil Manzona stammt aus Don Benito aus der Provinz Extramadura, im Südwesten Spaniens und an Portugal angrenzend. Weit genug entfernt also von Sevilla oder Barcelona, Teams, die Eintracht Frankfurt aus der Europa League geworfen hat.

Hütter, in Mönchengladbach, defensiv formuliert, nicht ganz so glücklich, hat nach kurzer Bedenkzeit seine Zusage gegeben, „ich freue mich ganz besonders, dass er kommen wird“, betont Hellmann. Selbstverständlich ist das nicht, schließlich ist der 52-Jährige mit allerlei Misstönen und im Unfrieden aus Frankfurt gegangen. Viele sind der Meinung, dass sein angekündigter Abschied vor einem Jahr der Eintracht die Champions League gekostet hat. Hütter sah das immer anders, er fühlte sich als Sündenbock.

Doch nun scheinen sich die Wogen zu glätten. In der vorherigen Woche, als die Frankfurter Entourage bereits zum Hinspiel in London weilte, telefonierten Hütter und Hellmann eine halbe Stunde miteinander. Es ging um eine Art Vergangenheitsbewältigung, eine Aufarbeitung des Gewesenen, darum, Dissonanzen aus der Welt zu schaffen. Hütter fühlte sich damals gerade von Hellmann nicht gut behandelt, erwähnte den langjährigen Funktionär nicht mal in seiner Dankesrede. Das würde er heute nicht mehr so machen, so manchen Fehler hat Hütter mittlerweile eingesehen.

Vieles ist in der Unterredung der beiden ausgeräumt worden, „nicht alles“, wie Hellmann betonte, die Zeit heilt halt Wunden, selbst wenn die Narben bleiben. Im Sommer aber sollen letzte Unstimmigkeiten bei einem Abendessen ausgeräumt werden. „Die drei guten Jahre unter Adi Hütter sollen nicht vom Ende gemessen werden.“

Für Hütter ist das Halbfinale gegen West Ham ein besonderes Spiel, schon die Partie in Barcelona hat er gebannt vor dem Fernsehschirm verfolgt. Dort, wo Oliver Glasner im Camp Nou stand und sich feiern ließ, hätte auch er stehen können, wenn er sich nicht für Gladbach entschieden hätte. Auch dies würde er heute nicht mehr so machen.

Hütter ist, Pikanterie am Rande, schon am Sonntag wieder in Frankfurt zu Gast, dann schlägt er mit seiner Borussia auf. Auf Pfiffe und Schmähungen, vielleicht ein bisschen Häme, wird sich der Österreicher einstellen müssen. Dazu war sein Abgang zu unsensibel, dazu ist ihm in der schwierigen Phase zu vieles verrutscht, seinen Kompass hatte er verloren. Doch Hütter, das ist zu spüren, möchte das angespannte Verhältnis erweichen. Das geht nicht sofort, aber vielleicht mit ein bisschen Abstand. Eingeladen war auch der frühere Vorstandsvorsitzende Fredi Bobic, er hat wegen einer Sitzung allerdings abgesagt

Hütter wird also auf der Tribüne Zeuge eines Abends sein, dem ein Zauber innewohnen soll. Auch das Medieninteresse ist enorm: Knapp 200 Journalisten werden erwartet, schreibende, sprechende, sendende, allein 18 Rechteinhaber haben sich angemeldet, zum Vergleich: Gegen Barcelona waren es 16, vor drei Jahren gegen den FC Chelsea 14.

Fiebert dem Rückspiel gegen West Ham United entgegen: Eintracht-Vorstand Axel Hellmann.
Fiebert dem Rückspiel gegen West Ham United entgegen: Eintracht-Vorstand Axel Hellmann. © dpa

Vor dem Anpfiff freilich gibt es noch eine Anreise. Hellmann empfiehlt, sich möglichst früh auf den Weg zu machen, eineinhalb Stunden für die Anfahrt aus der Innenstadt möge man einplanen. Zudem dürften deutlich mehr als 3000 englische Gäste nach Frankfurt kommen, die sich auf den Marsch zum Stadion machen werden. Viele, die keine Eintrittskarten ergattert haben, werden sich vor den Toren der Arena aufhalten, mit Verkehrsstaus deshalb dürfte zu rechnen sein. Axel Hellmann legt schließlich Wert darauf, dass West Ham-Anhänger, sollten sie sich außerhalb des Gästeblocks aufhalten, nicht aus dem Stadion geworfen werden – anders als im Hinspiel auf der Insel geschehen wird Eintracht Frankfurt darauf verzichten. (Ingo Durstewitz, Thomas Kilchenstein)

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