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„Hier ist noch mehr Wohlfühloase“

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Von: Ingo Durstewitz

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Müssen sich noch besser kennenlernen: Jan Rosenthal und Armin Veh.
Müssen sich noch besser kennenlernen: Jan Rosenthal und Armin Veh. © Huebner/Hujer

Der Ex-Freiburger Jan Rosenthal hätte nicht gedacht, wie viele Freiheiten ein Fußballprofi bei Eintracht Frankfurt hat. Ein Gespräch mit Tiefgang im Trainingslager von Eintracht Frankfurt.

Jan Rosenthal, 27, kam vor der Saison aus der Freiburger Idylle ins hektische Frankfurt. Der Offensivspieler hatte es zu Beginn nicht leicht bei der Eintracht, weil er sich schnell einen Muskelfaserriss in der Wade zugezogen hat und lange ausgefallen ist. Jetzt nimmt er einen neuen Anlauf. Im FR-Interview spricht der intelligente und mündige Spieler über die Macht der Gedanken und wie man sie kanalisieren kann – und über seinen Ruf als der etwas andere Fußballprofi. Herr Rosenthal, Sie haben sich selbst als neugierigen und reiselustigen Menschen beschrieben.

Wie waren die acht Tage in Abu Dhabi? Können Sie mit so einem Land überhaupt irgendetwas anfangen?
Ich habe mich ein bisschen eingelesen und mich mit den politischen Strukturen vertraut gemacht, also welcher Scheich in welches Emirat gehört und solche Dinge. Und wenn man sich die Strukturen mal ansieht, ist das hier schon was komplett anderes als bei uns in Europa.

Was meinen Sie?
Es ist ja fast alles auf Öl aufgebaut, und dann wird das alles stufenweise an die Familie verteilt, an den Bruder, an den Sohn und so weiter. Das war ja bei uns früher auch so, als der König sein Land beansprucht und seine Fürsten eingesetzt hat.

Und dann haben Sie und die Mannschaft hier auch noch in so einem Prunk-Palast gelebt.
Ich persönlich kann mit diesem Größer, Höher, Weiter, Schneller nichts anfangen. Ich habe schon viele Luxushotels mitgenommen dank meiner Fußballkarriere, aber ich kann diesen fünf Kilometer großen Hotels nichts mehr abgewinnen. Das ist total unwirklich. Man könnte die Ressourcen auch anders einsetzten, zum Beispiel noch mehr in Forschung und Bildung stecken. Nicht, dass das hier nicht auch schon passiert, aber das hängt halt auch immer davon ab, wie einzelne Personen ticken. Jeder investiert in die Sachen, die er für richtig hält, der eine kauft einen Sportverein, der andere baut eine Rennstrecke. Mein Freundin und ich hatten mal überlegt, hierher in Urlaub zu fahren. Aber ich lasse mein Geld lieber in Ländern, die es dringender brauchen.

Was reizen Sie für Länder, Sie scheinen ein klassischer Individualreisender zu sein.
Mich reizt nicht das, was Menschen erbaut haben, sondern das Ursprüngliche. Also die Natur. Hawaii zum Beispiel war cool, da waren fünf Klimazonen im Radius von zehn Kilometern. Afrika reizt mich auch, in die Geschichte bin ich tiefer eingetaucht, die Zulus, Südafrika, Kapstadt. Würde ich gerne mal bereisen. Oder Südostasien, Kambodscha, Thailand, Insel-Hopping.

Also eine Pauschalreise, zwei Wochen Ibizia, all inclusive – das wäre eher nicht so Ihre Welt.
Na ja, nach dieser langen Saison mit Freiburg und dem ganzen Transferstress, da haben wir uns das Nächstbeste gesucht, wo schönes Wetter war. Wir waren zehn Tage auf Kreta, davon lag ich acht nur rum, weil ich zu nichts in der Lage war. Aber generell will ich mehr sehen als nur ruhen.

Sie wissen schon, dass unser Gespräch nicht das normale zwischen einem Journalisten und einem Fußballer ist.
Weshalb? Weil es diese angebliche Stereotype eines Fußballers gibt?

Genau. Sie passen in die Fußballprofi-Welt so gar nicht hinein.
Das wurde mir schon oft gesagt von Freunden oder mir nahestehenden Menschen, dass ich nicht der typische Fußballer bin und dass das Fußballgeschäft nicht unbedingt das ist, in dem ich mich gedanklich austoben könnte. Aber ich bin von klein auf von Herzen Fußballer, also gehöre ich dort auch hin.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum die Spieler in Frankfurt weniger Führung als in Freiburg brauchen

Der Trainer weiß am besten, was die Mannschaft gerade braucht

Sie sind bekannt dafür, sich viele Gedanken zu machen.
Es stimmt schon, dass ich mich zu sehr in die Dinge reindenke oder das große Ganze sehe oder etwas tiefer hineingehe als man muss. Ich schade mir dadurch selbst. Fußball ist ein Mannschaftssport, da muss man sich anpassen und sich auf die einfachen Dinge konzentrieren - so stumpf es auch manchmal sein mag. Ich konzentriere mich auf das Sportliche an der Geschichte. Das Laufen, das Trainieren, die Anstrengungen - da sehe ich, welchen positiven Effekt das auf den Körper hat.

Manchmal ist es als Sportler, aber auch als Mensch schwieriger klarzukommen, wenn man sich zu viele Gedanken macht. Sehen Sie das ähnlich?
Absolut. Wenn die Gedanken immer wieder in Richtungen gehen, in denen sie zu keinem Erfolg führen, dann ist es für jeden Menschen in jeder Branche schwierig, mit der Energie hauszuhalten. Das hat mir in meiner Karriere immer wieder mal ein Bein gestellt.

Hinterfragen Sie zum Beispiel auch Trainingsinhalte?
Nein, der Trainer hat genügend Erfahrung, außerdem muss man auch das Große und Ganze sehen. Unter anderem auch viele Aspekte, die wir als Spieler jetzt nicht unbedingt bedenken. Er weiß am besten, was die Mannschaft gerade braucht. Und die Spieler haben hier so viel individuelle Qualität, dass sie mehr Freiraum bekommen, um diese einzubringen. In Freiburg brauchten alle zum Beispiel etwas mehr Führung.

Wie gehen Sie als mündiger Spieler mit Ihren Erlebnissen und Erfahrungen um?
Man sollte sich als Spieler nicht über die großen Dinge Gedanken machen, weil es nirgendwo hinführt.

Aber Sie machen es ja dennoch.
Deshalb wirke ich oft sehr introvertiert, weil ich viel nachdenke, aber nicht alles nach außen tragen kann.

So eine Rolle wie die Ihre muss ja unheimlich anstrengend sein.
Klar, ich analysiere meine Leistung ständig und denke manchmal vielleicht ein bisschen zu sehr darüber nach, wie ein Trainer mich sieht, da bin ich zu ehrgeizig, will dieses und jenes noch verbessern. Ich habe sehr viel aufgenommen, das bringt meine Neugier ja mit. Ich frage, frage, frage – schon mein ganzes Leben lang. Denn wer viel fragt, lernt auch viel.

Wenn Sie in Freiburg mit Trainer Streich auf einer Wellenlänge waren, dann muss Ihnen der Wechsel doch extrem schwer gefallen sein.
Klar fiel es mir schwer zu wechseln, aber wenn man im Leben vorankommen will, braucht man auch mal Kontrapunkte, an denen man sich weiterentwickelt und nicht nur Leute, die genauso denken wie man selbst.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Warum Frankfurt noch mehr Oase ist als Freiburg

In Frankfurt hat man mehr freie Hand

Würden Sie sagen, Sie bereuen den Wechsel schon?
Nein, gar nicht. Manchmal muss man Dinge tun und Entscheidungen treffen, um zu merken: Hey, das ist es oder das ist es doch nicht. Sonst lebt man doch ständig im „Was wäre, wenn…“. Und das würde einen über kurz oder lang auch unzufrieden machen. Wir hatten zum Beispiel viele tolle Europa-League-Abende, auf die hoffentlich noch weitere folgen. Das war auch eine neue Erfahrung für mich.

Aber ist es hier so, wie Sie es sich gedacht haben?
Eigentlich ist immer alles so, wie man es sich denkt. Das ist die sich selbst erfüllende Prophezeiung.

Sie haben damals gesagt, Sie wollten bewusst die Wohlfühloase Freiburg verlassen, um sich in einem unruhigeren Umfeld zu beweisen.
Ja, aber so ist es nicht gekommen. Es ist ja hier genauso ruhig. Es ist noch mehr Wohlfühloase, weil man mehr freie Hand hat. Das brauche ich als Fußballer nicht unbedingt, weil ich zu extrem Fußball lebe und zu ehrgeizig bin. Aber dann muss ich lernen, das Positive rauszuziehen und sagen: Wenn wir mal einen freien Nachmittag haben und eben nicht noch drei Stunden Videositzung auf dem Programm steht, nutze ich die freie Zeit für Individualtraining. Darüber freut man sich dann auch mal, außerdem ist es gut, auch das zu lernen.

Wie leben Sie mit dem Ruf, der etwas andere Fußballprofi zu sein?
Für mich gibt es nicht diesen Stereotyp des Fußballers. Wir sind alle auch nur Menschen und daher alle unterschiedlich. Vielleicht bin ich etwas komplizierter als manch anderer Fußballspieler, aber es soll keiner denken, ich bin deshalb weniger Fußballer, im Gegenteil: Ich bin ein eher intensiverer Fußballer, mache mir Gedanke über alles, was ich tue oder mache.

Können Sie die vielen Gedanken, die Sie haben, im Spiel ablegen?
Wenn ich im Spiel bin und viele Ballkontakte habe, dann ja. Dann bin ich voll auf das Spiel konzentriert. Für mich ist es dann eher kontraproduktiv, wenn ich auf einer Außenposition spiele. Dann kann es sein, dass ich zehn Minuten keinen Ballkontakt habe und nur das Spiel beobachte, dann sehe ich zu sehr, wie das Spiel läuft, dann lege ich den Fokus zu sehr auf alle anderen und bin raus aus meinem Spiel, dann werde ich zu verkopft. Deshalb möchte ich gerne im Zentrum spielen, damit ich viele Bälle habe, wach sein muss, ständig beschäftigt bin und mein Kopf gar nicht Überhand gewinnen kann.

Sie arbeiten ja auch mit einem Mentaltrainer zusammen. Wie wichtig kann so eine externe Hilfe sein?
Ich glaube, dass es mir etwas bringt. Es hilft, die manchmal störenden Gedanken zu kanalisieren oder zu filtern. Ich habe es immer nur gemacht, um meine Leistung zu optimieren. Außerdem: Zu viel Analyse legt den Fokus zwangsläufig auf Negatives, und das ist auch wieder kontraproduktiv.

Inwiefern hilft Ihnen Ihre kreative Ader, das Malen zum Beispiel?
Ich bin da nicht so konsequent, aber es hilft mir schon abzuschalten. Manchmal fängt man um drei Uhr an und ist so drin, dass es plötzlich neun Uhr ist, wenn man wieder auf die Uhr guckt. Manchmal habe ich auch eine geniale Idee nachts um halb zwölf – wenn das Bild schon fertig ist.

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Was früher anders war als heute

"Heute sind die Jungen die Helden"

Wie zufrieden oder unzufrieden sind Sie mit Ihrer Zeit in Frankfurt?
Immer wenn ich längere Zeit trainiert habe, habe ich auch gespielt. Also kann der Wechsel nicht so verkehrt gewesen sein. Ich musste erst alle kennenlernen, rausfinden, wie jeder tickt, was erwartet wird. Es gab anfangs ein paar kleine Kommunikationsschwierigkeiten zwischen mir und dem Trainer, aber er musste mich ja auch erst kennenlernen und herausfinden, wie ich ticke. Aber das gehört nach einem Vereinswechsel zur Eingewöhnungszeit dazu, das waren meine Hausaufgaben.

Haben Sie irgendwann mal das Gefühl gehabt, zu wenig aus Ihrer Karriere gemacht zu haben?
Damals, in Hannover, hatte ich nach dem ersten, zweiten Jahr Angebote, aber es wurde nie wirklich konkret, weil auch Hannover nicht bereit war, mich abzugeben. Da haben sie gesagt: Nein, Rosenthal bleibt, wir bauen hier was auf, aber dazu kam es nicht. Da habe ich es schon bedauert und gedacht, wenn ich früher den Absprung geschafft hätte, wer weiß, was hätte kommen können.

Weshalb lief es eigentlich am Ende in Hannover so schlecht?
Man muss halt einfach sehen, dass es damals in den Vereinen noch anders lief. Heute sind die Jungen die Helden, die kommen schon mit einem Riesenselbstvertrauen aus der A-Jugend raus und denken, sie sind Ronaldinho. Früher musste man als 19-, 20-Jähriger erst mal zwei Jahre trainieren, ehe man seinen ersten Bundesligaeinsatz hatte. Ich war damals in Hannover, als etwa Altin Lala und Michael Tarnat noch spielten. Das sind echt nette Typen, aber sie verkörperten die alte Schule. Wenn du ihnen einen Tunnel gespielt hast, haben sie dich in der nächsten Szene umgegrätscht, und der Trainer sagte: kein Foul. Das waren noch Platzhirsche, da gab es andere Hierarchien.

Wenn ich jetzt sehe, wie nett wir erfahrenen Spieler mit den Jungen umgehen, dann hätte ich das auch gerne selbst erlebt. Wir haben früher ja eher erlebt, dass man als junger Spieler klein gehalten wurde. Heute sind wir eher eine große Familie. Ich finde es schade, dass man damals nicht die Aufmerksamkeit und den Respekt entgegengebracht bekommen hat. Man musste drei, vier Jahre Bälle tragen, hat ein Achtel verdient von den Neuzugängen – obwohl man selbst ein überragendes Jahr gespielt hatte. Mir hat die Wertschätzung gefehlt, ich habe mich als Auszubildender im eigenen Laden gesehen, so wurde ich auch behandelt. Und deshalb war meine Leistung auch fallend, weil ich immer unzufriedener wurde, dass ich noch da war. Aber okay, im Endeffekt ist es okay. Sonst wäre ich vielleicht nie in Freiburg und jetzt in Frankfurt gelandet, und da hätte mir sicher etwas gefehlt. Interview: Ingo Durstewitz

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