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Lässt sich so schnell nicht einschüchtern: Evan Ndicka.

Interview Evan Ndicka

"In Frankreich geht es ruhiger zu"

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    Ingo Durstewitz
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Warum der neue Eintracht-Verteidiger Evan Ndicka schon früh auf sich allein gestellt war, was er von Geisterspielen hält und warum er sich in einem Punkt absolut sicher ist: Von nichts kommt nichts.

Evan Ndicka wirkt wahrlich nicht wie ein gerade 19 Jahre alt gewordener Teenie. Er ist ein ordentlicher Brocken, 1,92 Meter groß, muskulös, und es sieht so aus, als könne den Jungen nicht viel erschüttern. In seinen ersten beiden Bundesligapartien spielte er erstaunlich souverän auf, fast schon abgeklärt, in Dortmund geriet allerdings auch der gebürtige Pariser mit kamerunischem Pass in die Bredouille. Gut 5,5 Millionen Euro, so viel wie noch für keinen so jungen Spieler, hat Eintracht Frankfurt nach Auxerre überwiesen und den Franzosen mit einem Fünfjahresvertrag ausgestattet.

Sportliche Führung hält große Stücke auf Evan Ndicka

Die Sportliche Führung hält also große Stücke auf den auch taktisch gut ausgebildeten Ndicka, der seine komplette fußballerische Ausbildung in Frankreich erhalten und alle Auswahlteams der Equipe Tricolore durchlaufen hat. Heimweh wird der Stopper eher selten verspüren, seine Landsleute Sebastien Haller und Simon Falette sind um ihn herum und das selbständige Leben hat er früh gelernt: Schon mit 13 Jahren verließ er das Elternhaus, um in Auxerre ins Internat zu gehen und zu kicken. Es hat ihn schnell reifen lassen. 

Herr Ndicka, bei Ihrer Rückkehr nach Frankreich gelingt Ihnen und der Eintracht ein kaum für möglich gehaltener Auswärtssieg in Marseille. Erzählen Sie doch mal.
Es war unglaublich. Wir haben nie aufgehört, an uns zu glauben, obwohl wir dann ja sogar eine halbe Stunde in Unterzahl waren. Aber wir haben trotzdem unsere Chance gesucht – und am Ende zugeschlagen. Das ist ein wunderschönes Gefühl, so in die Gruppe gestartet zu sein. Und es ist auch ein wichtiger Sieg für die Moral gewesen. 

Sie als Franzose wissen ja, wie die Stimmung im Stade Vélodrome normalerweise ist, ziemlich energetisch. Das war ja jetzt, ohne Zuschauer, ganz anders. Eine skurrile Atmosphäre. Wie haben Sie es erlebt? 
Jeder Fußballer träumt davon, in Marseille in einem vollen Stadion zu spielen. Es ist wirklich sehr laut, sehr stimmungsvoll, fast explosiv. Es ist eine großartige Kulisse, eine Art Hexenkessel. Jetzt, ohne Fans, das war schon komisch. Eine merkwürdige Atmosphäre. Aber vielleicht war es ein Vorteil für uns. 

Haben Sie vorher schon mal im Velodrome gespielt?
Nein, aber in Frankreich guckt jeder die Spiele von Marseille oder PSG, diese Spiele genießen immer viel Aufmerksamkeit. Deshalb weiß man, wie es in Marseille abgeht. Schade, dass keine Zuschauer zugelassen waren, sehr schade. 

Hatten Sie schon einmal in einem leeren Stadion gespielt, ein Geisterspiel erlebt?
Nein, auf diesem Niveau noch nicht. Wie gesagt, sehr seltsam. Das ist nicht das, was man sich als Fußballer wünscht. 

Wie hat Ihr Vater, Ihr größter Fan, das Spiel verfolgt? Ist er mal vorbeigekommen, um Sie zu besuchen?
Nein, das ging nicht vom Ablauf her. Aber mein Vater ist ein riesengroßer Fan von Olympique Marseille. Umso ärgerlicher für ihn, dass er nicht live vor Ort sein konnte. Er hat das Spiel im Fernsehen gesehen. Er sieht sich jedes meiner Spiele im Fernsehen an, also nicht erst, seit ich in Frankfurt bin. Er verpasst kaum eine Partie. Mein Vater ist ein Fußballnarr.

Hat er selbst ordentlich gespielt?
Nein (verschämt lächelnd, d. Red.). Er war nicht so gut...

Sie sind also deutlich talentierter?
Ja, ein bisschen, würde ich sagen (lacht). 

Wie haben Sie sich hier eingelebt, ein neues Land, eine neue Sprache, eine neue Mannschaft? Das ist ja nicht so leicht für einen jungen Mann. 
Man muss sich anpassen. Das war, gerade am Anfang, nicht so leicht, das stimmt. Aber das Umfeld und die Mitspieler sind sehr zuvorkommend, sie haben mich prima aufgenommen. Nach und nach wird es immer besser. 

Sie leben alleine in Frankfurt?
Ja, im Augenblick schon. Aber meine Eltern, Freunde und Bekannte kommen immer wieder zu Besuch. Sie können aber nicht ewig lange hier bleiben, sie haben ja alle auch einen Beruf und müssen wochentags arbeiten. Und ganz am Anfang waren meine Berater da. Aber nach ein paar Tagen habe ich gesagt: ,Ich komme alleine klar.‘

Das ist aber schon ungewöhnlich und zeugt von früher Reife, in so jungen Jahren  in einem fremden Land allein zurecht kommen zu wollen.
Klar, man weiß anfangs nicht, was einen erwartet. Angst hatte ich jedoch keine, aber Respekt. Aber am Ende des Tages ist doch alles kein Hexenwerk. Ohnehin ist das Leben in den beiden Ländern ziemlich ähnlich, da gibt es nicht solche gravierenden Unterschiede. Im Grunde ist es nur die Sprache, die anders ist.

Sie sind mit jungen Jahren, mit 13, von Paris, Ihrer Heimatstadt, nach Auxerre gewechselt. Da sind Ihre Eltern aber mitgegangen, oder?
Nein. Auxerre ist eineinhalb Autostunden entfernt. In Frankreich läuft das so, da ist es normal, dass man das alleine macht. Tagsüber hatten wir Schule, abends Training, und am Wochenende kehrt man nach Hause zurück. Alles kein Problem. 

Es ist also für Sie selbstverständlich, vieles früh schon selbst zu organisieren?
Von nichts kommt nichts. Wenn man etwas erreichen will, muss man etwas investieren, dann muss man Opfer bringen – wie überall im Leben, wenn man voran kommen will.

Sind Sie durch das frühe Verlassen des Elternhauses schneller erwachsen geworden, früher gereift?
Das kann sein. Je früher man auf sich allein gestellt ist, desto eher lernt man, sein Leben in den Griff zu bekommen und selbst zu bestimmen.

Trotzdem dürfte es doch angenehm sein, bei der Eintracht auch auf Landsleute wie Simon Falette oder Sebastien Haller zu treffen.
Sie sind sehr wichtig für mich. Sie haben meine Integration extrem erleichtert. Wir gehen auch manchmal zusammen essen, sie kümmern sich um mich, auch Stephane Gödde (Dolmetscher; Anm. d. Red.) hat mir sehr viel geholfen, etwa bei Behördengängen. 

Gehörte das eigentlich zu Ihrem Karriereplan, bereits mit 18 Jahren ins Ausland zu gehen? Sie hätten ja den nächsten Schritt auch in Frankreich tun könne, aus der zweiten Liga bei Auxerre zu Marseille, Monaco oder PSG wechseln.
Ich hatte keinen Masterplan. Es hat sich eben so ergeben. Es passte gerade, als das Angebot aus Frankfurt kam. Und ich musste auch nicht lange überlegen. Ich hatte sogar in der vergangenen Saison schon den Gedanken, nach Deutschland zu wechseln, das hatte ich zumindest im Hinterkopf. Da kam die Anfrage genau richtig. Es war Zufall, aber es hat perfekt gepasst. 

Haben Sie die Bilder vom Pokaltriumph gesehen? Hat diese Begeisterung auch eine Rolle gespielt?
Klar. Das hat mir gezeigt, welchen Stellenwert der Fußball und der Verein hier hat. Ich habe gesehen, was in der Stadt los war. Da war ja die Hölle los, Wahnsinn. 

War es für Sie immer klar, Fußball zu Ihrem Beruf zu machen?
Der Weg war schon vorgezeichnet. Man wechselt ja in ein Nachwuchsleistungszentrum, um Profi zu werden. Aber man darf das Schulische nicht vernachlässigen. Man weiß ja nicht, ob man es wirklich schafft. Man braucht auf jeden Fall ein zweites Standbein. 

Was wäre Ihr zweites Standbein gewesen?
Ich hätte mich im Bereich Marketing versucht. 

Sie waren in den ersten beiden Pflichtspielen nicht dabei, in Freiburg standen Sie dann plötzlich in der Anfangself. Sie beeindruckten mit ihrer Präsenz und Coolness. Sind Sie einfach so gestrickt oder sah es in Ihnen ganz anders aus?
Ich würde sagen, man erarbeitet sich das. Das alles kommt nicht von ungefähr, es steckt viel Arbeit dahinter. Man sieht von außen vielleicht nur die Bühne, aber die Arbeit, die dahinter steckt, die sieht ja niemand. 

Aber noch mal, sind Sie einfach so: ruhig, souverän, abgeklärt? Sie sind ja gerade erst 19 geworden. 
Wenn du auf dem Platz stehst, musst du dem auch gerecht werden und Verantwortung übernehmen. Jeder muss das. Auch der Balljunge, der am Rande steht, muss seinen Job tun. Wenn du dazu nicht in der Lage bist, dann bist du entweder nicht gemacht für den Job oder noch nicht gemacht dafür. Ich fühle mich bereit für die Aufgabe. 

Und wie war das vorletzten Freitag in Dortmund, vor 80 000 Zuschauern? 
Ich sehe das nicht als Last, das ist für mich zusätzliche Motivation. Die Fans pushen uns, damit wir in den Kampf gehen können. 

Ihre Anfangszeit war nicht so einfach, die USA-Reise verpassten Sie wegen Passproblemen. Sie reisten stattdessen mit der A-Jugend ins Trainingslager nach Passau. 
Mein Pass war abgelaufen, deshalb konnte ich nicht mit in die USA. Ich hatte es vergessen, ihn verlängern zu lassen. Es war ganz klar mein Fehler, da muss ich mich dann auch nicht beschweren. Aber auch von den A-Jugendspielern wurde ich sehr gut aufgenommen. Wie gesagt, ärgerlich, aber mein Fehler. Da fasse ich mir dann auch an die eigene Nase. 

Was sind fußballerisch die größten Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland?
Ich denke, in Frankreich geht es etwas ruhiger zu. Hier wogt das Spiel immer hin und her: Der Gegner erobert den Ball und marschiert sofort nach vorne, ohne groß zu überlegen, schnurstracks geht die Post ab. Deshalb fallen viele Tore, deshalb gibt es keine Langeweile. In Frankreich wird mehr verhalten gespielt und taktiert. Daran musste ich mich erst mal gewöhnen, dazu hat mir das Training ebenfalls geholfen. 

Wie ist der qualitative Unterschied, in der Heimat spielten Sie bei Auxerre in der zweiten Liga. 
Ein Qualitätsunterschied ist vorhanden, keine Frage. Aber man gewöhnt sich daran. Ich habe sehr hart trainiert, mich voll auf die Bundesliga eingelassen, das hilft einem, schneller klarzukommen.

Wie haben Sie den Weltmeistertitel Frankreichs wahrgenommen?
Für jeden Franzosen und für jeden französischen Fußballer war das ein Traum, jeder hat mitgefiebert, das ganze Land. Jeder würde gerne zur Nationalmannschaft stoßen, ausnahmslos jeder. Aber es schafft halt nicht jeder (lächelt).

Sie haben die Juniorennationalteams alle durchlaufen.
Das hat mich auch schon mit großem Stolz erfüllt. Ich hoffe natürlich, irgendwann mal ein Teil der Equipe Tricolore zu sein. Man wird sehen. 

Haben Sie ein Vorbild?
Samuel Umtiti gefällt mir sehr gut, er ist sehr, sehr stark. Ich mag auch die Art, wie Raphael Varane spielt. Oder auch Adil Rami. Zu ihnen schaue ich. Mal in die Nähe dieses Leistungsvermögens zu kommen, das wäre für mich schon mal nicht so schlecht. 

Interview: Ingo Durstewitz und Thomas Kilchenstein

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