+
Ende eines freudlosen Arbeitstages: Schiedsrichter Felix Brych schickt Carlos Zambrano vom Feld – das war überfällig.

Eintracht in Mainz

Hübner sieht Rot - Zambrano auch

  • schließen

Der Frankfurter Sportdirektor feuert eine volle Breitseite gegen Schiedsrichter Brych ab, doch Mittelfeldspieler Russ stellt den Verteidiger ins Zentrum der Kritik.

Im Kellergeschoss des Mainzer Stadions hat Bruno Hübner die Orientierung verloren. Da ging es ihm, diese Analogie sei gestattet, nicht anders als den Eintracht-Fußballern zuvor auf dem Spielfeld. Der Frankfurter Sportdirektor suchte verzweifelt den Ausgang aus der Arena, doch dann überlegte es sich der höchst erregte 54-Jährige anders, machte auf dem Absatz kehrt und fragte in die Runde: „Wo ist denn hier die Schiedsrichter-Kabine?“ Ein Ordner war so frei, den Eintracht-Sportchef zur Umkleide von Felix Brych zu geleiten. Nach 20 Minuten stiefelte Bruno Hübner wieder aus dem Zimmer hinaus ins Freie. „Er sieht es anders, kein Problem. Vielleicht hat er ja recht, ich bin ja nicht allwissend“, sagte Hübner nachsichtig. Ein paar Minuten zuvor hatte sich das noch ganz anders angehört.

Da war der Eintracht-Sportdirektor auf 180, ließ kein gutes Haar am Unparteiischen. Er feuerte die volle Breitseite ab, setzte zu einer Generalabrechnung an, die sich gewaschen hatte. „Er kann es einfach nicht“, schimpfte Hübner. „Ich habe ihn mal für einen guten Schiedsrichter gehalten, aber er ist schlechter geworden. Er verliert total seine Linie im Spiel, das ist außergewöhnlich für so einen erfahrenen Mann.“ Brych habe der Eintracht schon „viele Punkte gekostet“, sagte Hübner. Etwa in Düsseldorf damals, in der Aufstiegssaison.

Nervendes Theater

Brych habe auch am Samstag viele Entscheidungen zugunsten der Mainzer getroffen. „Und dann bekommt der Gegner immer wieder einen Freistoß und irgendwann halt ein Übergewicht.“ Der Sportchef störte sich vor allen Dingen an der Bewertung der vielen Zweikämpfe zwischen dem Mainzer Angreifer Shinji Okazaki und dem Frankfurter Verteidiger Carlos Zambrano. „Okazaki provoziert von der ersten bis zur letzten Minute, er springt immer in den Gegner rein, aber gepfiffen wird gegen den Abwehrspieler“, monierte der Manager. „Der Schiedsrichter hat die Aufgabe, den Abwehrspieler zu schützen.“

Das mag sein, greift in diesem Fall aber viel zu kurz. Denn Carlos Zambrano, der Gegenentwurf eines Unschuldslammes, hat auch in Mainz wieder den Bogen überspannt. So, wie der Peruaner gegen die Rheinhessen zu Werke ging, hat er es schlichtweg nicht verdient, in Schutz genommen zu werden. Der Peruaner verhaspelte sich erneut in viele knifflige und unfaire Privatduelle, teilte aus und steckte ein, provozierte bis aufs Blut, ging weit über die Grenze des Erlaubten hinaus. Oftmals ist das in einem halbwegs erträglichen Rahmen geblieben, am Samstag war es das nicht mehr. Da war der 25-Jährige eindeutig übers Ziel hinausgeschossen.

Zambrano wurde schließlich nach einer hässlichen Ellenbogenattacke gegen Pablo de Blasis mit Gelb-Rot vom Platz gestellt (83.). Das war nicht nur berechtigt, sondern überfällig. „Sogar ich als Mitspieler muss sagen, dass das klar Gelb-Rot war“, befand Mittelfeldspieler Marco Russ. Selbst eine glatte Rote Karte wäre drin gewesen – genauso wie bei einem Einsteigen zuvor mit dem Knie in den Rücken von Okazaki. Der Japaner übrigens ist ebenfalls kein Kind von Traurigkeit, sicherlich kein besonders fairer Sportsmann. Es war Zambranos erster Platzverweis in der Bundesliga überhaupt, das muss man ihm zugute halten

Er wird der Eintracht am Samstag im Heimspiel gegen den HSV fehlen, dabei hatte er gerade erst eine Gelbsperre abgebrummt. Das ist bezeichnend.

Manager Hübner wollte Zambrano nicht vollumfänglich in Schutz nehmen, er habe sich als Profi im Griff zu haben, „darüber müssen wir nicht reden“, doch wenn „man nur provoziert wird, geht einem halt irgendwann der Gaul durch.“ Zambrano passiert das leider auch ohne Provokation des Kontrahenten. Diese Mätzchen, diese Unart sollte der Südamerikaner ein für alle mal sein lassen, es gehört sich nicht, es ist unsportlich und nervend. Und es tritt den Fairplay-Charakter mit Füßen – das trifft auch auf Theatralik und Schauspieleinlagen zu.

Immer an der Grenze

Zambrano ist ein klasse Verteidiger, der, wie Ex-Trainer Armin Veh sagte, „in jeder europäischen Spitzenmannschaft spielen könnte“, er hat so etwas gar nicht nötig. Auch wenn viele bei der Eintracht glauben, dass er diese grenzwertige und unschöne Art des Spiels braucht, um seine ganze Leistungsstärke abzurufen. Die Eintracht steht dennoch dazu, den auslaufenden Vertrag des Stopper verlängern zu wollen – auch wenn so manch wichtiger Funktionär sich mehr Zurückhaltung wünschen würde und den Spielstil des streitbaren Profis kategorisch ablehnt. Auch, weil der beinharte Verteidiger die Schiedsrichter sehr oft gegen die Eintracht aufbringe. Wenn Zambrano seinen Vertrag verlängern sollte, würde er zum Spitzenverdiener aufsteigen.

Auch die Mitspieler sind von dem permanenten Theater genervt, weil der Spielrhythmus oft verloren geht und er der Mannschaft nicht selten einen Bärendienst erweise. „Wir wissen ja, dass Carlos immer an der Grenze zum überharten Spiel steht“, sagte Russ. „Er muss das in den Griff bekommen, damit er uns nicht jede Woche schadet.“

 Bruno Hübner wollte Zambrano nicht den Schwarzen Peter für die Niederlage zuschieben. Und er war immerhin so fair, auch den Schiedsrichter von jeder Schuld freizusprechen. „Um Gottes Willen, nein, am Schiri lag es nicht. Wir hätten auch mit keinem anderen gewonnen.“ Das kommt der Wahrheit sehr nahe.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare