Hartmut Scherzer stellt sein Buch „Welt Sport“ vor.
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Bei Hartmut Scherzer geht es nicht nur um Tore, Titel, Rekorde.

Hartmut Scherzer

Ein Leben im Zeichen des Sports

  • Ingo Durstewitz
    vonIngo Durstewitz
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Hartmut Scherzer, Reporter-Ikone mit emotionaler Nähe zu Eintracht Frankfurt, erzählt in einem 735 Seiten starken Buch seine lange, bewegende Geschichte.

Nach sage und schreibe 62 Jahren in der ersten Reihe wechselt Hartmut Scherzer, der Grandseigneur des deutschen Sportjournalismus, zum ersten Mal die Seiten, vorübergehend nur, aber trotzdem: Plötzlich ist der smarte, joviale Fahrensmann nicht mehr Fragesteller, sondern Gefragter, sitzt tief im Bauch der Frankfurter WM-Arena, die auch für ihn so eine Art Wohnzimmer ist, schon damals, als sie noch Waldstadion hieß, er sitzt also da auf einem Podium, etwas verloren, und vor einem Mikrofon, und der 82-Jährige ist darob, wie er freimütig einräumt, ganz schön nervös. Dabei sind nur bekannte Gesichter gekommen, um nicht weniger als sein Lebenswerk zu bestaunen, einen liebevollen Schmöker, ein 735 Seiten starkes Buch mit dem schlichten, aber andererseits allumfassenden Titel „Welt Sport“. Ein gewaltiges, mächtiges Opus, ein „herausragendes Zeitzeugnis“, wie Eintracht-Vorstand Axel Hellmann anerkennend sagt. „Das ist das Beste, was ich als Potpourri der letzten 60 Sportjahre kenne.“

Bei Hartmut Scherzer geht es um „Revolten, Aufstände, Terroranschlägen, Rassismus, Apartheid“

Hartmut Scherzer, die Reporter-Ikone mit emotionaler Nähe zur Eintracht, hat seine lange, bewegende Geschichte erzählt, im Grunde sein Leben aufgeschrieben, ein Leben im Zeichen des Sports, den Hartmut Scherzer aber immer als gesellschaftlichen Seismographen begriffen hat. „Der Sport hat viel bewegt.“

Bei ihm geht es nicht nur um Tore, Titel, Rekorde, sondern um „Revolten, Aufstände, Terroranschlägen, Rassismus, Apartheid“. Seine Helden sind die Kämpfer gegen Unterdrückung, Rassenhass und Ungerechtigkeit – oder Krankheiten. Einer seiner Helden ist Lance Armstrong, der überführte Doper, natürlich nicht wegen seinen Verfehlungen, sondern wegen seines eisernen Überlebenskampfes, ein Ringen mit dem Krebs. „Dafür bewundere ich ihn.“

Hartmut Scherzer, „der verrückteste deutsche Sportreporter“ („SZ“), hat satte dreieinhalb Jahre an dem imposanten Wälzer geschrieben, das im Societäts-Verlag erschienen ist und 25 Euro kostet, er hat in seinem monumentalen Erfahrungsschatz gewühlt, und in den Archiven, 200 Bilder ausgegraben. „Ich bin ein Sammler.“ Familienvater Scherzer, der noch immer zweimal wöchentlich für eine Stunde die Boxhandschuhe überstreift und in den Ring steigt, ist Weltrekordhalter, er war bei 15 Fußball-Weltmeisterschaften dabei, bei 21 Olympischen Spielen und 33-mal bei der Tour de France, er hat alle Jahrhundertboxkämpfe live gesehen, den „Rumble in the Jungle“ oder den „Thrilla in Manila“. Das ist einmalig.

Der Weltmann, der bei der FR seine Journalistenlaufbahn begann, sie bei der Abendpost/Nachtausgabe fortsetzte und seit 1988 schließlich als Freier durch die Welt tingelt, kennt sie alle, die kleinen Sternchen und die größten Stars, Franz Beckenbauer, Jan Ullrich, Uli Hoeneß, die Klitschkos, Joachim Löw und und und. „Der Deutsche mit der Glatze“, wie er einst vom unerreichten Muhammad Ali genannt wurde („Die Glatze war ein formidables Wiedererkennungszeichen“ und hat ihm viele Türen geöffnet), wurde vom größten Boxer des Planeten privat empfangen, 1984 war das in Los Angeles, und Scherzer war damals einer der Ersten, der spürte, dass mit Ali was nicht stimmte – Parkinson. „Den Zerfall des Champs zu erleben, gehört zu den erschütterndsten Erlebnissen.“ Mit Ali verband ihn eine besondere Beziehung, genauso wie mit Lance Armstrong, den er seinen Freund nennt.

Hartmut Scherzer ist ein Kämpfer gegen Rassenhass

Der Gentleman, mit Preisen überhäuft, ist zu einer Zeit groß geworden, als man als Reporter noch in die Umkleidekabinen durfte oder die Spieler einfach anrufen konnte. Gerne erzählt er die Anekdote, wie er sich vor dem WM-Finale 1974 einfach zu Bernd Hölzenbein aufs Zimmer hat durchstellen lassen, der ihm prompt die Aufstellung fürs Endspiel verriet: „Glaub‘ mir, der Grabi und ich spielen, der Heynckes ist draußen.“ Hatte Scherzer natürlich exklusiv.

Scherzer, der noch heute jedes Heimspiel der Eintracht besucht, ist auch ein Kämpfer gegen Unbill, gegen Rassenhass zuvorderst. Er habe durch die Nachkriegszeit „eine Affinität zu Schwarzen Menschen“, wie er sagt, alle seine Ikonen seien Schwarze: „Muhammad Ali, Nelson Mandela, und Harry Belafonte.“

Und Hartmut Scherzer ist Mensch geblieben, nicht nur rasender Reporter, einer, der sich für Anstand und Respekt einsetzt, der die Menschen hinter dem Sportler sieht, egal, ob Armstrong gedopt hat oder dem Kaiser Ungemach droht. Klar sei er im Laufe der vielen Jahrzehnte auch enttäuscht und getäuscht worden, „belogen und betrogen“, wie er sagt. „Doch ich lasse diese Menschen, die ich seit 50 Jahren begleite, nicht fallen. Ich verdamme sie nicht, sie sind keine Verbrecher.“ Alles nachzulassen in seinem 735 Seiten schweren Geschichtsband, seinem persönlichen Meilenstein. (Ingo Durstewitz)

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