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"Das hier ist die beste Erfahrung meines Lebens"

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"Ich wäre der Erste, der sagen würde: Okay, passt, machen wir, dann geht es ins zweite Jahr hier." Jesus Vallejo.
"Ich wäre der Erste, der sagen würde: Okay, passt, machen wir, dann geht es ins zweite Jahr hier." Jesus Vallejo. © Stefan Krieger

Jesus Vallejo über seine Zeit in Frankfurt, den ausgefallenen Kaffeeklatsch mit Cristiano Ronaldo und weshalb er sich eine zweite Runde bei der Eintracht gut vorstellen kann.

Jesus Vallejo gehört auf dem Fußballplatz zu den beständigsten Spielern im Eintracht-Dress, auch wenn seine Formkurve nach der Winterpause etwas nach unten ging. Doch das ist nicht verwunderlich bei einem solch jungen Profi, der Spanier ist gerade erst 20 geworden. In der Vorrunde zeigte er herausragende Darbietungen, gehörte zu den Erfolgsgaranten. Zuletzt war er wegen einer Oberschenkelverletzung unpässlich – das war nicht gut für die Eintracht. Doch jetzt ist er wieder fit und einsatzbereit.

Und auch abseits des Feldes liefert er prima Leistungen ab. In seinem Deutschkurs für Fortgeschrittene mit David Abraham, Ante Rebic, Mijat Gacinovic und Marco Fabian gibt er den Ton an. „Er ist ein Musterschüler“, sagt Dolmetscher und Lehrer Stephane Gödde.

Im FR-Interview gibt sich der Innenverteidiger aufgeschlossen und verbindlich. Und erstmals spricht er recht deutlich an, dass er sich ein weiteres Jahr in Frankfurt sehr gut vorstellen könne. Zurzeit ist er von Real Madrid ausgeliehen.

Herr Vallejo, wir sind überrascht, den fleißigen Dolmetscher Stephane Gödde hier zu begrüßen, wir dachten, wir führen das Interview in Deutsch.
Sie werden lachen, aber ich habe vorige Woche tatsächlich auf Deutsch ein Interview bei Eintracht-TV gegeben, aber für so ein größeres Interview ist es mir lieber, wenn Stephane dabei ist.

Ihr Mitspieler Marco Fabian war am Montag im HR-Fernsehen und hat das Gespräch auf Deutsch geführt. Würden Sie sich das ebenfalls schon trauen?
Marco ist ja auch ein halbes Jahr länger da (lacht). Aber im Ernst: Das weiß ich nicht. Fakt ist: Ich verstehe immer mehr, auch mit dem Sprechen klappt es ganz gut. Am Anfang habe ich wenig verstanden, alle haben so schnell gesprochen.

Ist Stephane Gödde ein strenger Lehrer?
Zuckerbrot und Peitsche, würde ich sagen (lacht).

Der Deutschunterricht ist ja mittlerweile Pflicht bei der Eintracht. Hätten Sie aber ohne diese Auflage ebenfalls versucht, schnell die Sprache zu erlernen?
Natürlich. Für mich ist es ja auch so, dass der Unterricht nicht im Klassenraum endet. Er geht in der Kabine weiter, da kann man das Gelernte anwenden und versuchen, umzusetzen.

Klappt es auch schon mit ein paar Scherzen in der Kabine?
Dass ich jetzt selbst schon Witze auf Deutsch erzähle, kommt eher selten vor. Aber es wird viel gelacht in der Kabine, es gibt ja auch viele leicht zu verstehende Scherze, die mit Fußball zu tun haben, auch mit Situationskomik. Vorrangig ist mir aber natürlich wichtig, dass ich die Ansprache des Trainers immer besser verstehe, und das gelingt mir auch. Die Verständigung klappte früher nur mit Dolmetscher, jetzt ist es so, dass ich versuche, möglichst viel aufzuschnappen. Das klappt gut. Und wenn es mal einen Restzweifel oder ein Missverständnis gibt, kann man sich immer noch an den Dolmetscher wenden. Aber ich versuche, alles selbst aufzunehmen. Selbst ist der Mann.

Hält Trainer Niko Kovac die Mannschaftsbesprechung in Deutsch ab?
Ja, klar. Wenn der Trainer einem Spieler etwas konkret erklären will, greift er schon mal auf Englisch zurück. Aber ansonsten ist alles in Deutsch. Und der Trainer sieht auch, dass wir lernen und gewillt sind, Deutsch zu lernen. Es ist auch in unser aller Interesse, dass jeder alles versteht.

Sind denn auch ein paar Scherze über Ihr Eigentor in Alzenau gegen die Würzburger Kickers gemacht worden?
Da ist ein bisschen gefrotzelt worden, ist doch klar. Das war auch ein anderes Eigentor als das in Leipzig im Bundesligaspiel, für das ich ja nicht so viel konnte eigentlich. Da konnte man mir nicht die allergrößten Vorwürfe machen, da habe ich versucht, den Ball von der Linie zu kratzen. Aber jetzt in Alzenau, okay, da sah es fast so aus, als hätte ich ein Würzburger Trikot an, ein Stürmer von denen hätte nicht besser vollenden können (lacht). Aber ich würde auch lieber mal in das richtige Tor treffen.

Jetzt fällt auch noch Makoto Hasebe aus. Inwiefern ist das da hinten alles noch schwieriger geworden?
Wir wissen alle, was wir an Makoto Hasebe haben und wie er der Mannschaft helfen kann. Er gibt immer alles, er ist eine  totale Arbeitsbiene. Man merkt schon jetzt im Training, dass er fehlt. Aber wir müssen jetzt alle Kräfte mobilisieren, uns sammeln und alle zusammen arbeiten. Und wir müssen daran glauben, dass wir früher oder später selbst wieder zu einem eigenen Torerfolg kommen. Aber da bin ich guter Dinge, wir erarbeiten uns Chancen – der Knoten wird bald platzen. Das ist nur eine Frage der Zeit.

Wird nun Marco Russ in die Fünferkette rücken?
Alle bieten sich im Training an, natürlich auch Marco. Ich finde, er hat gegen den HSV eine richtig gute Partie absolviert, hat sehr viele Duelle gewonnen und auch im Spielaufbau gut ausgesehen. Wir wären nicht überrascht wenn er in die Startelf rückt. Es kann alles ganz schnell gehen.

Sie dürfen nach Ihrer Verletzungspause nun das erste Mal wieder spielen. Wie war die Zeit als Zuschauer?
Es war keine einfache Zeit, weder für mich noch für die Mannschaft. Für mich war es schwierig, man sieht die Spiele von draußen, man spürt eine gewisse Ohnmacht, weil man ja gerne helfen würde, aber nicht kann. Ich habe schon versucht, für die Mannschaft da zu sein, moralisch zur Seite zu stehen. Man ist nicht abgeschottet, wenn man verletzt ist. Es war trotzdem eine lehrreiche Zeit, weil man auch aus der Beobachterrolle etwas mitnehmen kann.

War es eigentlich abgesprochen, dass Sie sich bei Real Madrid behandeln lassen?
Ja, da gibt es ein Abkommen zwischen der Eintracht und Real. Deshalb war klar, dass ich den ersten Teil der Genesungszeit dort absolviere und in Madrid in der Reha arbeite. Anschließend bin ich dann hierher zurückgenommen. Ich fühle mich jetzt sehr gut, bestens, der Heilungsprozess ist abgeschlossen, ich habe mir im Training die nötige Kraft und Sicherheit geholt.

Waren Sie in Madrid nah an der Mannschaft dran oder arbeiteten Sie ausschließlich in der Reha? Und gab es schon ein Feedback über ihre erste Zeit in Frankfurt?
Ich wurde in Madrid von den Physios der ersten Mannschaft betreut, deshalb war ich da schon nahe dran. Und natürlich gab es auch ein Feedback. Mir wurde zum Beispiel geraten,bei Eintracht Frankfurt meine Leistung weiterhin konstant zu bringen. In Spanien hat man durchaus wahrgenommen, dass wir eine recht erfolgreiche Saison spielen. Und man hat mich ermuntert, dass das so bleiben soll – individuell und kollektiv. Wir haben auch noch Möglichkeiten, sind in zwei Wettbewerben noch dabei.
 
Also kein Kaffeetrinken mit Cristiano Ronaldo?
Nein, im Tagesgeschäft gab es da keinen Kontakt, ich habe dort mit den verletzten Spielern meine Zeit verbracht. Aber noch mal: Mir wurde mit auf den Weg gegeben, dass ich die Zeit hier nutzen soll, um mich sportlich weiterzuentwickeln, die Sprache zu lernen und mich mit der Bundesliga intensiv auseinanderzusetzen.

Und im Sommer? Was passiert dann? Wenn Sie zurück nach Madrid müssen, war ja die ganze Deutsch-Paukerei, mal salopp formuliert, für die Katz.
Was das Sprachliche betrifft: Seit dem ersten Tag wird aus Spanien sehr genau verfolgt, wie ich mich hier präsentiere. Real schaut sehr genau hin, wie ein Spieler hier betreut wird, was wir machen und wie wir uns geben, auch in der Persönlichkeitsentwicklung. Dazu gehört das Erlernen der Fremdsprache. Es ist durchaus registriert worden, dass ich mein erstes Interview bei Eintracht-TV auf Deutsch gegeben habe. Das haben sie mitbekommen und mir dazu gratuliert. Sie haben mich aber auch dazu ermuntert, weiter zu lernen und mir gesagt, dass das noch nicht das Ende der Fahnenstange sei. In erster Linie beobachten sie natürlich die Leistungen auf dem Platz. Auch da haben sich mir geraten, weiter so zu machen und weitere überzeugende Auftritte hinzulegen. Aber darüber hinaus ging es nicht. Was im Sommer sein wird, darüber wurde nicht gesprochen. Der Tenor war, dass ich mich weiter bestmöglich präsentieren soll, weil davon alle am meisten hätten: Die Eintracht, Real Madrid und auch ich selbst. Und dann schauen wir, was der Sommer bringt.

Aber ist es für Sie nicht merkwürdig: In sechs Wochen ist die Saison vorbei, aber so richtig wissen Sie nicht, wo Sie dann spielen werden.
Das Thema der Kaderplanung ist sehr interessant, darüber habe ich mich neulich auch mal mit David Abraham unterhalten. Da gibt es einen Mentalitätsunterschied, den ich respektiere und auch nachvollziehen kann. Es ist so, dass man es in Deutschland gerne hat, dass der Kader möglichst früh feststeht und man entsprechend planen kann. In Spanien gehen die Uhren anders, da nimmt man sich mehr Zeit, um die Entscheidungen zu treffen. Da geht es nicht so schnell wie hier. Aber es ist ja auch kein Problem. Ich habe sowieso einen anderen Fokus. Wir haben jetzt noch zwei Monate vor der Brust, die eminent wichtig sind. Wir wollen an unsere früheren Leistungen anknüpfen.

Sportdirektor Bruno Hübner sagte unlängst im FR-Interview, dass Sie kein Spieler seien, der sich einfach irgendwohin ausleihen lässt, sondern seine eigene Meinung kundtut. Ist dem so?
Natürlich habe ich meine eigene Meinung. Und ich möchte betonen, dass ich aus diesem Jahr sehr viel Positives mitnehme. Ich genieße wirklich jeden Tag, den ich hier trainieren und spielen darf. Sportlich gesehen ist das hier die beste Erfahrung meines Lebens, die ich gerade mache. Das ist eine tolle Auslandserfahrung, ich habe sehr viel gelernt, mich selbst organisieren müssen. Ich würde das nicht missen wollen. Und es ist auch nicht so, dass Real Madrid von oben diktiert, das hat jetzt so und so zu laufen. Ich könnte mich sehr gut mit dem Gedanken anfreunden, wenn das hier in eine zweite Runde gehen würde. Ich wäre der Erste, der sagen würde: „Okay, passt, machen wir, dann geht es ins zweite Jahr hier.“ Ich mache gerade eine unglaubliche menschliche und sportliche Erfahrung. Das hat mir bisher sehr viel Spaß bereitet.

Was ist mit der Eintracht noch drin? Es scheint, als sei dieser große Europa-Traum am Bröckeln. Ist das intern ebenfalls so?
Ich denke, wir sind gut beraten, nur von einem Spiel zum nächsten zu denken. Das Gute ist ja: Wenn wir weiterhin eine gewisse europäische Denke haben, dann hilft uns das auch, den Abstand nach unten zu vergrößern. Da kann man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Wenn wir uns da halten wollen, wo wir stehen, müssen wir natürlich ein paar Siege einfahren. Davor dürfen wir keine Angst haben. Wir müssen jetzt ein paar Spiele gewinnen, dann werden wir automatisch in der oberen Tabellenhälfte landen. Ob es für das internationale Geschäft reicht, wird man dann sehen.

Interview: Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein.

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