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Haris Seferovic hat die Erwartungen übertroffen.

Haris Seferovic

„Ich brauche einen Tritt in den Hintern“

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Der Eintracht-Stürmer Haris Seferovic hat alle Erwartungen übertroffen und fühlt sich in Frankfurt pudelwohl.

Nach den vielen Einheiten auf dem Trainingsplatz in Abu Dhabi liegt Haris Seferovic flach. Der Länge nach auf dem Rasen. Katsuya Korosu schnappt sich dann ein Bein des Eintracht-Stürmers, legt es sich auf die Schulter und dehnt es ausgiebig. Seferovic verzieht das Gesicht, lässt die Prozedur aber über sich ergehen. Korusu, nur Kuru genannt, ist eigentlich Akupunkteur, aber offenbar vielseitig verwendbar. Seferovic schwört auf die Zusatzbehandlung nach der Belastung. „Es tut mir gut, das Stretchen ist gut für die Muskulatur.“ Der 22-Jährige hat noch ein bisschen Nachholbedarf, muss drei Einheiten am Tag absolvieren, eine mehr als die meisten anderen Fußballer. „Ich war eine Woche krank“, sagt er, „das muss ich jetzt wieder aufholen.“ Er hat es bald geschafft.

Ein unbeschriebenes Blatt

Haris Seferovic ist ganz sicher der Spieler, der die Erwartungen nicht nur erfüllt, sondern sie bei weitem übertroffen hat. Als die Eintracht, kurz vor der Italienreise in der Sommervorbereitung, den Schweizer mit bosnischen Wurzeln verpflichtete, da war er für viele ein unbeschriebenes Blatt. Kein gänzlich Unbekannter, das nicht, er war ja schließlich bei der WM in Brasilien für die Schweiz dabei und hat auch ein Tor gemacht, ein entscheidendes kurz vor Schluss. Aber es war nicht so, dass da ein Stürmer kam, der einen großen Namen und einen Ruf wie Donnerhall hatte. Sechs Monate und eine Vorrunde später kennt ihn die ganze Bundesliga, von Vorgänger Joselu, der mit aller Macht gehalten werden sollte, spricht kein Mensch mehr in Frankfurt. Und Sportdirektor Bruno Hübner kann sich ob der lautlosen Verpflichtung des wuchtigen Angreifers zurecht feiern lassen. Seferovic gilt als bester Einkauf seit vielen, vielen Jahren, als bester Einkauf für die sensible Stelle im Angriff sowieso. Er ist ein Volltreffer. „Wenn ich so etwas hören, dann macht mich das stolz“, sagt der Vollblutstürmer.

Seferovic hat in 16 Bundesligapartien sieben Tore gemacht und sechs vorbereitet, gemeinsam mit Alexander Meier (13 Tore, zwei Vorlagen) ist er das Traumduo der Liga, das Duo Infernale. Seferovic ist kein Träumer, der mit großen Augen durch die Glitzerwelt läuft und sich an seinem eigenen kleinen Heldenepos ergötzt. Er ist ein kantiger Kerl, der weiß, dass er momentan auf der Sonnenseite wandelt. „Bis jetzt ist es meine beste Saison der Karriere“, befindet er. Er ist, obwohl erst 22 Jahre alt, schon herumgekommen in der Fußballwelt, Schweiz, Italien, Spanien, Deutschland. Die Eintracht ist schon sein siebter Profiklub. „Es ging bergauf und bergab“, sagt er. Vor seinem Wechsel nach Frankfurt war er auf dem Weg nach unten, in Spanien, bei Real Sociedad San Sebastian, war er zutiefst unglücklich. „Ich wollte einen Neuanfang machen, ich wollte zeigen, dass ich Fußball spielen kann“, äußert er. Es hat geklappt. „Hier passt alles.“ Weshalb, kann er nicht beantworten. „Manches kann man nicht erklären.“

Er fühlt sich pudelwohl in Frankfurt, hat sich gut eingelebt vor den Toren der Stadt in dem stilvollen Haus von Ex-Trainer Armin Veh. „Ich fühle mich hier wie zu Hause, in den Winterferien konnte ich es kaum erwarten, nach Frankfurt zurückzukommen.“

Seferovic ist nicht nur wegen seiner Torgefährlichkeit ein wichtiger Faktor im Spiel der Eintracht, er bringt ein anderes Element hinein, Wucht, Physis, Präsenz. Er reißt die Mannschaft mit, er ist ein Arbeitstier, ein Rammbock, ein geschmeidiger Malocher, einer, der aber vor allen Dingen die Bälle halten und verarbeiten kann, der aus jeder sich bietenden Gelegenheit versucht, aufs Tor zu schießen, aber auch uneigennützig ist, wenn es dem Erfolg des Teams dient. „Ich spiele lieber rüber, wenn einer besser steht.“

Seferovic ist ein Goldjunge, der die Schweizer U17 damals mit seinem Tor zum WM-Titel schoss, er ist ein unbekümmerter Mann, ein Filou, der seinen eigenen Kopf und immer einen lockeren Spruch drauf hat. „Ich bin ein Spaßvogel“, sagt er über sich. „Ich rede gerne und habe Freude am Leben.“ Als „verrückten Typen“ hat Sturmpartner Alex Meier ihn mal beschrieben, er hat es positiv gemeint.

Die richtige Balance

Aber der Nationalspieler ist auch einer, der angetrieben werden muss, der sich an der langen Leine eher verheddert. Trainer Thomas Schaaf scheint die richtige Balance gefunden zu haben. Wenn er ihm etwas erklärt, dann ruhig und sachlich, aber er kann auch anders. „Der Trainer ist streng“, urteilt Seferovic. „Er gibt dir einen Arschtritt, wenn du ihn brauchst. Und ich brauche jemanden, der mit in den Hintern tritt.“

Seferovic hat mit seinen herausragenden Leistungen längst auf sich aufmerksam gemacht, in der Schweizer Nationalmannschaft ist er gesetzt, „da habe ich jetzt einen anderen Status“, wie er bekennt. „Die Leute erwarten viel von mir, ich bin ein wichtiger Spieler.“

Das bleibt auch der Branche nicht verborgen, er hat seinen Marktwert gesteigert. Wenn er so weiterspielt, wird ihn die Eintracht kaum langfristig binden können. Der Torjäger ist vertraglich bis 2017 gebunden, in spätestens anderthalb Jahren wird über seine Zukunft entschieden, dann muss die Eintracht entweder versuchen, den Vertrag zu verlängern oder ihn für viel Geld verkaufen. Seferovic sieht es gelassen: „Im Fußball weiß man nie, was kommt.“ Oder hat er womöglich gar eine Ausstiegsklausel für 2016? Seferovic zögert einen Moment. „Ich denke nicht“, bedeutet er dann knapp.

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