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An Schnee gewohnter Brasilianer: Donezk-Stürmer Taison (rechts), hier im Champions-League-Spiel gegen Lyon-Profi Kenny Tete.

Schachtjor Donezk

Heißblütige Kaltstarter

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Schachtjor Donezk hat sein letztes Pflichtspiel am 12. Dezember absolviert, die neun Brasilianer im Team kennen diese Situation aber bestens.

Im Winter ähnelt sich alle drei, vier Wochen die Szenerie, dann posieren durchtrainierte Männer in verschneiten Landschaften. Die Oberkörper in dicke Jacken eingemummelt, die Häupter von Mützen bedeckt, die Beine in zerrissene Jeans gezwängt, die Füße mit funkelnden Bling-Bling-Schuhen besohlt. Dazu, passendes Zahnpastalächeln. Cheese, Foto im Kasten, der nächste Gruß an die Internet-Gemeinde ist perfekt und wird auf Instagram mit folgenden Worten versehen: „Ganz schön kalt hier!“

Nun sind die regelmäßig veröffentlichten Schnappschüsse keine von gut bezahlten Models, nein, es sind welche von noch besser bezahlten Fußballprofis – von Südamerikanern in Osteuropa, von Brasilianern in der Ukraine. Taison und Marlos, es sind die beiden Stars von Schachtjor Donezk, dem heutigen Gegner (21 Uhr/RTL Nitro) von Eintracht Frankfurt in der Europa League.

Taison, 31 Jahre alt und seit Januar 2013 bei Schachtjor, greift über die linke Seite an. Kollege Marlos, 30 Jahre alt, seit Juli 2014 in Donezk, ist sein Pendant auf dem rechten Flügel. Die beiden etwas in die Jahre gekommen Offensivakteure gelten als gefährlichste Spieler ihrer Mannschaft. Sie sind nicht gerade hoch aufgeschossen, gerade mal knapp 1,70 Meter, was sich im Dribbling durchaus als Vorteil erweist. Schnelle Haken, Finten, technische Finessen - auf den offensiven Außenbahnen wird bei Schachtjor das Spiel gemacht.

Während Taison achtfacher brasilianischer Nationalspieler ist, blieb Marlos diese Ehre verwehrt - er entschied sich stattdessen vor einigen Jahren die ukrainische Staatsbürgerschaft anzunehmen. 2017 gab er sein Debüt für die Nationalmannschaft der Osteuropäer.

„Brauchen eine Strategie“

Schachtjor Donezk ist dafür bekannt, auf die Dienste der heißblütigen Sambakicker zu bauen - aktuell stehen neben Taison und Marlos noch sieben weitere Brasilianer im Europa-League-Kader. Angeleitet wird die fußballerisch begabte Truppe, der ab und an jedoch die Muße zur Rückwärtsbewegung fehlt, vom portugiesischen Trainer Paolo Fonseca. Der 45-Jährige, geboren in Mosambik, aufgewachsen in der Nähe von Lissabon, machte sich vor allem als Coach kleiner Teams einen Namen: 2013 führte er den FC Pacos de Ferreira auf Platz drei der portugiesischen Liga, 2016 gewann er mit dem FC Braga den Pokal. Ein zwischenzeitliches Engagement beim großen FC Porto war dagegen nicht von Erfolg gekrönt.

Dreieinhalb Jahren ist Fonseca nun schon für Schachtjor zuständig, er gewann seitdem immer die heimische Meisterschaft sowie den Pokal. Und das mit einem ziemlich ansehnlichen Spielstil. Fonseca-Mannschaften, also auch Donezk, lieben den Ballbesitz. „Mir imponieren seit jeher Teams, die mit Passspiel dominieren. So will ich spielen“, sagt Fonseca, der sein Team im 4-2-3-1-System spielen lässt: „Ich habe mich noch nie aufs Konterspiel beschränkt. Das ist mir zu eindimensional. Gewinnen allein reicht mir nicht. Es soll auch ein Spektakel sein.“

In der Gruppenphase der Champions League ging dieses Ansinnen schief, Schachtjor schaffte es hinter Manchester City und Olympique Lyon, aber immerhin vor der TSG Hoffenheim, auf den dritten Rang und musste den Gang in die Europa League hinnehmen. Kein Beinbruch, holte Donezk den bisher einzigen internationalen Titel 2009 doch im Uefa-Cup, dem Vorgängerwettbewerb. Allerdings: Ihr letztes Pflichtspiel absolvierten die Ukrainer am 12. Dezember in der Champions League gegen Lyon (1:1), seitdem pausiert die heimische Liga, die Schachtjor mit sieben Zählern vor Dynamo Kiew anführt. „Solch ein Spiel in der Europa League ist nach einer Pause alles andere als optimal. Davor können wir nicht die Augen verschließen. Aber wir haben keine andere Wahl, kennen diese Situation aus den vergangenen Jahren und werden das nicht als Ausrede nutzen“, sagt Fonseca.

Dennoch ist der Kaltstart ein Nachteil. Zwar absolvierten die Ukrainer weite Teile ihrer am 16. Januar wieder aufgenommenen Vorbereitung nicht in der Ukraine, aber auch im türkischen Belek war das Wetter schlecht. Es regnete und regnete und regnete. „Ärgerlich“, so Fonseca. Zumal er die Eintracht schätzt: „Wir brauchen eine Strategie. Wir haben einen der stärksten Gegner im Sechzehntelfinale, der alle Spiele in der Europa League gewonnen hat - und das gegen Teams wie Marseille und Lazio Rom. Wir müssen unser ganzen Potenzial ausschöpfen.“ Insbesondere jenes der fotoknipsenden Flügelzange Taison und Marlos.

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