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Der Schnauzbart ist ab, das Grübleriche ist gewichen.

Eintracht-Promitipp

Filou mit viel Gefühl

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Der ehemalige HSV- und Eintracht-Profi Heinz Gründel drückt den Hanseaten die Daumen und betreibt ein Pfandhaus.

Heinz Gründel kann nicht aus seiner Haut. Und will es auch nicht. Wenn die Rede auf dem Hamburger SV kommt, fällt Heinz Gründel sofort ins „wir“. Er sagt dann: „Ich hoffe, dass wir da punkten“, und meint die Partie heute Nachmittag in Frankfurt. Er sagt auch, „schon seit ein paar Jahren passt das bei uns nicht mehr richtig zusammen.“ Oder: „Den letzten Titel haben wir 1987 geholt.“ Da spielte er noch beim HSV. Heinz Gründel tut der schleichende Niedergang des großen Nord-Klubs weh, denn: „Ich bin nach wie vor HSVer.“

Dabei spielte er lediglich drei Jahre beim HSV, von 1985 bis 1988, aber Heinz Gründel, der gebürtige Berliner, mittlerweile auch schon 58 Jahre alt, lebt seit vielen, vielen Jahre in Hamburg. Er betreibt zwar nicht mehr „Sam’s Bar“, vor mehr als zehn Jahren hat er die Kneipe abgegeben, um „mehr Zeit für meinen Sohn zu haben“, sagt er. Zudem zerre das Nachtleben an einem, auch an einem Heinz Gründel, der auch „gerne und oft mitgefeiert hat“, wie er selbst sagt. Er war auch über 15 Jahre Trainer in der Fußballschule von Rudi Völler auf Mallorca. Im Moment führt Gründel ein Pfandhaus, gegen ein Pfand verleiht er Geld. „Wir haben gut zu tun“ , sagt er.

Ein feiner Techniker

Die viele Arbeit ist aber nicht der Grund, warum er mittlerweile selten zum HSV ins Stadion geht. „Ach wissen Sie“, sagt er am Telefon, „ich schaue gerne guten Fußball. Aber den bekommt man bei uns nicht mehr zu sehen.“ Die Kaderzusammenstellung stimme nicht, dazu habe der Klub in den letzten Jahren so viele Trainer verschlissen, die ganze Entwicklung des Klubs gefalle ihm nicht. „Diese Mannschaft braucht keinen Trainer, sie braucht einen Zauberer.“

Heinz Gründel, ein schlitzohriger Spieler und ein ganz feiner Techniker, hat seine Zeit bei Eintracht Frankfurt in vollen Zügen genossen. „Das war eine tolle Zeit“, erinnert er sich. Er kam 1988 vom HSV zur Eintracht, und das erste Jahr war ziemlich chaotisch. Es war das Jahr nach dem Verkauf von Lajos Detari in einer Nacht- und Nebelaktion nach Griechenland kurz vor dem Saisonstart, es war die Zeit, da der Trainer Karl-Heinz Feldkamp hieß und bald darauf hinwarf. Jörg Berger kam und schaffte es, die Eintracht mittels zweier Relegationsspiele gegen den 1. FC Saarbrücken in der Bundesliga zu halten. Nach der Hinrunde, nach den ersten 17 Spielen, hatte die Eintracht seinerzeit ganze acht Tore erzielt (bei 11:23 Punkten). Danach aber ging es steil bergauf: Erst kamen Ralf Falkenmayer und Uwe Bein, im darauf folgenden Jahr Tony Yeboah und Andreas Möller, die Eintracht spielte plötzlich um die Deutsche Meisterschaft mit, Heinz Gründel, der Mann mit dem Schnauzbart, immer mittendrin. Er passte mit einer Art genau hinein in dieses Team der außergewöhnlichen Fußballer, auch er hatte mehr Gefühl im Zeh als mancher im ganzen Fuß.

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Gründel war einer, der über den rechten Flügel kam, sich mit Rudi Bommer und Andreas Möller im Spiel bestens verstand.   Uli Stein war noch dabei, Stefan Studer aus Hamburg, Charly Körbel sowieso, Manfred Binz, Dietmar Roth. „Eine tolle Truppe, auch außerhalb des Platzes. Wir sind oft feiern gegangen“, erinnert er sich. Vieles war zu seiner Zeit unkomplizierter, „die Typen von damals, die gibt es heute nicht mehr“: Einmal, im Trainingslager in Seefeld, da war schon Dragoslav Stepanovic Trainer der Hessen, hat sich spätabends ein Hotelgast an der Rezeption über einen zu laut aufgedrehten Fernseher im Nachbarzimmer beschwert. Es war das Zimmer von Gründel, der aber gar nicht da war, sondern ein paar Räume weiter unter anderem mit Uli Stein Karten spielte. Stepanovic war sauer, wollte Gründel am anderen Morgen nach Hause schicken. Aber Mannschaftskapitän Uli Stein setzte sich für Gründel ein, der bleiben durfte. „Ja, der Stepi“, erinnert sich Gründel heute, manchen Strauß haben beide miteinander ausgefochten. „Ich war damals halt ein älterer Spieler, hatte einige Erfahrung, und da habe ich mir nicht alles sagen lassen von einem, der gerade in der Bundesliga angefangen hat.“

Heinz Gründel, so viel steht fest, war kein einfacher Spieler, er hatte seinen eigenen Kopf, er war unbequem, liebte das Leben. Aber so war diese Mannschaft 1992, viele Individualisten, Querdenker, schwer nur zu bändigen. Das berühmte Spiel gegen Hansa Rostock 1992, als die Eintracht die Meisterschaft verspielte, hat Heinz Gründel, der vier Mal in der DFB-Auswahl spielte, nicht mitgemacht. Nicht, weil er mit Stepi über kreuz lag, sondern weil er sich im Spiel davon, gegen Werder Bremen (2:2), den Jochbeinbogen gebrochen hatte. Zur Pause musste er raus, da führte die Eintracht noch mit 1:0. „Da hätten wir alles klar machen müssen. Die Bremer waren doch noch volltrunken nach ihre Sieg ein paar Tage zuvor im Europapokal.“ Vorbei. Den Titel gewinnt Gründel nicht mehr.

Danach ließ der begeisterter Motorradfahrer seine Laufbahn ausklingen. 16 Jahre währte seine Karriere, die bei Hertha BSC 1976 begann. In der Bundesliga konnte er sich anfangs nicht durchsetzen, als wechselte nach Belgien, zunächst zu Thor Waterschei (bei Genk), wo er eigentlich nach drei Wochen wieder abhauen wollte. „Das war ein Dorf mit lauter Reihenhäusern. Und ich kam aus Berlin“, erzählte er. Er ist dann geblieben, wechselte zu Standard Lüttich und bestritt in Belgien mehr als 200 Spiele. 1985 kehrte er in die Bundesliga zurück, zum HSV. Er machte 161 Spiel, schoss 24 Tore.

Heute spielt er kaum noch Fußball, ein paar Minuten beim Tag der Legenden, ansonsten greift er lieber zum Schlager. Golf und Tennis sind seine bevorzugten Hobbies. „Ich mache viel Sport“, sagt er, fit sei er. Das sei das wichtigste. Der Schicksalsschlag seines ehemaligen Mannschaftskollegen Dietmar Roth hat ihn tief berührt. „Das war immer ein Baum von einem Kerl.“ Ein Auge auf die Eintracht hat Heinz Gründel allemal. „Ich finde es toll, was sie da unten machen.“ Nur heute vielleicht nicht, wenn „wir in Frankfurt spielen“.

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