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Freude pur: Goncalo Paciencia (re.)

Goncalo Paciencia

Ein neuer Held

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  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
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Eintracht Frankfurts Goncalo Paciencia muss lange warten, ehe er seinen Wert als Torjäger beweisen kann.

Die erste gute Gelegenheit, zum Helden für einen Nachmittag zu werden, hat Goncalo Paciencia noch verpasst. Der Schuss aus halbrechter Position aus der Drehung verfehlte das Ziel doch arg, doch es blieb ja noch ein wenig Zeit, zwei, drei Minuten vielleicht. Aber ein echter Joker trifft erst dann, wenn er unbedingt muss. Sechs Minuten waren schon über die Zeit gespielt, das war völlig in Ordnung, fand auch TSG-Trainer Julian Nagelsmann, der das Zeitspiel seiner Mannschaft unverhohlen kritisierte. Sechs Minuten waren fast vorbei, als Makoto Hasebe eine ziemlich brillante Idee hatte, Sebastien Haller mit einem präzisen Pass in die Tiefe einzusetzen statt den Ball aus dem Halbfeld in den Strafraum zu löffeln. Und Haller spielte den Ball haargenau „an die zweite Stange“, wie Eintracht-Trainer Adi Hütter in seinem österreichischen Idiom sagte. Wo Goncalo Paciencia stand, der gerade eingewechselte Angreifer.

Und endlich das tun durfte, weshalb er geholt wurde. „Ich soll das machen, was ich kann“, sagte der Portugiese später, als er gefragt wurde, was ihm Trainer Hütter bei seiner Einwechselung in der 80. Minute mit auf den Weg gegeben habe. „Auf meiner Stirn stand, ich werde das Tor machen.“ Also stieg der 24-Jährige hoch und köpfte die Kugel schulbuchmäßig ins Tor, 3:2 - und ein neuer Held war geboren. Es war erst sein fünfter Ballkontakt. Das Kopfballspiel gehört zu den Stärken des kantigen Angreifers, dabei ist er nicht besonders groß, 1,84 Meter. Paciencia besitzt aber das richtige Timing, der Siegtreffer im Duell zweier extrem offensiv ausgerichteter Teams war sehenswert. „Das war etwas ganz, ganz Besonderes für mich“, sagt Paciencia. Zugetraut haben ihm das alle: Vorlagengeber Sebastien Haller etwa, der Kollege im Angriff, hatte ihm bei seiner Einwechslung bereits bedeutet, er werde heute treffen.

Man kann nicht sagen, dass der portugiesische Mittelstürmer bislang tiefe Spuren bei Eintracht Frankfurt hinterlassen hätte. Konnte er auch nicht. Anfang September verletzte er sich im Training am Knie, ein Meniskusriss zog eine Operation nach sich, Paciencia fiel in der Vorrunde vier Monate komplett aus. Es war just dies die Zeit, da sich die Eintracht-Mannschaft fand, die Konkurrenz im Sturm Tor auf Tor erzielte und der Portugiese, als er dann wieder mittrainieren konnte, allenfalls ein Mitläufer war. „Diese Zeit war schwierig“, räumte der Sohn der Legende des FC Porto, Domingos Paciencia, ein. Neu in der Mannschaft sein, neu in einem fremden Land, dazu verletzt sein - es gibt bessere Startbedingungen. Der für drei Millionen Euro vom FC Porto verpflichtete junge Mann spielte in Frankfurt keine Rolle, geriet fast in Vergessenheit - selbst im offiziellen Klubmagazin „Eintracht vom Main“ ist sein Name, immerhin nach einem dreiviertel Jahr im Verein, in der Aufstellung („Unser Team“) noch immer falsch geschrieben, „Pacienca“. Ohnehin schien die Laufbahn des Beaus ein wenig ins Stocken geraten zu sein, beim FC Porto, seinem Heimatverein, lief es ebenfalls nicht besonders.

Im Alter von acht Jahren kam der aus Porto stammende Paciencia zum Vorzeigeklub, das Spiel der Eintracht in der Europa League gegen den FC Porto im Februar 2014 verfolgte er von der Tribüne. Doch richtig durchsetzen beim portugiesischen Spitzenklub konnte er sich nicht, dreimal war er verliehen worden, zu Olympiakos Piräus nach Griechenland, zu Rio Ave FC und zu Vitoria Setubal, im letzten halben Jahr kam er beim FC Porto zu neun Einsätzen, keiner über 90 Minuten, Tore: null. Und in Frankfurt ist es ja nicht viel anders, auch dort kam er, wegen der Knieverletzung, kaum zum Einsatz. Seine Bilanz ist dennoch phänomenal: Bei der Eintracht hat er bislang bei vier Einsätzen in Pflichtspielen genau 23 Minuten gespielt - und dabei zwei Tore erzielt. Das erste Tor übrigens bei der peinlichen 1:2-Niederlage in der ersten Pokalrunde gegen den SSV Ulm.

Die Konkurrenz im Sturm ist erdrückend

Das Problem von Goncalo Paciencia heißt aktuell: Ante Rebic, Sebastien Haller, Luka Jovic. Die Konkurrenz im Sturm ist erdrückend, an fast jedem der bislang 47 erzielten Treffer war einer aus dem Triumvirat direkt beteiligt, da wird es der einmalige portugiesische Nationalspieler schwer haben, vorbei zukommen. Er könnte aber einer sein, der dann wertvoll für die Eintracht wird, wenn die Hessen die Brechstange auspacken müssen, er ist einer, der sich furchtlos ins Getümmel stürzt. „Ich habe Blut geleckt. Das soll nicht das Ende der Fahnenstange gewesen sein“, ließ er am Samstag übersetzen. „Jetzt wird weitergekämpft“, sagt er. „Ich werde immer mein Leben auf dem Platz lassen.“

Den Wechsel zur Eintracht hat er keinesfalls bereit, im Gegenteil: Die Mentalität des Teams habe auf ihn abgefärbt, „das hat sich auf mich übertragen. Man nimmt die Stimmung ja mit, die Kraft der Mannschaft strahlt auch auf mich ab“, sagte er. Und: „Es ist immer besser in eine Mannschaft zu kommen, die gewinnt, als in eine Mannschaft, die nur verliert.“

Dass ausgerechnet der „ein bisschen untergetauchte“ (Sportdirektor Bruno Hübner) Paciencia zum Matchwinner hatte werden können an diesem Samstag, hat auch Trainer Adi Hütter gefreut. „Für ihn ist ein Traum in Erfüllung gegangen.“ Der 24-Jährige sei einer, der die Zweikämpfe sucht, er besitze zudem „Torgefahr“ , sagte Hübner. „Und jetzt hat er sich selbst belohnt.“

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