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Glasner nach Testspielsieg: Kein Grund, um auszuflippen

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Von: Ingo Durstewitz

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Trainer Glasner gibt tiefe Einblicke in das Konstrukt Eintracht Frankfurt und würde Stürmer Randal Kolo Muani höchstens für 100 Millionen verkaufen.

Dubai – Am Tag danach, die Sonne schien endlich mal wieder in der Wüste und ließ den samstäglichen Wolkenbruch samt Monsunregen seltsam surreal erscheinen, nahm sich der Frankfurter Trainer Oliver Glasner die Zeit, um die 90 Minuten von Abu Dhabi korrekt einzuordnen. Mit vier zu zwei Toren hatte Eintracht Frankfurt die potenten Bullen aus Leipzig am Samstagabend (7. Januar) gezüchtigt, vieles sei „ganz gut“ gewesen, befand der Österreicher also, er sei sehr wohl „zufrieden“ mit dem Privatkick unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Doch imaginär sauste der erhobene Zeigefinger durch die Luft, ein „Aber“ lag im Raum.

Und so kam es dann auch: „In der ersten Halbzeit hätte ich mir mehr Aktionen nach vorne gewünscht, wir haben den Ball zu lange gehalten und zu wenig die Tiefe gesucht.“ Und prompt mit 1:2 hinten gelegen. Ex-Eintracht-Torjäger André Silva hatte die Frankfurter Führung durch einen Freistoß von Jesper Lindström (7.) durch zwei blitzsaubere Stürmertore (35./45.) gedreht.

In der zweiten Halbzeit schraubten die Hessen die Sachsen fein säuberlich auseinander, Rafael Borré (70.) und Randal Kolo Muani per Doppelpack (71./84.) schossen den hochverdienten Sieg im ersten Testspiel des neuen Jahres heraus. Da gibt es doch nichts zu meckern, oder Herr Glasner? Nun ja. „Die Spielfreude hat mir sehr gefallen ...“ Pause. „Aber wir sollten das schon richtig einordnen, Leipzig hatte da einige Nachwuchsspieler auf dem Feld.“

Geheimspiel vor imposanter Kulisse: Eintracht Frankfurt fertigt RB Leipzig mit 4:2 ab.
Geheimspiel vor imposanter Kulisse: Eintracht Frankfurt fertigt RB Leipzig mit 4:2 ab. © Jan Huebner

Eintracht Frankfurt in Dubai: In der Summe sei das alles absolut in Ordnung

In der Summe sei das alles absolut in Ordnung, aber kein Grund, um auszuflippen oder in Begeisterungsstürme zu verfallen. „Im Training haben wir unseren Spielrhythmus noch nicht gefunden, auch das Spieltempo ist nicht so, wie wir uns das vorstellen.“ Doch das sei „auch gut so“, denn nach fünf Trainingstagen könne die Mannschaft unmöglich auf diesem Level agieren. Das soll sie am 21. Januar, dann stellt sich Schlusslicht Schalke 04 im Waldstadion vor, dann wird es ernst.

Doch natürlich hat Glasner Aspekte gesehen, die ihn positiv stimmen. Die Laufleistung etwa und die Anzahl der Sprints, beide Werte seien fast höher gewesen als in einem Bundesligaspiel. Mario Götze, der nach dem WM-Desaster wieder beschwingt und befreit wirkt, sei in einer Halbzeit mehr als sechs Kilometer laufen. „Er war hier im Urlaub nicht nur in Malls oder am Strand, sondern hat gewissenhaft trainiert.“

Glasner hat überdies gut gefallen, dass Spieler wie Rafael Borré oder Timothy Chandler auf fremden Positionen (Borré im offensiven Halbraum, Chandler in der Innenverteidigung) so gut performten. „Timmy war phantastisch und Rafa hat seine beste Leistung gezeigt – jeder hat es super angenommen. Das freut mich.“ Stürmer Borré wirkt in der arabischen Welt tatsächlich nicht mehr so, als befände er sich noch immer im Schmollwinkel, in den er sich eine Zeitlang sehr wohl zurückgezogen hatte. Für Glasner auch ein Indiz dafür, dass die Mannschaft als Einheit funktioniert. „Er hat seinen Stammplatz verloren, war aber immer mittendrin in der Gruppe“, sagt der Coach, der sein Team als „außergewöhnlich“ einstuft. „Das, was wir hier haben, ist nicht selbstverständlich.“

Eintracht Frankfurt in Dubai: Ein Winterwechsel Borrés ist noch immer nicht vom Tisch

Ein Winterwechsel Borrés ist noch immer nicht vom Tisch, es gibt Offerten aus Mexiko und Südamerika, und seine Agenten machen Druck auf die Eintracht-Verantwortlichen, den Spieler doch gehen zu lassen. „Rafa fühlt sich unwohl“, klagt Berater Martin Araoz. „Er wird nicht respektiert.“ Was Unfug ist, Borré spielt halt nur nicht mehr regelmäßig, weil jetzt Kolo Muani da ist. Der Frankfurter Klub wird ihn erst ab einer bestimmten Summe gehen lassen, die liegt bei rund zehn Millionen. Der Kolumbianer weiß das, und er ist trotzdem mit Feuereifer bei der Sache, lässt sich nicht hängen. Auch das ist ein Qualitätsmerkmal.

Mit einem Gütesiegel ist zudem Randal Kolo Muani aus Katar zurückgekehrt. Der Beinahe-WM-Held ist in fast schon verdächtiger Frühform, im Training und auch im Testspiel. Für Glasner nicht weiter verwunderlich. Der Franzose habe den kürzesten Urlaub gehabt und also seinen Rhythmus nicht verloren. Die Weltmeisterschaft habe ihn darüber hinaus in punkto „Persönlichkeit und Selbstvertrauen nach vorne gebracht“. In seinen Anfangstagen sei er noch etwas „schüchtern“ gewesen, nun sei er „sehr viel präsenter“, werde auch mal laut, wenn es sein müsse. Dieser Kolo Muani ist die Lebensversicherung für die Eintracht, wenn sie ihre hochgestecken Ziele erreichen will. Er ist, wie Vorstandssprecher Axel Hellmann völlig zu Recht urteilte, „eine Rakete“.

Glasner gibt sich auch keinen Illusionen hin. Unter Umständen wird der 24-Jährige ab Sommer woanders stürmen – wenn der Preis stimmt. „Wenn jemand 100 Millionen für Kolo zahlt, wird er gehen.“ Das sei richtig und quasi alternativlos – auch für einen Verein wie die Eintracht.

Eintracht Frankfurt in Dubai: „Die Jungs wissen schon, was sie hier haben“

Doch es sei mitnichten so, dass der Europa-League-Sieger nur ein Sprungbrett sei. „Die Jungs wissen schon, was sie hier haben“, sagt Glasner und nennt Djibril Sow als Beispiel, der im Sommer hätte wechseln können. „Er hätte deutlich mehr verdienen können, aber er wollte nicht. Weil er spürte, wir sind hier noch nicht am Ende.“

Daher sei er, Glasner, auch „total entspannt“, was den Sommer angehe. „Wir wollen nicht fünf, sechs Spieler des Stammpersonals abgeben“, und das werde auch nicht geschehen. Klar ist: „Wenn etwas Außergewöhnliches kommt, wird es passieren“, aber für diesen Fall sei der Klub vorbereitet. „Wir werden das Geld nicht anlegen, sondern wieder investieren.“

Dubai säuft ab – die Eintracht nicht: Erst gibt es Ärger um die Ausrichtung des Testspiels, dann spielt auch das Wetter nicht mit. Und am Ende wird doch alles gut. Eine Glosse.

Das führt unweigerlich zum brisanten Thema Kevin Trapp. Das Aushängeschild soll dringend gehalten und der bis 2024 laufende Vertrag verlängert werden, doch die Fronten zwischen Berater Volker Struth und der Eintracht-Sportführung sind verhärtet. Da herrscht nach den jüngsten Dissonanzen Eiszeit. Auch hier gibt sich der Trainer – zumindest öffentlich – ziemlich locker. Das Wichtigste sei, dass beide Seiten signalisiert hätten, weiter miteinander arbeiten zu wollen. „Da wird man eine Lösung finden.“ Trapp übrigens sah gegen Leipzig bei beiden Gegentoren nicht ganz so glücklich aus. Doch da wiegelt der Coach ab. „Die Situation hat null Auswirkung auf seine Leistung.“ Man solle nicht zu viel interpretieren, der 32-Jährige habe einen langen Urlaub hinter sich und benötige „Zeit, um wieder in den Rhythmus zu kommen“.

Den hat der junge US-Amerikaner Paxten Aaronson schon gefunden. Der 19-Jährigen überraschte im Privatspiel mit einer erstaunlich guten Leistung. Das halbe Hemd war flink unterwegs, mit einem guten Gefühl für den Raum, auch pfiffig im Zweikampf. Sieht auch Glasner so und bringt die Spielweise mit Aaronsons Herkunft in Verbindung. „Das ist die amerikanische Mentalität“, findet der Österreicher. „Die machen einfach und denken nicht so viel nach.“ So hat die behände Offensivkraft tatsächlich gespielt, frei von der Leber weg. „Er ist unbekümmert, hat schnelle Beine und eine gute Technik, muss aber noch mehr die Tiefe attackieren“, sagt Glasner. Insgesamt sei das sehr manierlich. „Ein guter Auftritt nach nur einer Trainingswoche.“ Gilt ja irgendwie für seine gesamte Mannschaft. (Ingo Durstewitz)

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