Herzhaftes Gerangel, auch heute im Pokal: Eintracht-Stürmer Hrgota (links) gegen Vestergaard.
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Herzhaftes Gerangel, auch heute im Pokal: Eintracht-Stürmer Hrgota (links) gegen Vestergaard.

Halbfinale

Fürs Geschichtsbuch

  • Ingo Durstewitz
    vonIngo Durstewitz
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Eintracht Frankfurt will im DFB-Pokal-Halbfinale den großen Coup landen. Zuletzt standen die Hessen 2006 im Finale, der letzte Pokalsieg liegt 29 Jahre zurück.

Der Frankfurter Trainer Niko Kovac wählte Branimir Hrgota als Sinnbild, ausgerechnet Branimir Hrgota, den Stürmer der traurigen Gestalt. Der Eintracht-Angreifer ist nun fürwahr nicht mit Fortuna im Bunde, er spielt mies, verhaspelt seine wenigen Chancen, seine Körpersprache ist ein klitzekleines bisschen verbesserungswürdig. Und doch tauge jener Hrgota zum Mann mit großer Symbolkraft. Denn es war der Schwede, der sich nach dem erlösenden Treffer zum 2:1 durch Marco Fabian gegen den FC Augsburg als einer der ersten zum völlig entrückten Jubeln vor der Fankurve eingefunden hatte – obwohl er schon ausgewechselt war. „Das zeigt, dass jeder füreinander da ist, das zeigt den Charakter des Teams“, befand Kovac.

Auf Willen, Leidenschaft und sehr, sehr viel Eintracht werden die Frankfurter auch heute Abend bei Borussia Mönchengladbach (20.45 Uhr/live in der ARD) angewiesen sein, wenn sie das große Ziel erreichen und ins Finale des DFB-Pokals am 27. Mai in Berlin einziehen wollen. „Die ganze Republik schaut auf uns, die Spieler können sich präsentieren, der Klub kann sich präsentieren“, sagte Niko Kovac und schob mit nüchterner Stimme Worte voller Pathos nach: „Wir können etwas Einzigartiges erreichen, wir können Geschichte schreiben.“

Ein Spiel trennt die Eintracht noch vom großen Finale, die Hessen werden alle Kräfte mobilisieren, um die hohe Hürde im Borussia-Park zu überspringen. Alle verletzten und nicht nominierten Akteure werden mit an den Niederrhein reisen, „das zeigt unseren Zusammenhalt“, betonte Kovac. Die Eintracht wird so ziemlich alles, was sie zu leisten imstande ist, in dieses Halbfinale hineinwerfen, abseits des Platzes und auf dem Feld sowieso.

Es ist die große Chance, „die gute Saison noch besser zu gestalten“, wie der Fußballlehrer sagte. Der Coach wird seine Mannschaft auf diese besondere Partie mit einer ebenso besonderen Motivationsmaßnahme einschwören, welcher Art genau, das wollte er nicht verraten. „Wir haben uns etwas einfallen lassen. Ich hoffe, dass es hilft.“

Kovac wähnt seine Mannschaft aufgrund des zugelosten Auswärtsspiels in der Außenseiterrolle, aber bange machen gilt nicht. „Wir werden nicht die Hände heben und die weiße Fahne schwenken“, bekundete er. Das wäre in einem K.o.-Spiel ja auch nahezu absurd. Als Argumentationshilfe zieht er die beiden Bundesligaspiele gegen die Borussia hinzu, beide endeten torlos, „doch von den vier Halbzeiten waren wir in dreien das bessere Team“. Das hat zwar im regulären Spielbetrieb nicht zu einem Dreier gereicht und wird auch für das heutige Duell wenig Aussagekraft haben, doch für ein besseres Gefühl sollte es genügen.

Kovac hofft darauf, dass sein aus dem Tritt geratenes Ensemble den leichten Rückenwind mitnimmt, den der 3:1-Erfolg gegen den FC Augsburg entfacht habe – auch wenn die Leistung an sich kaum als Mutmacher taugt. Der erlösende Sieg sei zu einem „sehr guten“ Zeitpunkt gelungen. Das ist nicht zu leugnen.

Und der Trainer baut auf den Faktor Druck, denn der liege eher aufseiten der Gastgeber, die ja tatsächlich mit einer anderen Erwartungshaltung gestartet waren und nun die Saison auch über den Pokal retten können. „Wir können mehr gewinnen als verlieren“, folgerte der 45-Jährige. „Bei Gladbach ist es umgekehrt.“

Seine Mannschaft solle sich freimachen von allen Fesseln und das Spiel genießen. „Bisher standen nicht viele Spieler von uns in einem Halbfinale, jetzt geht es um einen schönen Pokal, um die Urlaubskasse und einen Eintrag in die Geschichtsbücher.“

Der Weg des viermaligen Pokalsiegers (1974, 75, 81, 88) in dieses Semifinale war ja eher holprig, im Viertelfinale rumpelte sich die Mannschaft gegen das Zweitligakellerkind Arminia Bielefeld eine Runde weiter, zweimal, gegen Magdeburg in der ersten und Ingolstadt in der zweiten Runde, war sie schon auf das Elfmeterschießen angewiesen. Den Schuss vom Punkt hat der Coach nicht eigens trainieren lassen. Er musste bei einer entsprechenden Frage schmunzeln. „Zeigen sie mir einen Menschen auf der Welt, der so etwas simulieren kann. Nach 120 Minuten sind die Spieler ausgelaugt, fertig, alle“ – solch eine Extremsituation könne man nicht nachstellen.

Und schließlich ging es dann doch noch mal um Branimir Hrgota, den Glücklos-Stürmer, den die Gladbacher vor dieser Spielzeit ablösefrei nach Frankfurt haben ziehen lassen. Kovac brach noch einmal eine Lanze für den 24-Jährigen. „Stürmer werden an Toren gemessen, aber es gibt solche Phasen“, sagte er. „Wir zweifeln nicht an ihm, er wird seine Entwicklung nehmen, wir geben ihm die Zeit.“ Hrgota hat in der Rückserie erst ein Tor erzielt, zudem nicht mehr gut gespielt. Kovac aber bleibt optimistisch: „Wenn er in der nächsten Saison die Hälfte seiner ausgelassenen Chancen reinmacht, dann spreche wir über eine zweistellige Trefferzahl. Das ist für Eintracht Frankfurt gar nicht so schlecht.“ Vielleicht trifft er ja heute, das hätte mehr Wirkung als nur symbolische Aussagekraft.

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