Marco Russ spricht über den Teamgeist bei der Eintracht.
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Marco Russ spricht über den Teamgeist bei der Eintracht.

Marco Russ von Eintracht Frankfurt

"Der Fußball ist verrückt geworden"

  • Thomas Kilchenstein
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  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
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Eintracht-Routinier Marco Russ über das Sportlerleben nach seiner schweren Erkrankung, Signale seines Körpers, seine erstaunliche Form und weshalb er Franco Lionti und Friedhelm Funkel dankbar ist

Herr Russ, Ihr Tor gegen Köln im letzten Heimspiel – war das ein ganz spezielles Erlebnis, weil sich damit ja im Grunde nach Ihrer Erkrankung ein Kreis geschlossen hat?
Nein, es war etwas Besonderes, weil es mein erstes Tor seit fast zwei Jahren und es ein enorm wichtiger Treffer war. Die Kölner hatten gerade das 1:1 gemacht, und dann weißt du nie, was so ein Spiel für einen Verlauf nimmt. Mit meinem Tor und dem von Simone Falette haben wir einen Doppelschlag gesetzt, danach war der Käse gegessen. Das andere hatte ich gar nicht so auf dem Schirm.
 
Ist Ihre überstandene Krebserkrankung für Sie überhaupt noch ein Thema?
Man nimmt Signale des Körpers eher wahr, aber vielleicht hat das auch mit dem Alter und der Erfahrung zu tun. Ich denke, wenn man jung ist, dann blendet man es aus, wenn es mal irgendwo ziept oder zwackt, weil man dem Trainer zeigen will, dass man seinen Mann steht. Aber jetzt im Alter und mit der Vorgeschichte der Erkrankung hört man schon eher in sich und sagt auch: „Okay, ich mache jetzt vielleicht mal zwei Tage Pause.“ Man muss in meinem Alter ja auch an die Zukunft denken.

Spielt Ihre Krankheits-Geschichte für Sie überhaupt noch eine Rolle oder sind Sie nur froh, wieder als vollwertiges Mitglied der Mannschaft angesehen zu werden und nicht als der Fußballer mit dieser Historie?
Als vollwertiges Mitglied habe ich mich in der Rückrunde der letzten Saison auch schon gefühlt. Okay, ich habe da nicht oft gespielt, wenn ich spielen durfte, war das eher der personellen Not geschuldet. Es war schön für mich, im 18er Kader zu sein, aber ich konnte das schon richtig einordnen. Ich wusste, dass ich nicht dabei gewesen wäre, wenn andere fit gewesen wären. Aber das war für mich auch die Zeit, in der ich das aufgeholt habe, was ich vorher während meiner Erkrankung verloren hatte. Aber seit Sommer läuft das volle Programm, ich kann alles mitmachen, ich bin fit.

Also sind Sie auf dem Level wie zuvor?
Ja. Absolut. Wir trainieren viel und hart. Und das brauchen wir auch. Wir sind keine Mannschaft wie Bayern, die alles nur mit Auge spielerisch lösen kann. Und dazu kommt, dass wir eine viel größere Bandbreite an Spielern und nicht so viele Verletzte haben. Wenn man sich jetzt ansieht, wer gegen Köln auf der Bank saß – das ist ja Wahnsinn. Und das ist der große Pluspunkt im Vergleich zu den vergangenen Jahren. Wir haben uns neulich darüber in der Mannschaft unterhalten, dass es wichtig ist, dass wir diesen Konkurrenzkampf haben, denn was ist, wenn mal zwei, drei Spieler ausfallen? Das können wir jetzt auffangen.

Aber für Sie persönlich kann das ja durchaus unangenehm sein. Sie haben jetzt zwei herausragend gute Spiele gemacht und könnten dennoch wieder auf der Bank sitzen, weil David Abraham zurückkehrt.
Das ist der Fußball, das ist der Sport. Ich habe das über viele Jahre so erlebt, so ist es einfach. Da sollte auch jeder sein Ego hinten anstellen, die Mannschaft zählt. Wenn wir uns am Ende, jetzt nur theoretisch, für Europa und das Pokalfinale qualifizieren, dann darf doch keiner sauer sein, wenn er vielleicht nur zehnmal gespielt hat und auch mal auf der Tribüne saß. Die Mannschaft geht über alles.

Und wenn Sie persönlich jetzt wieder auf die Bank müssten?
Grundsätzlich ist es doch so, dass jeder, der nicht spielt oder womöglich gar auf der Tribüne sitzt, enttäuscht ist. Das ist doch das normalste der Welt, umgekehrt wäre es ja bedenklich. Aber damit muss man umgehen können. Es bringt nichts, da groß Frust zu schieben oder so. Da würde die Leistung im Training schon leiden und es würde auch schlechte Stimmung bringen. Und wir haben die ganze Zeit schon eine super Stimmung, deshalb könnte man so etwas gar nicht brauchen. Wir haben einen guten Spirit, ein gutes Gefühl, ein gutes Klima in der Kabine.

Wirken da die Routiniers womöglich auch mäßigend ein?
Die älteren Spieler sorgen dafür, dass diese Stimmung so bleibt wie sie ist. Gerade in so einer großen Gemeinschaft wie wir sie haben, ist das unumgänglich. Wir haben vier, fünf erfahrene Spieler, die vorneweg gehen und das auch an die Jungen weitergeben. Wie gesagt, jeder muss sein Ego runterschrauben, auch wenn es gerade für die Spieler, die jetzt vielleicht nicht dabei sind, nicht leicht ist. Aber man sieht, wie schnell einer gebraucht wird. Doch wenn du schlecht trainierst, dann kannst du nicht von Null auf 100 durchstarten. Aber, noch mal, das ist nicht der Fall. Die Trainingsqualität ist sehr hoch, man sieht, dass sich keiner ausruht und jeder weiß, dass sich auch keiner ausruhen darf. Das pusht die Leistung insgesamt nach oben. Das sieht man größtenteils auch am Wochenende auf dem Platz. Keiner kann sich rausnehmen, sonst ist er mal auf der Bank oder gar nicht im Kader. Bei so einem Level, auf dem wir uns momentan bewegen, kann das ganz schnell gehen. Der Trainer hat ein gutes Händchen, er führt die Mannschaft gut. Er weiß, welche Schraube er zu drehen hat, um das Ganze mal anzuziehen. Und er weiß auch, wann er mal locker lassen kann.

Kann man als Profi wirklich nach dieser Phrase leben, wonach man von Spiel zu Spiel schaut. Oder hat man die Tabellenkonstellation im Hinterkopf?
Jeder kann die Tabelle lesen. Wir sagen jetzt aber nicht: Wir müssen noch so und so viele Punkte holen, dann sind wir sicher dabei. Jeder Fußballer hat den Traum, mal Champions League zu spielen, ist doch klar. Aber wir sollten die Kirche im Dorf lassen. Es geht so schnell ein paar Plätze nach oben oder unten. Es kann passieren, dass wir so eine Saison spielen wie damals unter Armin Veh, aber dafür müssen wir noch einiges abrufen. Es kann ja auch sein, dass wir mal in ein Leistungsloch fallen.

Nach der herben 0:3-Niederlage in Augsburg hätte man diese Befürchtung haben können.
Klar, das war so ein Spiel, danach hätte es auch in die andere Richtung gehen können. Aber momentan zeichnet uns aus, dass wir uns dann schütteln und weitermachen wie vorher. Vielleicht war es auch ganz gut, dass wir in Augsburg richtig eine auf den Deckel bekommen haben, sodass jeder wusste: „Okay, es geht nicht von alleine.“ Und uns kam zugute, dass wir schon drei Tage später wieder das Pokalspiel gegen Mainz vor der Brust hatten.

Die Eintracht hat diese Platzierung ja auch nicht geschenkt bekommen, der Tabellenplatz hat ja durchaus seine Berechtigung.
Stimmt. Wir erarbeiten uns das sehr hart. Wir laufen oft mehr als der Gegner, zuletzt sind wir fünf Kilometer mehr als Köln gelaufen. Wir tun viel dafür. Aber wir sollten uns keinen Druck machen, so nach dem Motto: „Wenn wir gewinnen, dann...“ Das macht meiner Ansicht nach keinen Sinn.

Sie wirken sehr reflektiert. In wie weit hat sich der Fußball verändert?
In den letzten zwei, drei Jahren ist der Fußball schon verrückt geworden. Sehen Sie sich die Gehälter an, die Ablösesummen oder auch den Druck von außen. Bei den jungen Spielern merkt man teilweise schon, dass sie Probleme haben, damit umzugehen. Egal, ob positiv oder negativ. Aber das Wichtigste ist bei jungen Spielern sowieso, dass sie es begreifen, wenn sie was falsch gemacht haben und entsprechend ihre Lehren daraus ziehen und im Kopf und in punkto Einstellung was umstellen.

Sie galten als junger Spieler ja auch nicht als pflegeleicht.
Definitiv. Ich war nicht einfach. Ich hatte meine Probleme. Franco (der Materialwart und die gute Seele Franco Lionti; Anm. d. Red) hat mir öfter auf die Löffel gehauen, wenn ich was vergessen hatte. Ich bin auch mal acht Wochen zu den Amateuren verbannt worden. Aber ich habe die Kurve bekommen dank Franco, dank Ex-Trainer Friedhelm Funkel oder älteren Spielern wie Oka Nikolov. Sie haben mir gesagt: „So kann es nicht weitergehen, sonst kickst du irgendwann hier in der vierten, fünften Liga, in der Hessenliga.“ Dann bin ich irgendwann aufgewacht.

Erlaubt die Branche solche Rückblicke überhaupt oder ist der Fußball zu schnelllebig geworden, um mal innezuhalten. Nehmen wir Ihr Comeback nach der Krankheit, als im Pokalspiel gegen Bielefeld alle Menschen aufstanden und wohl kaum jemand keine Gänsehaut hatte, als Sie eingewechselt wurden.
Natürlich erinnert man sich an solche Momente, man saugt das auf. Es war für mich auch ein schönes Gefühl, als die Bayern-Fans in München nach meiner Einwechslung applaudierten. Das nimmt man wahr. Aber man muss es richtig einordnen können. Und der Fußball heute, da gebe ich Ihnen Recht, ist so schnelllebig geworden, da hat man gar keine Zeit mehr, in Erinnerungen zu schwelgen. Man muss den Schalter umlegen und sich so fokussieren, dass man auf dem Platz seinen Mann stehen kann.

Haben Sie selbst gedacht, dass Sie noch mal dieses Niveau erreichen könnten?
Darüber habe ich mir wirklich keine Gedanken gemacht. Ich bin froh, dass ich meine Leistung zeigen und dem Trainer zeigen kann, dass er auf mich bauen kann. Grundsätzlich ist es schwierig nach einer langen Pause. Deshalb bewundere ich auch Omar Mascarell. Wie er nach der langen Verletzungspause von Null auf 100 durchgestartet ist und seitdem wieder auf dem Level wie vorher spielt – davor ziehe ich meinen Hut. Das ist ein Grund, weshalb wir nicht eingebrochen sind in der Rückrunde, Omar gibt uns gemeinsam mit Kevin-Prince Boateng Stabilität und Struktur.

Wie lange wollen Sie noch spielen? Wenn man Ihre letzten beiden Spiele nimmt, muss man festhalten: Sie sind in absoluter Topform.
Ich bin 32, ich sage jetzt nicht: „Ich will auf jeden Fall bis 36 spielen.“ Ich werde auf meinen Körper hören. Ich werde so lange wie möglich versuchen, auf diesem Niveau weiter in der Bundesliga zu spielen. So lange es läuft wie zurzeit, denkt man auch über nichts anderes nach. Wenn überhaupt, wäre Amerika noch mal eine Möglichkeit für mich. Das wäre die einzige Option, die ich ganz weit in meinem Hinterkopf habe. Generell gilt: Wenn ich merken würde, es reicht nicht mehr für die Eintracht, dann würde ich mir Gedanken machen. Vorher nicht.

Interview: Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein

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