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Glasgow Rangers: Auf der Heldenreise

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Von: Daniel Schmitt

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Seit November 2021 der Chef bei den Glasgow Rangers: Trainer Giovanni van Bronckhorst (rechts).
Seit November 2021 der Chef bei den Glasgow Rangers: Trainer Giovanni van Bronckhorst (rechts). © AFP

Nur noch ein Sieg und Giovanni van Bronckhorst steigt empor zu den Rangers-Legenden. Dabei arbeitet der Trainer erst ein halbes Jahr in Glasgow - und das nicht mal durchweg erfolgreich

Vor ziemlich genau einem halben Jahr, Mitte November 2021, fühlten sie sich beim Rangers Football Club zu Glasgow seltsam unentschlossen - gefangen inmitten von Aufbruchstimmung und Enttäuschung. Sie waren ja gerade erst wieder dort angelangt, wo sie sich seit jeher sehen, an der Spitze des schottischen Fußballs. Ein Meistertitel ohne Niederlage lag hinter, die Tabellenführung in der heimischen Liga mit Aussicht auf weitere Erfolge vor dem Klub. Die Mannschaft spielte in dieser Phase ordentlichen bis guten Fußball, war sie zuvor wachgeküsst worden nach all der insolvenzbedingten Tristesse von ihrem Trainer Steven Gerrard. Die Liverpooler Legende war auf dem Weg alsbald auch eine in Glasgow werden zu können. Bis der November anbrach, bis die Premier League lockte.

Was per se nachvollziehbar ist, ein Wechsel in die beste Fußballliga der Welt, hinterließ in Glasgow doch ein mulmiges, gar mieses Gefühl. Denn es zog Gerrard nicht etwa nach Liverpool, nicht nach Manchester, nicht nach London, nein, Birmingham sollte es sein, Aston Villa, der Mittelklasseklub der Mittelklasseklubs auf der Insel, aktuell Tabellendreizehnter. Das kratzte am Stolz, das schmerzte. Die großen Rangers unbedeutender als das kleine Aston Villa.

Nach dem eiligen Abgang von Gerrard – er nutzte während der Runde eine Ausstiegsklausel – lief es sportlich erstmal durchwachsen. Unter Nachfolger Giovanni van Bronckhorst hatte die Mannschaft über Strecke gesehen doch einige Mühe den Weg nach oben konstant weiter zu beschreiten. Nicht umsonst lagen die Rangers in der Meisterrunde als Zweiter letztlich sechs Punkte hinter Stadtrivale Celtic. Einerseits. Andererseits könnte Ex-Profi van Bronckhorst, der unter anderem für Feyenoord Rotterdam, Arsenal London, den FC Barcelona und auch drei Jahre für die Rangers am Ball war, mit dem Gewinn der Europa League Historisches gelingen. Nur einmal, 1972, holte der stolze Klub zuvor auf internationaler Bühne einen Pokal.

Das Endspiel gegen Eintracht Frankfurt an diesem Mittwochabend (21 Uhr/RTL) überstrahlt, na logisch, die ganze Saison. Seit Wochen schon dreht sich – analog zur Eintracht – im blauen Teil von Glasgow alles nur noch um den Europapokal. In der Liga werden reihenweise Stammspieler geschont, in der Europa League wachsen diese über sich hinaus.

„Herausragender Charakter“

Auf der rechten Seite ist Kapitän James Tavernier mit seinen sieben Europa-League-Treffern (vier Elfmeter) zum Schlüsselspieler avanciert, im Mittelfeld ruhen die Hoffnungen auf dem gerade rechtzeitig fürs Finale von einer Oberschenkelblessur genesenen Aaron Ramsey, der Leihgabe von Juventus Turin. Vorne wird wohl der wendige Joe Aribo, eigentlich offensive Mittelfeldkraft, den verletzungsbedingten Ausfall von Stammstürmer Alfredo Morelos versuchen aufzufangen. „Meine Mannschaft hat oft gezeigt, dass sie mit Druck umgehen kann“, sagt van Bronckhorst: „In den K.o.-Runden geht es ständig um Alles oder Nichts. Der Charakter meiner Spieler war herausragend.“ Gruß nach Dortmund, Gruß nach Leipzig.

Van Bronckhorst ist längst zum Held der Massen geworden. Dabei waren eben jene Fans anfangs skeptisch. Die frühere niederländische Nationalspieler hatte zwar als aktiver Profi von bekannten Trainergrößen lernen können (unter anderem Arsène Wenger, Guus Hiddink, Louis van Gaal), selbst aber lediglich bei seinem Heimatklub Feyenoord einen Meistertitel gefeiert. Das sich daran anschließende Abenteuer in China, in Guangzhou, scheiterte Anfang 2020 krachend und bereits nach vier Monaten. Nur Tabellenelfter war sein Team, die beginnende Corona-Pandemie bestärkte den verheirateten Vater zweier Söhne zur Rückkehr nach Europa.

Im November 2021 übernahm der dann bereits eineinhalb Jahre arbeitslose Coach die Rangers, zwar nicht der größte Klub seiner Vita, aber für ihn persönlich doch ein emotional aufgeladener. Die Verbindungen aus Spielerzeiten nach Glasgow waren nie abgerissen, in Schottland hatte er seine Jugendliebe Marieke geheiratet, etliche Mitspieler von einst zählen noch heute zum Freundeskreis der Familie. Einige werden auch in Sevilla weilen. Dort, wo Giovanni van Bronckhorst zu einer Vereinslegende aufsteigen kann - ganz im Gegensatz zum den Weg für diese Heldenreise ebnenden, aber freiwillig abgewanderten Steven Gerrard.

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