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Das Waldstadion vor der Frankfurter Skyline.

Vor dem Spiel gegen Chelsea

Frankfurt: Stadt und Eintracht im Erfolg vereint

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Frankfurt boomt, die Eintracht auch. Wo sind die Grenzen des Wachstums? Die Stadt platzt aus allen Nähten, die Fußballer wollen über sich hinauswachsen. 

In wenigen Tagen wird ein Film auf DVD erscheinen, der für Fans des Fußball-Bundesligisten Eintracht Frankfurt zum cineastischen Pflichtprogramm zählt. „Die Rückkehr des Pokals“, so der Titel, zeichnet den Triumph der Eintracht im DFB-Pokal an jenem 19. Mai 2018 nach, an dem die Frankfurter sensationell 3:1 gegen Bayern München siegten. Besonders oft im Bild sind Stürmer Ante Rebic, der zwei Tore erzielte, Trainer Niko Kovac, der nach dem Spiel ausgerechnet zu den Bayern wechselte – und Peter Feldmann.

Der Frankfurter Oberbürgermeister steht nach der Partie in der Kabine der Eintracht und herzt die Spieler, wie es sonst nur die Bundeskanzlerin nach deutschen WM-Triumphen tut. Er fliegt mit der Mannschaft von Berlin aus nach Hause. Er sitzt bei der Triumphfahrt vom Flughafen zum Römer im vordersten Cabrio, zusammen mit dem Pokal. Der Politiker umgibt sich gerne mit der Eintracht.

Eintracht Frankfurt boomt

Am 29. Mai wird Feldmann womöglich wieder die Eintracht-Kabine besuchen. Zwar hat die Mannschaft am Sonntag in der Bundesliga nach desaströser Leistung 1:6 in Leverkusen verloren. Doch mit einem Sieg heute Abend bei Chelsea in London (alle Infos zum Eintracht-Spiel finden Sie hier im Live-Ticker) stünden die Frankfurter Ende Mai im Finale der Europa League im aserbaidschanischen Baku. Es wäre ein nie für möglich gehaltener Erfolg. Und Feldmann, der als Junge im Waldstadion im berüchtigten G-Block stand, wäre mit Sicherheit dabei.

Die Eintracht boomt. Die Mitgliederzahlen schießen durch die Decke, was auch daran liegt, dass oft der Kauf von Tickets an eine Mitgliedschaft gekoppelt ist. Dauerkarten wird es für Neukunden in der kommenden Saison aller Voraussicht nach nicht geben. Auch Tageskarten waren zuletzt sofort ausverkauft. Seit einigen Wochen ist in den Fanshops sogar das aktuelle Trikot vergriffen,

Eine völlig neue Dimension erreichte der Hype bei den Spielen im Europapokal. Die Nachfrage nach Karten überstieg das Angebot bei weitem. Bei Ebay wechselten Tickets zu Mondpreisen – zwei Stück für 800 Euro – den Besitzer. Mehr als 10.000 Fans wollten zum Spiel in London, doch den Frankfurtern stehen nur 2500 Tickets zur Verfügung.

Nein, dieser Verein hat nichts mehr zu tun mit der Eintracht, die 1992 fast Deutscher Meister geworden wäre – und das Waldstadion beim letzten, womöglich entscheidenden Heimspiel der Saison dennoch nicht komplett füllen konnte. Die Eintracht von heute ist cool und massenkompatibel. Sie nimmt sich nicht nur wichtig, sie ist es auch. Und passt damit zu ihrer Stadt.

Noch vor zehn Jahren fremdelten die beiden miteinander. Im Frankfurter Ostend begann der Neubau der Europäischen Zentralbank, und es war klar, dass die Stadt immens an Bedeutung gewinnen würde. In der City entstanden ständig neue Hochhäuser, der Universitätspräsident verkündete mutig, die Goethe-Universität könne es unter die 50 besten Hochschulen der Welt schaffen, und der Flughafen bekam eine weitere Landebahn, um seine Stellung als mit Abstand wichtigster Airport Deutschlands ausbauen zu können. Die Liebe der Frankfurter zu Superlativen ging so weit, dass T-Shirts mit dem Aufdruck „Hauptstadt des Verbrechens“ verkauft wurden.

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Und dann war da die Eintracht, angeführt von ihrem Vorstandsvorsitzenden Heribert Bruchhagen. Der Fußballfunktionär schaffte es, den lange Jahre als Skandal-Klub verschrienen Verein zu konsolidieren. Aber er formulierte keine hohen Ziele, sondern quälte die zu Träumereien neigende Fanszene mit dem Satz: „Die Bundesliga ist zementiert.“ Übersetzt hieß das: Leute, hört auf zu spinnen, mehr als Mittelmaß ist für uns nicht drin.

Das wollte in Frankfurt aber niemand hören. Die Stadt feierte ihre Oper und legte fulminante Pläne für den Wiederaufbau der Altstadt vor. Um die Eintracht kümmerte sich die Stadtgesellschaft kaum.

Als Fredi Bobic auf Bruchhagen folgte, wirkte Thomas Feda erleichtert. Feda ist Chef der städtischen Tourismus GmbH, die weltweit für Frankfurt wirbt. Feda schnappte sich Bobic und zeigte ihm auf einem dreistündigen Spaziergang die Stadt. Hinterher war er begeistert. „Der will den Verein umkrempeln, der will die Eintracht an die Spitze führen“, rief Feda. Der Manager witterte neue Vermarktungschancen und bekam sie.

Warten auf die Sieger: Vor Jahresfrist haben Zehntausende die Mannschaft der Frankfurter Eintracht nach dem Gewinn des DFB-Pokals empfangen.

So entwickeln sie sich jetzt also im Gleichklang, Frankfurt und die Eintracht. Die Stadt könnte in den kommenden Jahren die Marke von 800.000 Einwohnern knacken. Sie belegt regelmäßig in Städterankings vordere Plätze. Derweil könnte die Eintracht tatsächlich den Europapokal gewinnen oder in der Fußball-Bundesliga auf einem Platz landen, der für die Teilnahme an der Gelddruckmaschine Champions League berechtigt. Zumindest kann der Verein seinen Top-Stürmer Luka Jovic verkaufen, für 60, 70 Millionen Euro. Neue Zeiten in Frankfurt, neue Zeiten bei der Eintracht.

Doch wo endet das alles? Längst sind es in Frankfurt nicht nur die Linken im Römer, die das ständige Wachstum kritisch sehen. Die fünftgrößte deutsche Stadt wird für viele Menschen zu teuer. Die Mieten steigen in einem solchen Tempo, dass Oberbürgermeister Feldmann unlängst im Interview mit der FR forderte, die Notbremse zu ziehen und die für die städtische Wohnungsbaugesellschaft beschlossene Mietendeckelung auf private Vermieter zu erweitern. Damit würde die Stadt massiv in die Rechte von Hauseigentümern eingreifen. Aber was bleibt ihr übrig?

Eintracht Frankfurt und die Event-Fans

Immer mehr Menschen ziehen ins Umland, weil sie sich die Stadt nicht mehr leisten können. Dazu kommen massive Probleme mit der Infrastruktur. So müsste die Stadt etwa eine neue Europäische Schule bauen, weil die alte viel zu klein geworden ist. Sie findet nur kein Bauland.

Nachdem die Briten vor drei Jahren für den Austritt aus der EU gestimmt hatten, gingen Frankfurter Politiker auf Werbetour. Unternehmen, die einen Sitz auf dem Kontinent brauchen, sollten sich in Frankfurt, und nicht etwa in Paris, ansiedeln. Doch die Rufe nach den Brexit-Bankern sind leiser geworden. Alle wissen: Die Neuankömmlinge mit den hohen Gehältern würden weitere Frankfurter Mittelstandsfamilien aus der Stadt vertreiben.

Und die Eintracht? Zwar genießen die Fans den unerwarteten Erfolg. Doch wer Anhänger fragt, die schon vor Jahrzehnten ins Stadion gingen, hört auch andere Stimmen. Manch einer wünscht sich nur für ein Spiel zurück in die Zeit, als die Mannschaft vor weniger als 20 000 Zuschauern gegen Erzgebirge Aue kickte. Als alles viel unaufgeregter war, als die Frage, welche Choreografie in der Fankurve beim nächsten Europapokal-Spiel geplant ist, noch nicht Stadtgespräch war. Als nur die Leute zur Eintracht gingen, die sich wirklich für Fußball begeistern. Als es noch keine Event-Fans gab, wie sie bei Bayern München zu Zehntausenden im Stadion sitzen.

Die besonders treuen Anhänger, die zu jedem, aber auch wirklich jedem Spiel reisen, haben jedenfalls sehr wohl registriert, dass fast 20 000 Frankfurter mit ins schicke Mailand gereist waren, wo die Eintracht gegen den Weltklub Inter spielte. Eine Runde zuvor, als die Eintracht im bitterkalten Charkiw in der Ukraine gegen Donezk antrat, begleiteten „nur“ 3000 Anhänger die Mannschaft. Wer also ist ein echter Fan? Wer kehrt der Eintracht wieder den Rücken, wenn es nicht mehr so gut läuft? Auch um diese Fragen geht es derzeit in Frankfurt.

Heute Abend gegen 23 Uhr könnten solche Diskussionen zumindest vorübergehend in den Hintergrund treten. Sollte die Eintracht tatsächlich den Finaleinzug geschafft haben, stünde für die Fans mit dem Abpfiff die Frage im Mittelpunkt, wie sie es eigentlich alle ins weit entfernte Baku schaffen sollen.

Und im Römer würde man damit beginnen, für das Wochenende nach dem Endspiel den Empfang für Frankfurter Fußballer vorzubereiten.

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