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Igor Tudor: Der (zu) strenge Regent von Olympique Marseille

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Von: Daniel Schmitt

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Kann schon mal laut werden: Marseilles kroatischer Cheftrainer Igor Tudor.
Kann schon mal laut werden: Marseilles kroatischer Cheftrainer Igor Tudor. © afp

Mit seinem Stil macht sich Marseille-Coach Igor Tudor nicht erst vor dem Spiel bei Eintracht Frankfurt viele Feinde- auch im eigenen Team.

Bereits Mitte September war das Verhältnis ein äußerst angespanntes, jenes zwischen den Fans, den Spielern und dem Trainer von Olympique Marseille. Während am Abend des Champions-League-Skandalspiels gegen Eintracht Frankfurt also jede in den Gästeblock rauschende Rakete von Applaus der französischen Anhängerschar begleitet wurde, übertönten nur einmal in dieser Nacht laute Pfiffe die absurde Klatscherei. Dann nämlich, als Igor Tudor, der umstrittene Trainer, zwei der fußballspielenden Fanlieblinge nach einer Stunde vom Rasen holte: Alexis Sanchez, den alternden Stürmerstar, und Dimitri Payet, das nicht mehr ganz so taufrische Vereinsidol. Des Volkes Zorn pfiff auf Tudor, bald eine ganze Minute lang. Sanchez begleitete seinen Austausch mit ebenso ausführlichem Kopfschütteln.

Eon harter Hund

Die Stimmung bei den Südfranzosen ist seit Saisonbeginn heikel, obwohl die Runde - zumindest bis Mitte September - doch eine sehr erfolgreiche war. Damals lag Olympique in der Liga noch punktgleich mit Paris Saint-Germain an der Tabellenspitze, hatte in der Königsklasse zudem nur äußerst unglücklich bei den Tottenham Hotspur verloren. Die Leistungen stimmten, der Traum vom Titel in der Ligue 1 lebte.

Trotzdem debattierten Fans wie Spieler (zumindest hinter vorgehaltener Hand via Medien) längst schon über ihren Trainer. Zu hart sei der Kroate Tudor in Sachen Trainingssteuerung, zu unflexibel in taktischen Belangen, zu engstirnig im persönlichen Umgang mit den Profis - und daher das exakte Gegenteil dessen weithin gemochten Vorgängers Jorge Sampaoli.

Der hatte den Klub im Sommer trotz anhaltenden Erfolges lieber verlassen, war er doch mit der Transferpolitik, die auf einem annähernden Komplettaustausch der Mannschaft basierte, nicht einverstanden. Auf Sampaoli, mittlerweile beim FC Sevilla, folgte Tudor, ein harter Hund, einst Assistent von Andrea Pirlo bei Juventus Turin und zuletzt zuständig als Chef für Hellas Verona, und übernahm die Regentschaft.

Heute, einen Monat nach dem 0:1 gegen die Eintracht im Stade Velodrome, ist die Laune rund um Olympique Marseille mieser als je zuvor in dieser Spielzeit. Der Grund: In der Liga hat OM zuletzt dreimal nacheinander verloren, am Wochenende mit 0:1 gegen RC Lens, und ist abgerutscht auf Rang fünf der Tabelle, neun Punkte zurück hinter dem verhassten Rivalen aus der Hauptstadt. Der Meistertitel ist schon jetzt quasi futsch, das große Ziel kaum noch erreichbar.

Igor Tudor ist nur deshalb noch in Amt und Würden, weil seine Mannschaft in der Champions League lieferte, weil sie trotz der teilweisen Abneigung innerhalb des Kaders zum Trainer, auf der ausgeleuchteten Bühne der Königsklasse ihre Leistung brachte. Zwei Siege gegen Sporting Lissabon - 2:0 und 4:1 - ließen Olympique auf Rang zwei der Tabelle nach vorne klettern. Mit einem Sieg an diesem Mittwoch (21 Uhr/Dazn) in Frankfurt könnten die Franzosen das Überwintern im Europapokal bereits absichern, bei entsprechendem Ausgang der Parallelpartie zwischen Tottenham und Sporting gar jenes in der Champions League. Lissabon müsste dafür verlieren in London, Marseille selbst gewinnen. Gleichzeitig ist für Olympique mit einer Niederlage gegen die Eintracht auch das Abrutschen auf Rang vier möglich.

„Manchmal ist Fußball unfair“, sagte Tudor jüngst nach der Ligapleite gegen Lens, die seine Mannen und er „absolut nicht verdient“ hätten. Er sei sehr stolz auf die Vorstellungen seiner Truppe in dieser Saison. Bloß: Nur wenige Tage zuvor hatten laut französischer Medien mehrere Führungsspieler um Kapitän Payet ein Gespräch mit dem Management erbeten, absägen wollten sie Tudor offenbar als ihren Trainer, worauf sich die Klubverantwortlichen jedoch nicht einließen. Es rumort mächtig bei Olympique Marseille, das ist recht offensichtlich - sicher nicht die allerbesten Voraussetzungen für einen derart wichtigen Champions-League-Abend wie nun in Frankfurt.

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