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Sehr bescheiden: Simon Falette.

Simon Falette

"Ich bin kein Star"

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    Ingo Durstewitz
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Eintracht-Neuzugang Simon Falette über sein Desinteresse an sozialen Netzwerken, fehlende Schlitzohrigkeit, den großen Stellenwert seiner Familie und weshalb sein drittes Kind ein Frankfurter Bub wird.

Im Gespräch mit der FR hinterlässt Simon Falette einen aufgeräumten, abgeklärten Eindruck. Der 25 Jahre alte Innenverteidiger wirkt reif und erwachsen, was auch damit zu tun haben könnte, dass er bald zum dritten Mal Vater wird. Da weiß einer in jungen Jahren schon sehr viel Verantwortung zu übernehmen. Die Eintracht, das macht der vor dieser Saison für 2,5 Millionen vom FC Metz nach Frankfurt gekommene Spieler schnell klar, ist für ihn mehr als nur ein Projekt. Er lässt sich voll auf seinen neuen Verein ein.

Dass die Eintracht den im französischen  Le Mans geborenen und aus Französisch-Guayana stammenden Abwehrmann unter Vertrag genommen hat, ist kein Zufallsprodukt. Mehr als ein Jahr habe man Falette beobachtet, sagt Eintracht-Sportdirektor Bruno Hübner. Schon vor zwölf Monaten wollten die Frankfurter ihn unter Vertrag nehmen. Nun hat es geklappt . „Er hat sich empfohlen, war einer der besten Innenverteidiger in Frankreich“, befindet Manager Hübner.

Herr Falette, wir haben mal nachgeschaut: Der FC Metz, Ihr vorheriger Verein, ist in Frankreich Tabellenletzter, hat in sieben Spielen 13 Tore kassiert. Weil Simon Falette fehlt?
Nein, nein (lacht). Das ist nicht der Grund. Der Verein befindet sich in einem großen Umbruch, 60 Prozent der Stammspieler haben den Klub verlassen. Deshalb braucht es Zeit, dass sich die Mannschaft dort findet.

Weshalb haben so viele Spieler dem Klub den Rücken gekehrt?
Es gab dort begehrte Spieler, die auch gegangen sind: Ismaila Sarr etwa hat sich Stade Rennes angeschlossen, Georges Mandjeck wechselte zu Sparta Prag und Cheick Doukouré zu UD Levante.

Mit Cheick Doukouré sind Sie gut befreundet. War das ein Grund, weshalb auch Sie Metz verlassen wollten?
Nein, nicht unbedingt. Ich war nur eine Saison beim FC Metz, aber ich habe vorher schon einige andere französische Vereine kennengelernt. Für mich war es einfach an der Zeit, Frankreich zu verlassen, um den nächsten Entwicklungsschritt zu machen.
 
Die persönliche Entwicklung ging bei Ihnen persönlich Schritt für Schritt. Sie haben drei Jahre in der zweiten Liga bei Stade Brest gespielt, ehe Sie sich 2016 dem FC Metz anschlossen. War das Ihr Karriereplan?
Nein, gar nicht. Ich habe bei meinem Stammverein, FC Lorient, schon mit 19 Jahren in der Ligue 1 debütiert, wurde dann zweimal verliehen. Als ich zurückkam, gab es einen Trainerwechsel, sodass ich Lorient unbedingt wieder verlassen wollte. Mir war es wichtiger, in der zweiten Liga Spielpraxis zu bekommen und gesetzt zu sein. Und so war es auch bei meinem Wechsel nach Metz. Ich war schon immer ein Spielertyp, der wissen wollte, woran er ist. Wenn ich wechsele, muss ich spüren, dass mich der andere Verein unbedingt haben will und dass ich meine Einsatzzeit bekomme. Und mit 24 Jahren habe ich mir nun gedacht, es ist Zeit, ins Ausland zu gehen und neue Erfahrungen zu sammeln. Ich hätte auch schon früher wechseln können, im Winter gab es die ersten Angebote, unter anderem von Werder Bremen.

Was sind die größten Unterschiede zwischen der französischen und der deutschen ersten Liga?
Ich denke, das Tempo hier ist viel höher. Das Spiel ist daher viel laufintensiver als in der Ligue 1. Und die Spiele sind ausgeglichener, offener, es geht hin und her. Und dann bekommt die Bundesliga durch diese frenetischen Fans eine spezielle Note.

In Metz fehlen jetzt auch die drei Tore, die Sie in der vergangenen Saison gemacht haben. So viele hätten Sie in Frankfurt auch schon fast haben können.
Allerdings. In Leipzig jetzt, das war Pech mit dem Kopfball, der an den Pfosten ging, und der Torwart hatte auch noch ein bisschen Glück. Aber dieser Kopfball in Freiburg, der vorbeiging, der ärgert mich ganz gewaltig, ganz extrem. Der muss einfach rein. Diese Szene geht mir bis heute immer wieder durch den Kopf. Aber, okay, ich kann es nicht mehr ändern.

Sie sind demnach durchaus ein Verteidiger, der Tore machen kann.
Ja, das denke ich schon. Wir arbeiten im Training intensiv daran. Sowohl die Schützen als auch die Kopfballspieler in der Zielzone. Wir feilen noch an den Automatismen, aber es wird bald klappen.

Was müssen Sie noch verbessern in Ihrem Spiel?
Ich denke, manchmal versuche ich noch, die Situationen zu spielerisch zu lösen, da müsste ich den Ball einfach mal nach vorne schlagen. Und ab und zu fehlt mir noch so ein bisschen die Schlitzohrigkeit, die Bauernschläue, die Abgezocktheit.

Der Trainer attestiert Ihnen, ein starker, aggressiver Spieler zu sein, manchmal müsse man Sie gar noch etwas zügeln.
Ich bin sicher kein Spieler, der böse Fouls begeht. Das möchte ich unterstreichen. Manchmal mag es etwas ungestüm aussehen, da muss ich mich selbst im Zaum halten und mich kanalisieren, aber für böse Fouls bin ich nicht bekannt. Wenn das die Einschätzung des Trainers ist, dann stimmt das zunächst und es liegt an mir, daran zu arbeiten. Aber es bleibt dabei, dass ich als Innenverteidiger ungern einen Zweikampf verliere. Für mich ist es wichtig, dass mein Gegenspieler nicht schneller ist als ich und nicht an mir vorbeikommt. Darauf lege ich großen Wert.

Haben Sie sich an die Methoden hier gewöhnen müssen? Stichwort gesundes Essen, Blutabnahme, um den sogenannten CK-Wert zu bestimmen, Yoga, Behandlungen von Osteopathen und noch vieles mehr.
Also, vernünftige Ernährung gehört für einen Profisportler dazu. Und auch die tägliche CK-Wert-Bestimmung macht Sinn, weil es Rückmeldungen gibt, wie es um die Fitness bestellt ist, wie der Spieler regeneriert, ob er vielleicht müde oder anfällig ist. Das sind Maßnahmen, die mehr als berechtigt sind. Aber das meiste ist für mich auch nichts Neues.

Haben Sie sich in Deutschland gut eingelebt oder war die Umstellung sehr groß?
Meine Schwiegereltern kommen aus dem Dreiländereck, Frankreich-Schweiz-Deutschland, insofern ist Deutschland nichts Unbekanntes für mich. Ich finde die Unterschiede nicht so groß, zumal Frankfurt eine sehr lebenswerte Stadt ist, die wir sehr schätzen. Wir sind gerade dabei, uns einzurichten. Neu ist für mich das Lernen der neuen Sprache. Wir haben da ja Kurse, ich bin mit großer Freude und Spaß bei der Sache.

Sie erwähnten bei Ihrer Vorstellung, dass Ihnen die Familie sehr wichtig sei und einen enorm großen Stellenwert einnehme. Sie haben bereits zwei Kinder, das dritte ist auf dem Weg.
Das Familienleben hat in der Tat eine große Bedeutung für mich. Das kommt auch daher, dass ich in jungen Jahren schon meine Mutter verloren habe. Die Familie gibt mir die zweite Kraft, es gibt so viele schöne Momente.

Ist es aber nicht auch anstrengend mit bald drei kleinen Kindern, sie fordern ja auch sehr viel, die Kinder.
Ich bin sehr kinderlieb, und natürlich verbringe ich viel Zeit mit den Kleinen. Sie sind bald ein Jahr und vier Jahre alt. Aber es kostet keine zusätzliche Kraft, ganz im Gegenteil. Ich kann das wunderbar vereinbaren.

Und wann kommt das dritte?
Am 11. Dezember ist der Termin. Es wird ein Sohn, ein Frankfurter Bub also (lacht).

Ihr Vater stammt aus Französisch-Guayana. Haben Sie spezielle Bindungen dorthin. Es hieß, Sie hätten sogar mal dort für die Nationalmannschaft gespielt.
Ich war nicht mehr dort, seit ich meinen ersten Profivertrag unterschrieben habe. Danach war die Zeit nicht mehr so da. Ich hatte mehrere Einladungen, das stimmt, aber mir ist erst mal wichtig, hier Fuß zu fassen. Also, dass ich dorthin fliege, ist überhaupt kein Thema.

Oder würden Sie lieber für Frankreich spielen?
Damit beschäftige ich mich gar nicht. Ich konzentriere mich nur auf meinen Verein. Wenn so etwas kommen sollte, kommt es. Aber ich fokussiere mich hier voll auf den Ligabetrieb.

Sie halten sich aus den sozialen Netzwerken komplett raus, weshalb?
Sehen Sie, ich habe eine Ehefrau, meine Kinder, meinen Job – das nimmt Zeit in Anspruch. Da brauche ich keine zusätzliche Beschäftigung, die mir noch mehr Zeit raubt. Ich habe einen Instagram-Account von Vereinsseite. Alles andere ist nur zeitfressend und überhaupt nicht mein Ding.

Also ein Foto vom leckeren Hamburger-Essen, das gibt es bei Ihnen nicht?
Oh nein, das ist nichts für mich.

Viele Profis wählen diese Plattformen, um sich in Szene zu setzen und darzustellen.
Klar, bei Stars kann ich das auch nachvollziehen, aber ich bin kein Star.

Sehr bescheiden.
Muss man sein.

Paris Saint-Germain gehört zu Ihren Lieblingsklubs. Wie verfolgen Sie diesen Hype um Neymar.
Das stimmt, PSG war schon mein Herzensverein, seit ich klein bin. Ich freue mich, dass Neymar dort spielt.

Aber diese Summen, 222 Millionen...
Das ist, glaube ich, nicht der Preis, den die Eintracht für mich bezahlt hat. Da kann man wahrscheinlich 220 Millionen oder so wegnehmen (lacht). Nein, ernsthaft: Die Eintracht ist ein großer Klub, aber es gibt halt noch andere Sphären.

Wie würden Sie das Niveau der Eintracht-Mannschaft einschätzen. Nicht nur Trainer Niko Kovac war ob des jüngsten Auftritts in Leipzig nicht so begeistert.
Abgesehen von dem Spiel in Leipzig, in dem wir vielleicht keine wirkliche Siegchance hatten, hätten wir die anderen Spiele, die wir nicht gewonnen haben, für uns entscheiden können. Freiburg, Wolfsburg, auch Augsburg – ich denke, wir haben ein paar Punkte zu wenig. Natürlich braucht es etwas Zeit, bis hier etwas zusammen wächst, weil viele neue Spieler da sind. Aber wir sind auf einem guten Weg, es ist auch nicht so schwierig, weil Fußball eine universelle Sprache ist. Und wir wollen jetzt den ersten Heimsieg einfahren. Das sind wir den Fans schuldig.

Haben Sie gespürt, dass die Kritik nach dem mutlosen Auftritt in Leipzig zugenommen hat?
Ehrlich gesagt nicht, weil ich ja noch nicht richtig verstehen kann, was hier so geschrieben wird. Was ich aber generell schon mitbekommen habe, ist, dass die Presse in Deutschland nicht so kritisch ist wie in Frankreich.

Das überrascht uns ein wenig.
Ist aber so. Wenn man in Frankreich ein Spiel verliert, dann gibt es sofort Druck ohne Ende. Das scheint mir hier nicht so zu sein.

Interview: Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein

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