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Sein Tor reichte der Eintracht nicht zum Sieg: Alex Meier.

Eintracht gegen Hertha

Gefühlte Niederlage

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  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
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Eintracht Frankfurt bricht gegen Hertha Berlin in der zweiten Hälfte ein und muss am Ende mit einem Punkt zufrieden sein.

Hinterher hat sich der Klubchef eigens noch einmal umgedreht, um zwischen zwei Bissen in den Streuselkuchen auf die Tabelle nach dem siebten Spieltag zu verweisen. „Und wer steht oben?“, fragte er rhetorisch. Genau die fünf Teams, nämlich Bayern, Dortmund, Schalke, Wolfsburg und Leverkusen, die die gesamte Fußball-Welt dort vorne verortet hätte. Dass Eintracht Frankfurt, sein Klub, aber nicht direkt auf dem sechsten Platz folgte, hatte etwas mit diesem Sonntagnachmittag zu tun. Da kamen die Hessen gegen Hertha BSC Berlin nicht über ein 1:1 (1:0) hinaus.

Der Ausgleich, „ein Flippertor“, wie Trainer Armin Veh sagte, fiel erst acht Minuten vor dem Ende, Vladimir Darida münzte die klare optische Überlegenheit der Berliner in der zweiten Hälfte in den Treffer um. „Bitter“ nannte Mittelfeldschaffer Stefan Reinartz die Tatsache, mal wieder so spät ein Gegentor gefangen zu haben. Aber wer ehrlich war, und das waren die meisten, musste einräumen, dass die Gäste diese Partie sogar hätten gewinnen können. „Hertha war dem 2:1 näher als wir“, sagte Veh, auch Kollege Pal Dardei hatte Recht, als er feststellte, zehn Minuten länger und „wir hätten noch ein Tor gemacht.“ Immerhin hielt die beachtliche Frankfurter Heimserie: Auch im 13. Spiel in Folge im Stadtwald blieben die Hessen ungeschlagen. Und doch fühlt sich dieses 1:1 wie eine Niederlage an.

Tatsächlich hatten die Frankfurter im zweiten Abschnitt förmlich um den Ausgleich gebettelt. Da lief auf einmal gar nichts mehr zusammen, die Eintracht wurde regelrecht in der eigenen Hälfte eingeschnürt. Kaum einer brachte noch den Ball zum eigenen Mann. „Wir haben nur noch reagiert. Das war viel zu wenig“, stöhnte Veh, der dem kollektiven Einbruch in der zweiten Halbzeit kurz nach Spielschluss einigermaßen ratlos gegenüberstand. Viel zu tief habe man gestanden, nur noch verteidigt, es sah so aus, als wolle die Elf das 1:0 über die Zeit schaukeln – 45 Minuten lang.

In der zweiten Halbzeit „haben wir das Fußballspielen eingestellt“, senkte Reinartz selbstkritisch den Daumen, „wir sind 45 Minuten nur noch hinterhergelaufen.“ Auch Linksverteidiger Bastian Oczipka konnte sich den Leistungseinbruch nicht erklären. „Das war die schlechteste Halbzeit seit langem. Wir haben uns den Schneid abkaufen lassen.“ Warum das so war und warum die komplette Mannschaft keinen Zugriff mehr auf das Spiel gefunden hatte, konnte auch er nicht erklären. Vor allem aber gab es keinerlei Entlastung für die Abwehrreihe. Jeder Ball kam postwendend zurück, kaum einer, auch nicht die Mittelfeldspieler, waren in der Lage, die Kugel festzumachen, sie zu halten und das Spiel wieder aufzuziehen. Praktisch jeder Ball wurde hergeschenkt, kein Wunder, dass die Berliner mehr und mehr Druck aufs Frankfurter Tor entwickeln konnten.

Dabei hatten die Frankfurter ordentlich begonnen. Nach zwei brenzligen Situation (13. und 15. Minute), als jeweils Vedad Ibisevic erst an Torhüter Lukas Hradecky, dann mit einem Kopfball an der Latte scheiterte, hatten sie das Spiel im Griff. Alexander Meier, wer sonst, besorgte dann die 1:0-Führung (22.). Nach einer Ecke des anfangs überragenden Marc Stendera, die Marco Russ verlängerte, stand Meier goldrichtig und drückte den Ball mit der linken Innenseite ins Tor. Es war bereits das sechste Meier-Tor im sechsten Spiel gegen die Hertha. Und spätestens, als Stendera kurz vor der Pause mit einem fulminanten Weitschuss (42.) nur die Latte traf, schien die Eintracht auf der Siegesstraße. „Wir hätten auch mit 0:2 in die Kabinen gehen können“, räumte Dardai ein.

Dann kam die Pause und nichts ging mehr bei den Hessen, sieht man einmal vor der Chance von Luc Castaignos ab (77.), der allein vor dem Tor die Kugel in den Abendhimmel ballerte. Castaignos, der am Sonntag seinen 23. Geburtstag feierte, stand dieses Mal nicht in der Startaufstellung. Für ihn versuchte sich etwas überraschend Vaclav Kadlec, der zuvor nur zwei Minuten beim 6:2-Sieg gegen den 1. FC Köln hatte spielen dürfen. Kadlec bildete mit Stefan Aigner anfangs den Zwei-Mann-Sturm, eine Formation, die nicht viel Zukunft haben dürfte. Schon in der ersten Halbzeit stellte Veh sein System um, um mehr Zugriff zu haben. Von Erfolg war die Umstellung nicht gekrönt. Torwart Lukas Hradecky war hinterher richtig sauer: „Solch eine zweite Halbzeit kann man nicht akzeptieren. Wir sind vor Berlin in die Knie gegangen und hatten Angst.“

Sicher ist auch, dass Eintracht Frankfurt mit nur zwei Punkten aus dieser Englischen Woche herausgegangen ist. Da wäre viel mehr drin gewesen. Auch mit diesem Spiel gegen Hertha haben die Hessen erneut eine gute Gelegenheit liegen gelassen, sich weiter oben einzusortieren. Denn hinter den big five der Tabelle, auf die Heribert Bruchhagen gerne verweist, ist das Rennen absolut offen. Da liegen alle Mannschaften eng beieinander, sind die Leistungsunterschiede minimal. Eine bessere Tagesform, ein bisschen mehr Fortune, ein Ball, der vom Innenpfosten ins Tor springt und schon macht man viel Boden in der Tabelle gut. „Es ist alles ungemein eng. Jedes Spiel in der Bundesliga ist offen“, findet Veh. Ohne diesen unerwarteten Zusammenbruch in Halbzeit zwei wäre die Eintracht bei einem Sieg Sechster, dort, wo sie am Ende auch stehen will. „Die drei Punkte heute hätten wir relativ leicht mitnehmen können“, sagte Bastian Oczipka. Doch dafür hätte es eines anderen Auftretens in der zweiten Halbzeit bedurft.



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