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"Die Erwartungshaltung an Borussia Dortmund auszurichten, ist völlig verfehlt"

Interview Bruchhagen Teil II

"Ich darf mich nicht verführen lassen"

Heribert Bruchhagen über die Situation bei der Eintracht, die Unterschiede zu Dortmund und warum er Uli Hoeneß vermissen würde.

Herr Bruchhagen, hier in Frankfurt herrscht derzeit eine riesige Euphorie um die Eintracht. Im Dezember vor zehn Jahren haben Sie bei der Eintracht angefangen. Jahrelang sind Sie gelobt worden für ihre Vereinspolitik. Inzwischen sind Sie der Bremser Bruchhagen, der für die kommende Saison von Rang acht bis 13 spricht. Haben Sie keine Visionen?

Allein durch Ihre Fragestellung beeinflussen Sie schon die öffentliche Meinung. Schauen Sie: Ab 1. Juli zahlen wird endlich nicht mehr 2,5 Millionen Euro pro Jahr für einen ISPR-Vertrag, der der Eintracht vor zwölf Jahren etwas mehr als neun Millionen Euro in die Kasse spülte und mit Zins und Tilgung 21 Millionen Euro kostete. Was glauben Sie, warum wir wieder aufgestiegen sind?

Weil Sie ein paar Euro beiseite gelegt hatten, die Sie in der zweiten Liga dann ausgeben konnten.

Wir haben in der Zweitligasaison zehn Millionen Euro mehr ausgegeben als eingenommen. Geld aus der vorhandenen Substanz. Im vergangenen Jahr haben wir achteinhalb Millionen Euro in die Mannschaft hineingesteckt – die größte Investition in der Geschichte von Eintracht Frankfurt.

Haben Sie noch Eigenkapital?

Ja, aber es ist gewaltig geschrumpft. Wir haben noch zwischen drei und fünf Millionen Euro übrig. Wir haben das mit Dr. Pröckl (ehemaliger Finanzvorstand, die Red.) und Friedhelm Funkel in Ruhe aufbauen können. Ich bezweifle, ob das heute bei dem öffentlichen Druck noch möglich ist. Und auch die sportliche Leitung wird immer Maximalforderungen aufstellen. Ich muss aber darauf achten, dass wir noch Rückschlagpotenzial behalten. Ich darf mich nicht verführen lassen.

Was tun Sie nun jetzt mit dem Geld, das für Transfers noch investiert werden kann?

Wir werden darauf drängen, dass wir zu allererst einen Stürmer verpflichten, ehe der vorgegebene Etat weitgehend aufgebraucht ist und wir nicht mehr handlungsfähig sind. Das sehen übrigens auch Trainer Armin Veh und Sportdirektor Bruno Hübner so.

Wurde bei Pirmin Schwegler noch einmal nachverhandelt, damit er bleibt?

Nein. Aber wir haben ihm bei veränderter Vertragslaufzeit und veränderten Vertragsbedingungen ein besseres Angebot unterbreitet. Das wollte er nicht.

Schwegler besitzt also nach wie vor eine Ausstiegsklausel für 2014, genau wie Sebastian Jung, und dann droht auch der Abgang von Sebastian Rode?

Ja. 2014 wird ein ganz schwieriges Jahr für uns. Ich habe zu Sebastian Rode ein extrem gutes Verhältnis.

Und doch kaum eine Möglichkeit, ihn zu halten?

Er hat eine klare Vorstellung, will die Chance bei Bayern München suchen und sagt sich, dass er immer zurückkehren kann.

Was trauen Sie der Eintracht kommende Saison zu?

Wir haben uns, im Gegensatz zum SC Freiburg, gegen den Ausverkauf wehren können mit einem von 25,8 auf 30,5 Millionen Euro gestiegenen Personaletat. Damit kann man in der Bundesliga ganz gut auskommen, um dort fester Bestandteil zu bleiben.

Klingt sehr zurückhaltend.

Wenn ich meine realistische Einschätzung abgebe, heißt es wieder, einer, der sich keine Ziele setze, könne auch nichts erreichen. Ich weiß aber, was Hoffenheim im Topf hat, Wolfsburg sowieso und auch der VfB Stuttgart. Wir sind in die Marktlücke, die Mönchengladbach, Hannover und Stuttgart durch die Doppelbelastung gelassen haben, hineingestoßen. Das war eine tolle Leistung, vor allem von Hübner und von Veh.

Fürchten Sie, dass künftig auch Drittliga-Aufsteiger Rasenball Leipzig an der Eintracht vorbeiziehen wird?

Ach, ich rege mich darüber nicht mehr auf. Ich kann auch nichts daran ändern, dass es Hoffenheim, Leverkusen und Wolfsburg in der Bundesliga gibt. Das tut Eintracht Frankfurt zwar weh, aber diese Klubs sind alle fester Bestandteil der Bundesliga. Ich habe kein Interesse daran, Dinge, die ich nicht ändern kann, zu kommentieren.

Aber Leipzig ist mit neun Mitgliedern ein reines Marketingvehikel von Red Bull!

Leipzig hat aus meiner Sicht einen hohen Anspruch auf Profifußball. Der Standort Leipzig kann Bundesligafußball gut gebrauchen.

Wie hat sich der Transfermarkt aus Ihrer Sicht verändert?

Die Gruppe derer, die nicht unmittelbar am Fußball beteiligt ist, hat ihren Anteil am Gesamtkuchen von Jahr zu Jahr vergrößert: Berater, Finanzgruppen, Agenturen.

Borussia Dortmund weiß gar nicht, wohin mit den mehr als hundert Millionen, die der Klub in diesem Jahr verdient hat, die Eintracht kratzt mühevoll sieben, acht Millionen zusammen…

Der BVB ist ein Verein mit ganz anderem Potenzial.

Aber Dortmund lag 2004 platt am Boden und hat sich aufgerappelt.

Da könnte ich Ihnen abendfüllend drüber berichten.

Die Geschichte von der umstrittenen Lizenzerteilung im Juni 2004 bei einer dramatischen Sitzung während der EM im deutschen Camp an der Algarve?

Ich behalte das lieber für mich. Im Grund hätte die Situation des BVB seinerzeit zwangsläufig zum Lizenzentzug führen müssen.

Was mit Rücksicht auf die große Marke BVB nicht geschah. Eintracht Frankfurt war 2002 auch ziemlich am Ende. Würden Sie sagen, die Eintracht hätte perspektivisch die Chance, eines nicht allzu fernen Tages in die Nähe der Borussen zu gelangen?

Ihre Fragestellung gefällt mir nicht.

Wieso nicht?

Eine solche Fragestellung ist der erste Schritt, dass Eintracht Frankfurt wieder in alte Strukturen verfällt. Die Erwartungshaltung an Borussia Dortmund auszurichten, ist völlig verfehlt. Eintracht Frankfurt war noch nie Deutscher Meister, seit es die Bundesliga gibt und hat noch nie die Champions League gewonnen. Mit Ihrer Fragestellung wecken Sie genau die Instinkte, die meine Vorgänger auf die falsche Fährte geführt haben. Dann sind sie Risiken eingegangen, die den Verein fast in den Abgrund geführt hätten. Ähnliches erlebt ja gerade auch unser Nachbar aus Offenbach. Die haben unter dem Druck, in die zweite Liga kommen zu wollen, mutig gehandelt. Aber wo sind denn die Mutigen geblieben?

Aber Borussia Dortmund hat ja mit einem Konsolidierungskurs sportlichen Erfolg gehabt.

Ja, aber die Etatunterschiede sind doch viel größer geworden seit der Zeit vor sieben, acht Jahren. Denn die internationalen TV-Gelder sind explodiert.

Sie sind Mitglied im Liga-Vorstand. Warum haben Sie nicht dafür gesorgt, dass die Großverdiener weniger bekommen und die kleinen Klubs mehr?

Habe ich doch! Schon 1992 sehr vehement! Ich bin oft genug verprügelt worden.

Haben Sie zuletzt im Liga-Vorstand aber nicht mehr.

Stimmt. Denn ich war froh, dass ich meine Münchner Kollegen Kalle Rummenigge und Karl Hopfner im privaten Vorgespräch halbwegs auf Schiene halten konnte, damit die Spreizung nicht noch größer wird.

Am 7. August wird ein neuer Ligavorstand gewählt. Werden Sie kandidieren?

Das weiß ich noch nicht.

Denken Sie darüber nach, Ihrem jungen Vorstandskollegen Axel Hellmann den Weg in den Ligaverband zu ebnen?

Die Zusammenarbeit mit Axel Hellmann ist ausgesprochen gut. Aber er ist erst ein Jahr im Bundesligageschäft. Das ginge jetzt ein bisschen schnell. Zumal es im Ligavorstand keine Erbhöfe gibt. Man täte ihm auch keinen Gefallen damit, ihn jetzt schon zum Kandidaten auszurufen.

Haben Sie zu Uli Hoeneß inzwischen Kontakt gehabt?

Ja. Habe ich.

Was haben Sie ihm gesagt?

Dass ich es sehr bedauern würde, wenn ich künftig nicht mehr in sein Kreuzfeuer geraten würde. Ich wünsche ihm sehr, dass er Bayern-Präsident bleiben kann. Es würde der Bundesliga gut tun, wenn er sich als Protagonist weiter konstruktiv und kritisch mit dem Fußball auseinander setzt.

Interview: Jan Christian Müller

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