Doppeltunnel: Sandro Wagner düpiert Simon Falette und Lukas Hradecky.
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Doppeltunnel: Sandro Wagner düpiert Simon Falette und Lukas Hradecky.

Eintracht Frankfurt

Fremd geworden

  • Thomas Kilchenstein
    vonThomas Kilchenstein
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Seit der Seitenwechsel von Niko Kovac fix ist, passt bei der Eintracht vieles nicht mehr.

So furchtbar heimelig sah das nicht aus, aber wahrscheinlich hatten Lukas Hradecky, Ante Rebic, Mijat Gacinovic und ein paar Kumpel einen Riesenspaß beim Grillen in einem Bockenheimer Hinterhof. Bei Spareribs, Steaks und einer Pulle Bier in der Hand ließen es sich die Jungs gut gehen, auch Slobodan Medojevic, der Medo, der jetzt für Darmstadt kickt, war eingeladen. Und sie ließen die Nachwelt via Instagram gleich daran teilhaben. Wäre ein solches Bild vor einiger Zeit, etwa kurz vor Ostern, auch denkbar gewesen? Eher nicht. Dazu passt der jüngste nächtliche Ausflug eines Spielers in ein Szenelokal bis in die Puppen und ein Abstecher nach Mailand. Möglich vor drei Wochen? Eher nicht.

Das sind nur zwei kleine Beispiele eines schleichenden Autoritätsverlusts des Trainers Niko Kovac. Ganz offensichtlich ist ihm die Mannschaft entglitten, sie folgt ihm nicht mehr, sie haben sich entfremdet. Und klar ist, seit wann das der Fall ist: Seit öffentlich wurde, dass Niko Kovac Knall auf Fall seine Zelte in Frankfurt abbrechen und bei Bayern München anheuern wird.

Seitdem, auch das ist ein Indikator, haben die Frankfurter nicht nur kein Bundesligaspiel mehr gewonnen, aus einer eigentlich recht stabilen Hintermannschaft ist auch noch eine Schießbude geworden: 1:4 gegen Bayer Leverkusen, 0:3 gegen Hertha Berlin, 1:4 gegen Bayern München, 2:11 Tore, null Punkte. Dazu kommt: Sieben jener elf Gegentore kassierten die Frankfurter, lange, lange Zeit eines der abwehrstärksten Teams der Branche, in der Schlussviertelstunde. Womöglich ein Hinweis darauf, dass die Mannschaft am Ende eben doch nichts mehr zum Zusetzen hat? Kovac schließt das kategorisch aus: „Meine Jungs sind topfit“, hat er erst am vergangenen Donnerstag gesagt.

Allein im K.o.-Spiel gegen Schalke haben sich die Hessen zusammengerissen, sich zu einer bemerkenswerten Energieleistung aufgeschwungen und, auch mit ein bisschen Glück, das Finale erreicht. In den grauen Ligaalltag sind diese Kraftakte nicht mehr zu übertragen. Kovac selbst will diese „Kausalität“, wie er sagte, nicht herstellen. „Das eine hat mit dem andern nichts zu tun.“

Dazu kommt, dass dieser Trainer der Mannschaft nicht mehr hilft. Mit seinen Aufstellungen hat er kein glückliches Händchen bewiesen. Schon im für das internationale Geschäft so eminent wichtige Heimspiel gegen Berlin hat er für Verwunderung gesorgt, als er Aymen Barkok, der wochenlang keine Rolle gespielt hat, für die Anfangself nominierte, dass er Sebastien Haller und Luka Jovic gemeinsam aufgeboten hatte, obwohl er zuvor selbst Zweifel daran hegte, ob das funktionieren kann. Stattdessen wurden Leistungsträger geschont.

In München wiederum reaktivierte er Stürmer Branimir Hrgota, der seit dem 18. Spieltag gänzlich ohne jedwede Spielpraxis geblieben und seither nicht eine Sekunde in der Liga zum Einsatz gekommen war. Dazu wechselte er nach einer Stunde den völlig unerfahrenen Marijan Cavar ein, ein 20-jähriges Talent, das seit Januar zur Eintracht gehört und zuvor in der bosnischen Liga Fußball gespielt hat. All diese personellen Rochaden gingen diesmal nicht auf.

Der Fairness halber muss man anführen, dass der Eintracht in der Endphase wichtige Akteure fehlen, etwa Kevin-Prince Boateng, Makoto Hasebe, Ante Rebic oder auch Jonathan de Guzman. Womöglich ist der Kader qualitativ dann doch nicht so breit gefächert, wie die Sportliche Leitung stets fand.

Auffällig ist auch, wie Niko Kovac, angesichts wegschwimmender Felle, die Saison schönzureden und sich aus der Schusslinie zu bringen versucht. Vor dem Gastspiel in München baute er schon mal vor, falls es mit dem großen Wurf nichts wird. Niemand habe dem Klub vor der Saison zugetraut, so weit vorne und erneut im Pokalfinale zu stehen. Das mag stimmen, und doch wäre eine Platzierung unterhalb von Platz sieben nach dem Verlauf der Saison eher enttäuschend.

Nach der 1:4-Klatsche hat Kovac kritisiert, dass die Mannschaft offensiv das Ziel Europa League „kommuniziert“ habe. Er habe allerdings davor „gewarnt. Durch Erzählen hat man noch nie was geschafft.“ Das ist nur die halbe Wahrheit: Auch Kovac hat dieses Ziel klar und öffentlich formuliert, etwa nach dem 3:0-Erfolg gegen Mainz, übrigens dem letzten Sieg, als er sagte, ab sofort sei jede Partie als „Endspiel“ zu begreifen. „Wir wollen da bleiben, wo wir sind.“ Alles andere wäre seinerzeit angesichts des Tabellenstandes und des Auftretens der Mannschaft unrealistisch gewesen. Nun distanziert er sich davon.

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