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Freigang und Co.: Frankfurter Vorbilder

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Von: Frank Hellmann

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Selfie vom rauschenden Empfang am Römer: Laura Freigang am Montag in Aktion - und danach in vielen Zeitungen.
Selfie vom rauschenden Empfang am Römer: Laura Freigang am Montag in Aktion - und danach in vielen Zeitungen. © dpa

Was die EM-Spielerinnen von Eintracht Frankfurt um Laura Freigang und Sara Doorsoun künftig für den Klub bewirken können.

Natürlich hat Laura Freigang am vergangenen Montag irgendwann ganz vorne auf dem Balkon gestanden. Wie es sich für ein Gesicht von Eintracht Frankfurt gehört, wenn auf den Römer 7000 Menschen strömen, um die neuen Vorbilder des deutschen Fußballs zu feiern. Die 24-Jährige konnte auch schon wieder lächeln, obwohl es in der Rückschau aufs EM-Finale gegen England (1:2 nach Verlängerung) ziemlich unverständlich wirkt, warum sie in Wembley nach dem Ausfall von drei Stürmerinnen keine Minute mitmachen durfte.

Die einzig im dritten EM-Gruppenspiel gegen Finnland (3:0) für die Schlussviertelstunde eingesetzte Frankfurter Torjägerin, die in 14 Länderspielen neun Mal traf, hat dazu nichts gesagt. Lieber hat die „069“ gerufene Frohnatur auf dem Balkon fleißig Selfies geknipst, was wiederum dann als Aufmacherfoto in vielen Zeitungen erschien.

Kabinen-DJ, Social-Media-Expertin und Gute-Laune-Fußballerin Freigang ist mit ihrer rasant gestiegenen Bekanntheit trotzdem eine Gewinnerin der EM – genau wie ihre Klubkolleginnen Sara Doorsoun, Nicole Anyomi und Sophia Kleinherne. Doorsoun kam in drei Partien zum Einsatz, wurde im Halbfinale gegen Frankreich (2:1) und im Finale für die angeschlagene Marina Hegering eingewechselt.

Die 30-Jährige sagte danach: „Wir haben uns alle nach dem Abpfiff in die Augen geschaut und wussten, dass wir, so wie wir zusammengewachsen sind, auch diese Niederlage als Team meistern werden und unser Weg noch nicht vorbei ist.“ Dabei sind auch Anyomi und Kleinherne, die beide gegen Finnland ihren ersten Treffer im DFB-Dress erzielten. Vereinstrainer Niko Arnautis übermittelte viel Anerkennung: „Ich glaube, diese Mannschaft hat mehr gewonnen als einen Pokal, und zwar Wahrnehmung, Wertschätzung und jede Menge Sympathien.“

Der 42-Jährige hat nun die schwierige Aufgabe, bei seinen Nationalspielerinnen nach einem kurzen Urlaub sofort wieder die Sinne zu schärfen, gilt es doch, sich für die Gruppenphase der Women’s Champions League zu qualifizieren. Gleich die erste Partie beim Qualifikationsturnier bei Fortuna Hjörring ist am 18. August ein „Alles-oder-Nichts“-Spiel ist. Danach müsste auch das Finale gegen Ajax Amsterdam oder Kristianstads DFF gewonnen werden. Der dänische Vizemeister Hjörring hat nicht nur den Heimvorteil, sondern auch „viel Erfahrung in der Champions League gesammelt“, weiß Arnautis.

Danach wären auch noch die Playoffs (20./21. und 27./28. September) zu überstehen. Vermutlich gegen einen Hochkaräter aus England, Spanien oder Frankreich. Die Eintracht würde eine solche Partie vielleicht in der großen Arena austragen. Die ist bald definitiv Schauplatz für das Bundesliga-Eröffnungsspiel gegen den FC Bayern München. Am 16. September (19.15 Uhr) soll mindestens mal der Fanrekord fallen, der bei jenen 12 464 Zuschauenden steht, die am letzten Spieltag der Saison 2013/2014 ins Stadion am Elsterweg kamen, um den VfL Wolfsburg beim finalen Schritt zur Meisterschaft gegen den 1. FFC Frankfurt anzufeuern.

Dietrich trommelt kräftig

Insofern schließt sich für Siegfried Dietrich ein Kreis. Der Sportdirektor der Eintracht-Frauen trommelt bereits für ein Eröffnungsspiel, das in dieser Saison bei Männern und Frauen mit Blick auf die Paarung identisch ist. Das gab es noch nie. „Unser Spiel wird erst der Anfang sein“, sagt Dietrich. „Ich spüre eine große Bereitschaft der Klubs, vermehrt in die großen Stadien zu gehen.“ Die neuen EM-Heldinnen sollen helfen, sie zu füllen.

Die Deutsche Fußball-Liga (DFL) und der Deutscher Fußball-Bund (DFB) haben sich auch auf zarte Hinweise aus der Eintracht-Geschäftsstelle davon überzeugen lassen, dass es gute Gründe gibt, jeweils im Stadtwald den Startschuss zu geben. Eintracht versus Bayern – das hat seinen Reiz. Geschlechterübergreifend. Dietrich möchte als Vorsitzender des Ausschusses Frauen-Bundesligen nun „die Neu-Interessierten, die durch die EM wachgeküsst wurden“, abholen. Auch die DFL könne „mit ihren Netzwerken eine Brücke schlagen“.

Vermutlich kann es auch keinen besseren Zeitpunkt geben, um die Medienrechte im Frauenfußball für die nächsten vier Jahre auszuschreiben. Das Niveau muss dringend gehoben werden, soll die positive ENtwicklung fortgesetzt werden. Seit Jahren bewegt sich der Fanschnitt unter der 1000er-Marke, auch beim Gesamtumsatz der Frauen-Bundesliga (15 Millionen Euro in 2020/2021) geht mehr. Derzeit gibt jeder Frauen-Bundesligist fast doppelt so viel Geld aus, wie er einnimmt. Wobei es bei der Eintracht heißt, dass Frankfurts Fußballerinnen längst nicht so teuer sind wie die kostenintensiven Abteilungen des FC Bayern oder des VfL Wolfsburg.

Zum einen verdienen die Topspielerinnen weniger, zum anderen aber ist es gelungen, Sponsorenpakete gesondert für den Frauenfußball zu schnüren. Hilfreich, dass der Netzwerker Dietrich aus seiner FFC-Zeit Knowhow und Kontakte mitgebracht hat. Sein Optimismus beruht auf mehreren Säulen: der Strahlkraft der EM, neuen Gesichtern, neuen Strukturen beim DFB und letztlich Vereinen, die bereit sind zu investieren. Der 65-Jährige: „Unser Ziel ist ein Return of Investment. Ich glaube fest daran, dass man mit Frauenfußball bald auch schwarze Zahlens schreiben kann.“ Denn diese EM habe Vorbilder kreiert. „Sympathische Persönlichkeiten, die mit ihrem selbstironischen Auftreten möglichst viele Mädchen und auch Jungs dazu animieren, selbst Fußball zu spielen“. Laura Freigang steht da wirklich in erster Reihe.

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