+
Hätte eine stimmungsvolle Atmosphäre geben können: Das Velodrome Stadium in Marseille, gut gefüllt.

Olympique Marseille

Geweckte Gier

  • schließen

Olympique Marseille gibt nach dem verlorenen Europa-League-Finale viel Geld auf dem Transfermarkt aus, um nach 26 Jahren endlich wieder einen internationalen Titel zu holen.

Als Florian Thauvin einen langen Ball elegant mit seinem in die Höhe gereckten Fuß aus der Luft pflückte, ihn in einer fließenden Bewegung von der rechten Außenbahn in die Mitte trieb und dann mit dem linken Fuß in bester Arjen-Robben-Manier ins lange Eck schlenzte, da explodierte ein ganzes Stadion. Die Fans schnellten von ihren Sitzen hoch, jubelten, genossen diesen technisch feinen Moment. 

Das Stade Velodrome, in dem der Duft des nur zwei Kilometer entfernten Mittelmeers den 50.000 Anwesenden am Sonntag ins Gesicht wehte, ist mit seinen geschwungenen Tribünen nicht nur architektonisch ein echter Hingucker, es ist auch stimmungsmäßig das Beste, was Frankreich zu bieten hat. Olympique Marseille, der heimische Klub, der am Donnerstag Eintracht Frankfurt in der Europa League empfängt, hat ganz gewiss eine außergewöhnliche Fankultur vorzuweisen. 27.000 Ultras, die größte Szene des Landes, dazu nach Abonnement-Meister Paris den höchsten Zuschauerschnitt (46.600). Hach, wie schön hätte das doch werden können. Auf der einen Seite die temperamentvollen Südfranzosen, auf der anderen die reiselustigen Hessen. Europapokal wie er sein sollte. Wie er aber nicht sein wird. 

Adi Hütter wird gehört werden

Denn bekanntlich haben sich die Olympique-Anhänger in den vergangenen Monaten doch allzu oft danebenbenommen. Pyrotechnik, Sachbeschädigung, Ausschreitungen. Gleich in vier Europapokalpartien. Folge: ein Heimspiel unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Gegen Frankfurt also werden nur Menschen, die zur Delegation beider Klubs gehören, im Stadion sein, jede Anweisung der Trainer wird zu hören sein. „dann hört man mich wenigstens“, sagte am Montag Eintracht-Coach Adi Hütter gequält. Ein Geisterspiel ist auch für ihn Neuland, weder als Spieler noch als Trainer hat er eine Partie ohne Zuschauer erlebt. Wie gut, dass nicht nur Hütter an der Seitenlinie ein eher ruhiger Zeitgenosse ist, sondern auch sein Gegenüber Rudi Garcia. Der 54-jährige Franzose mit spanischen Wurzeln trainiert Marseille seit Oktober 2016. Er ist der Ruhepol des unruhigen Traditionsvereins. Unter Garcia reichte es zuletzt für die Plätze fünf, vier und wieder vier. 

Des Trainers größter Erfolg: Im Mai stand er mit Olympique im Finale der Europa League gegen Atletico Madrid. Das ging zwar mit 0:3 verloren - auch wegen eines etwas unglücklichen Verlaufs mit frühen Gegentoren und der Verletzung von Starspieler Dimitri Payet -, weckte gleichzeitig aber die Gier in der zweitgrößten Stadt Frankreichs. Die Gier nach Titeln. Der letzte, die Meisterschaft, liegt acht Jahre zurück. Ein internationaler, die Champions League, gar 26. „Wir wollen wieder eine gute Saison spielen und in der Europa League weit kommen“, sagte Garcia. Dafür gaben die Franzosen in der Transferphase viel Geld aus. 65 Millionen, alleine 25 für den niederländischen Nationalspieler Kevin Strootman, den Trainer Garcia von der gemeinsamen Zeit beim AS Rom kannte und dort große Stücke auf den Sechser hielt. Einst bezeichnete er ihn als „Quarterback“. Als Spieler, der ein Team aus der Tiefe des Raumes führt. Strootman, ein solider, aber nicht spektakulärer Kicker ist zweifelsohne der Kopf der Mannschaft, für die Aha-Momente sorgen andere. 

Drei Weltmeister im Team

Da ist Dimitri Payet, 31 Jahre alt, Kapitän, mit einer überragenden Schusstechnik gesegnet. Oder auch Florian Thauvin, der von Rechtsaußen so gerne in die Mitte zieht und Bälle ins Netz schlenzt. 25 Jahre alt, französischer Nationalspieler, Marktwert satte 50 Millionen. „Marseille ist eine bärenstarke Mannschaft, ein absolutes Spitzenteam im Land des Weltmeisters“, sagte Fredi Bobic, Sportvorstand der Eintracht. Ziemlich treffend. 

Drei Spieler des letztjährigen Tabellenvierten waren im Sommer in Russland mit dabei – wenngleich sie nur eine Statistenrolle bei der großen Aufführung der Topstars um Kylian Mbappe, Antoine Griezmann oder Paul Pogba einnahmen. Der 33-jährige Torhüter Steve Mandanda etwa durfte nur im bedeutungslosen dritten Gruppenspiel gegen Dänemark ran. Am Donnerstag gegen die Eintracht fehlt er zudem verletzt. Thauvin, der wohl talentierteste in Reihen von Olympique, half immerhin im Achtelfinale gegen Argentinien mit, das 4:3 in den letzten Minuten über die Zeit zu schaukeln. Das blieb Adil Rami verwehrt. Der 32-jährige Innenverteidiger-Brocken kam als einziger französischer Feldspieler bei der WM nicht zum Einsatz. Seit Monaten bestimmt er dafür abseits des Rasens die Schlagzeilen, erst vor wenigen Tagen wurde die angebliche Trennung (oder auch Nicht-Trennung, niemand weiß Genaues) von Ex-Baywatch-Nixe Pamela Anderson durch jegliche Boulevard-Blätter Frankreichs genudelt. 

Für Trainer Garcia offenbar kein Problem. Er vertraut Rami, genauso wie er immer seinem 4-2-3-1-System vertraut. Mit Rami im Abwehrzentrum an der Seite von zwei Ex-Bundesligakickern. Der brasilianische Lockenkopf Luiz Gustavo, einst in Hoffenheim, München und Wolfsburg aktiv, verteidigt in der Mitte. Hiroki Sakai, einst Rechtsverteidiger in Hannover, macht eben diese Seite auch in Marseille dicht.

Olympique wird auch ohne ihre tobenden, temperamentvollen und leider zu oft über die Grenze des Erlaubten hinausschießenden Fans eine schwer zu lösende Aufgabe für die Eintracht. Oder wie es der Frankfurter Trainer Adi Hütter nach der Auslosung formuliert hatte: „Knackig.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare