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Imagefaktor für die Bankenstadt: jubelnde Eintracht-Profis.

Eintracht Frankfurt

„Ich sehe die begrenzte Strahlkraft nicht“

Banker Lutz Raettig über die Bindung der Finanzwirtschaft zu Eintracht Frankfurt, wie verliehenes Geld auch Emotionen wecken kann und weshalb er Bruchhagen gut findet.

Von Jan Christian Müller

Lutz Raettig weiß, wovon er spricht, sowohl, was den Fußball angeht als auch die Finanzen. Vor kaum mehr als zehn Jahren trug der mittlerweile 72-Jährige als damaliger Vorstandschef der Morgan Stanley Bank dazu bei, dass Borussia Dortmund in letzter Minute die Insolvenz vermeiden konnte und danach eine Erfolgsgeschichte startete. Raettig ist in Bremen aufgewachsen und arbeitete nach dem Studium in Hamburg in Düsseldorf, London und New York. Seit 1995 ist er im Frankfurter Westend heimisch und empfindet sich längst als „überzeugten Frankfurter“. Der ausgewiesene Netzwerker gehört dem Beirat von Eintracht Frankfurt an. Als Aufsichtsratschef von Morgan Stanley ist er auch Sprecher des Präsidiums der Standortinitiative Frankfurt Main Finance e.V. Zu deren mehr als 40 Mitgliedern zählen neben dem Land Hessen die Städte Frankfurt und Eschborn, zahlreiche Banken sowie Hochschulen.

Herr Raettig, der ehemalige Finanzvorstand von Eintracht Frankfurt, Thomas Pröckl, hat sich viele Jahre lang gar nicht zu Besuch in die Frankfurter Bankentürme getraut, und wenn, dann nur durch die Hintertür, so schlecht war der Ruf des Klubs Anfang des Jahrhunderts. Bekommen seine Nachfolger Axel Hellmann und Oliver Frankenbach problemlos einen Termin bei Ihnen?
Da hat Doktor Pröckl ein bisschen übertrieben. Er ist bei uns durchaus durch die vordere Eingangstür rein- und auch wieder rausgekommen. Er hat dann auch selbst gemeinsam mit einigen Banken die Grundlagen für das solide Image der Eintracht gelegt.

Die Banken haben sich seinerzeit, als 2002 sogar der Lizenzentzug drohte, aber nicht mit Eintracht Frankfurt geschmückt, sondern lieber heimlich geholfen!
Man musste erst einmal abwarten, wie sich der Klub entwickelt. Und man muss in Finanzfragen auch nicht immer alles rausposaunen.

Frankfurt ist mit der Europäischen Zentralbank einer der bedeutendsten Finanzplätze in Europa. Die Eintracht ist dagegen ein Bundesliga-Mittelklasseklub, dessen Strahlkraft begrenzt ist. Warum ist der Verein für Sie als Banker dennoch ein interessanter Partner geworden?
Ich sehe die begrenzte Strahlkraft nicht. Die Eintracht ist ein wichtiger Geschäftspartner und ein wichtiger Emotionalpartner. Der Klub hat mehr Ausstrahlung, als dies hier und da mal dem Tabellenplatz entspricht. Am Anfang der Saison war man auch mal Tabellenvierter, das ist zwar nur eine Momentaufnahme, aber auch ein Beleg, was möglich sein könnte. Da gibt es gar keinen Grund für Minderwertigkeitsgefühle. Auch international gehört Frankfurt zu den bekanntesten deutschen Klubs. In Japan ist die Eintracht sogar der viertbeliebteste Bundesligaverein.

Tun Banken sich leichter, Top-Leute nach Frankfurt zu holen, weil hier auch ein Erstligist Fußball spielt?
Das kann ein Teil der softeren Argumente sein. Zu einer attraktiven Infrastruktur gehört sicher auch ein attraktiver Bundesligaverein. Wenn jemand sich entscheiden muss, ob er aus London von der Bank of England zur Europäischen Zentralbank wechselt, kann das ein guter Punkt sein als Teil dessen, was man riechen, hören und schmecken will. Frankfurt ist eine kleine Stadt mit der Infrastruktur einer Weltmetropole, eine tolle Stadt, die aus der Ferne leicht unterschätzt wird, genau wie die Eintracht.

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Auf das Trikot der Eintracht hat sich bislang jedoch noch keine Bank gewagt. Ist die Gefahr den konservativen Bankmanagern womöglich zu groß, bei einem schwachen sportlichen Abschneiden einen Imageverlust zu erleiden?
Das glaube ich nicht. Um die Finanzindustrie bei der Eintracht nicht zu sehen, muss man schon zwanghaft wegschauen. Sie spielt in der Commerzbank-Arena, die Helaba ist seit der Bundesligasaison 2003/2004 Premium Partner und im ganzen Stadion unübersehbar. Die Sparkasse hat eine Adler Card aufgelegt. Mit Wolfgang Steubing stellt die Finanzindustrie den Aufsichtsratsvorsitzenden. Im Aufsichtsrat und bei den Freunden der Eintracht sind viele bekannte Finanzinstitute, angeführt vom Bankhaus Metzler. Die BHF hat sich in der jüngsten Vergangenheit stärker beteiligt. Viele Institute werben auf der Bande und haben Logen.

Bei der Eintracht wird zum Saisonende ein Wechsel stattfinden. Heribert Bruchhagen geht nach mehr als zehn Jahren an der Spitze der Fußball-AG. Ihm wurde mitunter vorgeworfen, mit seiner sehr konservativen Finanzpolitik zu wenig Zukunftsstrategie entwickelt zu haben. Teilen Sie diese Kritik?
Nein. Er hat sehr effektiv und verantwortungsvoll gehandelt, indem er den Bogen nicht überspannt hat. Es gibt im Profigeschäft viele Versuchungen, das zu tun. Bruchhagen hat agiert wie ein ehrbarer Kaufmann: Der gibt nicht mehr aus, als er einnimmt. Und besonders nach dem Abstieg ist er dann ja sogar an das Eigenkapital gegangen. Er hat also nicht nur auf dem Geldsack gesessen, aber er hat stets Augenmaß bewahrt und klare Prioritäten gesetzt. Die Stadt und die Eintracht haben ihm viel zu verdanken. Dass dort keine Hasardeure am Werk sind, hat der Reputation der Eintracht sehr gut getan und ist Teil ihres neuen Images.

Bruchhagens Credo, der Klub sollte sich aus sich selbst heraus finanzieren, ist für Bankgeschäfte nicht gerade interessant. Sie als Banker wollen doch Geld verleihen und dabei verdienen!
Das greift zu kurz. Auch für die Innenfinanzierung gibt es viele Wege. Da ist die Eintracht mittlerweile zum Vorbild in der Liga geworden. Die Bundesliga insgesamt steht im internationalen Wettbewerb aus der Premier League heraus unter Druck. Da sind auch wir Banker gefordert und werden unseren Beitrag leisten.

Die Eintracht plant ein Genussschein-Modell. Das versteht kein Laie. Können Sie es erklären?
Ein Genussschein ist eine Schuldverschreibung, die einen Anteil am Erlös verbrieft. Anders als bei der Aktie ist man nicht Miteigentümer am Verein, aber Miteigentümer an den Einnahmen des Vereins. Als Gläubiger bekommen Sie einen etwas höheren Zins als am Kapitalmarkt, weil Sie ein Ausfallrisiko tragen.

Welche Chancen eröffnet das und welche Gefahren lauern?
Dem Besitzer steht damit kein Stimmrecht auf der Hauptversammlung zu, aber er freut sich über jeden Besucher, jeden TV-Deal, leidet aber auch bei Verlusten durch einen Ausfall der Zinsen. Ein Genussschein ist also ein Risikopapier und auch ein Treuepapier – eine gute Verbindung von finanziellen und emotionalen Gesichtspunkten.

Lohnt es sich aus Sicht der Eintracht, für die laut Klubangaben geplanten rund zehn Millionen Euro so viel Aufwand zu betreiben? Denn es wird ja keine Summe erlöst, mit der ein Bundesligaklub vom Mittelklasse- zum Spitzenverein wird!
Mithilfe dieses Modells will die Eintracht mehr Spielraum gewinnen. Auf diese Weise sollen Leistungsträger gehalten sowie neue Spieler angeworben werden. Darüber hinaus wird auch die Nachwuchsarbeit profitieren. Das Modell mobilisiert Finanzquellen, die eher aus emotionalen Gründen mitmachen. Und eben nicht den rationalen Investor, der nur auf die Verzinsung seines eingesetzten Kapitals achtet. Es macht den Klub also nicht abhängig. Ich bin gespannt, wann dieses Instrument im Markt angeboten wird.

Werden Sie auch zu diesem geschlossenen Kreis gehören?
Ich sehe mir das sicher an. Ebenso aus emotionalen, wie auch aus rationalen Gründen.

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Wäre es nicht überlegenswert für Eintracht Frankfurt, am Finanzplatz Frankfurt an die Börse zu gehen und mittels Aktien viel mehr Geld einzusammeln?
Ich glaube, im Moment ist die Story nicht so heiß.

Borussia Dortmund hat auf diese Art und Weise im Jahr 2000 immerhin 130 Millionen Euro vom Kapitalmarkt bekommen.
Damals war die Story sehr wohl heiß, als die Dortmunder ziemlich daniederlagen und man glaubte, es könne mit dem Börsengang eigentlich nur besser werden. Das war dann allerdings am Anfang ganz und gar nicht der Fall.

Der Ausgabekurs der Aktie von elf Euro ist nie mehr erreicht worden. Für die Erstzeichner war das Papier eine herbe Enttäuschung. Im Grunde hat dieses Beispiel danach doch alle Bundesligisten abgeschreckt!
Da haben Sie nicht Unrecht. In anderen Ländern gibt es jedoch Erfolge. Die Aktie von Manchester United beispielsweise hat sich seit November 2012 fast verdoppelt. Und bei Dortmund gab es nach dem zunächst enttäuschenden Kursverlauf durchaus Investoren, die auf erniedrigter Basis eingestiegen und damit gut gefahren sind. Der Kurs der BVB-Aktie hat sich in der Trainerzeit von Jürgen Klopp von 1,40 Euro auf fünf Euro verdreifacht.

Das Profifußball-Business ist in den vergangenen Jahren geradezu explodiert, was die Umsätze angeht. Die Bundesliga ist laut einer aktuellen McKinsey-Studie in den vergangenen sechs Jahren jedes Jahr um sechs Prozent gewachsen. Die Gesamteinnahmen der 18 Erstligaklubs haben sich auf 2,5 Milliarden Euro binnen zehn Jahren mehr als verdoppelt, am Ende dieser Saison werden es drei Milliarden Euro Umsatz sein. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung, die ja auch hierzulande schon zu Spielergehältern von bis zu einer Million Euro im Monat führt?
Auf der einen Seite können Sie Märkte nicht aufhalten. Die Fernsehrechte treiben vor allem den englischen Markt sehr stark. Auf der anderen Seite wundere ich mich über die hohen Ablösesummen, die für mich weder emotional noch rational nachvollziehbar sind. 80 Millionen Euro für einen Spieler zu bezahlen – das ist aus meiner Sicht sehr spekulativ. Deutsche Vereine haben durch ihre Transfererfolge vorgemacht, dass man von der Situation anderen Ländern auch profitieren kann. Ich habe den Eindruck, dass die Verantwortlichen bei DFB und DFL auf dem richtigen Weg sind.

Das Geld müsste doch reichen, ohne dass sich die Vereine noch Geld leihen müssen. Bei Banken, Fans, Vermarktern, am Anleihemarkt oder gar bei Investmentfonds. Wieso zermartern sich in manchen Klubs die Verantwortlichen trotz dieser Geldschwemme ständig den Kopf, wie sie an noch mehr Geld kommen können? Ist das nicht krankhaft?
Nein. Der internationale Wettbewerb ist hart. Die Debatte darüber, wann die Grenzen erreicht sind, ist so alt wie das Spiel. Der zentrale Treiber sind die Medien und die Werbewirtschaft. Fußball ist eines der ganz wenigen Produkte mit globaler Reichweite. Weit vor der Formel 1 und Tennis.

Fürchten Sie dennoch, dass der Fußballboom auch eine Blase sein kann?
Ich denke nicht. „The sky is the limit“ – das kann aber auch beim Fußball nicht die richtige Devise sein.

Interview: Jan Christian Müller

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