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Gemach, gemach: Noch steht die Eintracht nicht im Finale von Sevilla

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Von: Daniel Schmitt

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Eintracht Frankfurt erarbeitet sich im Europa-League-Halbfinale eine „gute Ausgangsposition“ fürs Rückspiel, mehr aber eben auch nicht – Trainer wie Spieler bleiben demütig

London – David Moyes analysierte ebenso knapp wie treffend. Seine Mannschaft, sagte der Trainer von West Ham United, habe trotz der enttäuschenden 1:2-Heimpleite gegen Eintracht Frankfurt gewiss kein schlechtes Spiel gemacht, aber eben doch eines, das hätte besser sein müssen, um den Kontrahenten aus dem Hessischen in die Knie zu zwingen. „Wir haben noch viel Arbeit vor uns“, sagte Moyes. Die Statistiken dieses Halbfinalhinspiels in der Europa League sprachen fast ausschließlich für den Gastgeber aus London: mehr Ballbesitz, mehr Torschüsse, mehr gewonnene Zweikämpfe, mehr Ecken, mehr Aluminiumtreffer. Einzig: weniger Tore. Entsprechend bilanzierte David Moyes abschließend: „Frankfurt hat es uns schwer gemacht, sie haben einen wirklich guten Job erledigt.“ Wie wahr.

Der knappe Auswärtssieg, der der Eintracht beste Chancen auf den Einzug ins Finale kommenden Donnerstag in der eigenen Arena eröffnet, war auf keinen Fall unverdient. Na klar, die umkämpfte, enge Partie hätte gut und gerne auch Remis enden können, es sei nur das verrückte Finish samt Fallrückzieher-Lattenkracher genannt, die Eintracht aber legte wie so oft in Europa einen reifen Auftritt hin. Defensiv stand sie stabil, „wir haben viel wegverteidigt“, wie Kevin Trapp befand, der selbst einen erheblichen Anteil an dieser Leistung hatte.

Eintracht Frankfurt: „Physisches Spiel“ gegen West Ham angenommen

Etliche Flanken fischte der in seiner Karrierebestform agierende Torwart souverän herunter, dazu parierte er mit seinem heraus zuckenden linken Fuß sensationell, später unter mithilfe seines Rückens glücklich. „Dieses Glück haben wir uns aber auch erarbeitet“, sagte Trapp.

West Ham United gegen Eintracht Frankfurt
Strahlender Gesichter: Kamada, Knauff und Borré nach dem Hinspiel-Sieg über West Ham United. © Kirsty Wigglesworth/dpa

In der Tat arbeitete die Eintracht enorm viel, sie war stets wach, aufmerksam, immer im Moment. „Den Jungs gebührt ein Riesenrespekt“, sagte Eintracht-Trainer Oliver Glasner, sie hätten das erwartet „physische Spiel“ sofort und sehr gut angenommen, dagegengehalten in jeder Phase der 94 Minuten, und darüber hinaus, wesentlich für den Sieg, auch manierlichen Fußball gespielt.

„Im eigenen Ballbesitz haben wir sehr gute Lösungen gefunden, wir haben den Ball schnell zirkulieren lassen, hatten ein gutes Positionsspiel und haben im richtigen Moment die Tiefe gefunden“, analysierte Glasner. Das frühe 1:0 von Ansgar Knauff (1. Minute) und vor allem das siegbringende 2:1 von Daichi Kamada (54.) fielen nach längeren Passfolgen, da war wenig Zufall im Spiel, nicht mal eine Standard, sondern schlicht gut geplante und durchgeführte Angriffe. In diesem Punkt waren die Frankfurter den Gastgebern, die vor allem nach ruhenden Bällen Gefahr ausstrahlten, leicht überlegen.

Angriff auf HR-Reporter: „Sowas noch nie erlebt“

Die Eintracht-Fans durften noch eine Weile genießen, mussten lange verharren nach dem Abpfiff in ihrem Block - zur eigenen Sicherheit, wie es den knapp 3000 im Londoner Olympiastadion via Lautsprecher durchgesagt wurde. Die Anhängerschaft tat wie ihr befohlen und nutzte die Zeit zur gesanglichen Verarbeitung des Fußballfestes. Der Chor war auch noch dann zu hören, als die Spieler längst in den Katakomben verschwunden waren - ein friedliches Beisammensein. Überhaupt: Zur vorab befürchteten Konfrontation zwischen Frankfurter und West-Ham-Fans kam es nicht. Auch in der Stadt blieb die Lage recht entspannt.

Zwei Radioreporter des Hessischen Rundfunks jedoch, Philipp Hofmeister und Tim Brockmeier, wurden während ihrer Live-Reportage von Anhängern des Heimteams attackiert. West Ham hatte gerade das 1:1 geschossen, da griffen Fans die Journalisten von hinten an deren Arbeitsplatz an und rissen unter anderem Brockmeier das Headset vom Kopf. Es gab auch Schläge. Beide Kommentatoren wechselten in der Halbzeitpause zur Sicherheit ihre Plätze. „So was habe ich noch nie erlebt“, sagte Brockmeier. Ernsthaft verletzt wurden sie nicht.

West Ham verurteilte den Vorfall. „Wir werden daran arbeiten, die Täter ausfindig zu machen“, sagte ein Klubsprecher: „Sie werden eine unbefristete Sperre erhalten und weder das London Stadium betreten noch mit dem Klub reisen dürfen. Es gibt keinen Platz für ein solches Verhalten.“ Klare Kante.

Gemach, gemach. Durch ist das Ding natürlich längst noch nicht. Zum einen, weil die Eintracht weiß, wie eng es nach einem 2:1-Hinspielerfolg noch werden kann, auch im Viertelfinale gegen Betis Sevilla gingen die Frankfurter in ihrer Arena mit diesem leichten Vorteil ins Spiel, brauchten am Ende aber einen furcht- und schmerzlosen Martin Hinteregger, um in der finalen Minute der Nachspielzeit das Weiterkommen einzutüten.

Zum anderen, weil West Ham seine Nehmerqualitäten mehrfach nachgewiesen hat und gerne hart zurückschlägt. In Lyon etwa gewannen die Hammers das Rückspiel mit 3:0, zuvor gegen den FC Sevilla reichte ein 2:0 nach Verlängerung trotz einer Hinspielpleite.

Knauff trifft früh, Kamada wie häufig

Die Eintracht-Spieler in der Einzelkritik

„Auch wenn du auswärts 2:1 gewinnst, kannst du in der Verlängerung landen. Wir werden wieder eine absolute Topleistung brauchen“, sagte Glasner und gab die Richtung für kommende Woche vor. Es werde mit ihm, kein Verwalten des Vorsprungs geben, „unser Spiel ist immer nach vorne ausgerichtet, so wollen wir auch daheim agieren.“ Eine gewisse Balance zwischen Abwehr und Angriff sei ohnehin unabdingbar.

Krösche: „Gute Ausgangsposition“ für Eintracht Frankfurt

Glasners Chef, der Sportvorstand Markus Krösche, sieht wie die Allermeisten im Frankfurter Fußballkosmos „eine gute Ausgangsposition“, mehr aber eben auch nicht. „Wir müssen sie beschäftigen, unsere Chancen suchen, dann können wir auch gewinnen.“ Dass West Ham sich in Frankfurt nicht defensiv einigeln kann, sondern selbst in die Offensive gehen muss, um den Rückstand wett zu machen, dürfte der Eintracht liegen. Im Konterspiel konnten sie in dieser Saison durchaus ihre Qualitäten nachweisen. Zumal die Londoner, zwar mit einem ausgeprägten Kampfgeist ausgestattet, spielerisch doch auch einige Schwächen offenbarten. Eine Übermannschaft ist West Ham sicher nicht.

Eintracht-Kolumne Ballhorn

Die Rache der Katzen

Einzig die Oberschenkelblessur von Jesper Lindström, der bereits in der Pause auf Muskelverspannungen hinwies, trotzdem weitermachen wollte und nach 62 Minuten angeschlagen raus musste, ist ein Rückschlag. Ein Ausfall von Lindström, Frankfurts Konterkraft Nummer eins, wäre nicht förderlich. Andererseits fehlten auch in London zwei Stammspieler, die Gesperrten Evan Ndicka und Kristijan Jakic, sie wurden gut vertreten. Almamy Touré erledigte auf der für ihn ungewohnten linker Abwehrseite seine Aufgaben mit nur minimalen Wacklern. Und die Formkurve von Sebastian Rode befindet sich ohnehin seit einigen Spielen im steilen Aufwärtstrend, der Kapitän scheint rechtzeitig für den Saisonendspurt die nötige Fitness erlangt zu haben und bringt im Mittelfeld wertvolle Ballsicherheit und Ruhe in Spiel, dazu Zweikampfpräsenz.

Am Montagabend in Leverkusen, der seit Jahren unwichtigsten Pflichtpartie für die Eintracht, wird Trainer Glasner ohne Zweifel viel Personal rotieren. Nicht nur der lädierte Lindström wird dann geschont werden, sondern auch ein Gros der anderen, stark belasteten Stammkräfte. Denn, so der Coach knapp wie treffend: „Wir wollen nach Sevilla.“ (Daniel Schmitt)

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