Eintracht Frankfurt

Oberste Schublade: Kostic kam als Abstiegsgeist, doch Hütter machte ihn zum Star-Spieler

  • Nico Scheck
    vonNico Scheck
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Als Filip Kostic im Sommer 2018 zu Eintracht Frankfurt wechselt, gilt er als Abstiegsgeist, als Egoist. Bei der SGE trifft er auf Adi Hütter - und alles verändert sich.

  • Seit 2018 schnürt Filip Kostic für Eintracht Frankfurt die Fußballschuhe
  • Verschrien als schwieriger Charakter haucht Adi Hütter Kostic Leben ein
  • Kostic steigt innerhalb von zwei Jahren zu einem der besten Akteure in der Bundesliga auf

Frankfurt - Rein statistisch gesehen ist es nahezu ein Wunder, dass Eintracht Frankfurt nach der Saison 2019/20 nicht absteigen wird. In Zeiten der Geisterspiele wandelt ein Abstiegsgeist mitten unter den Frankfurtern. Das heißt, er war mal ein Abstiegsgeist. Mittlerweile ist er Leistungsträger, Top-Scorer, Publikumsliebling. Filip Kostic hat bei der Eintracht seit seiner Ankunft im Sommer 2018 eine 180-Grad-Wende hingelegt. 

Damals verschrien als Egoist, gefürchtet als Abstiegsgeist, hat sich Kostic zu Frankfurts wichtigstem Spieler gemausert. Doch der Reihe nach. 

Filip Kostic marschiert durch - und bis in die Eredivisie

Kostic, geboren in Kragujevac, der viertgrößten Stadt Serbiens, tänzelt zunächst beim FK Radnicki über den Rasen. Erst in der Jugend, später, ab dem Sommer 2010, für die erste Mannschaft. Innerhalb dieser zwei Jahre erlebt der Flügelflitzer den Durchmarsch von Radnicki von der dritten Liga bis in die Super Liga, der serbischen Beletage, mit. 

Kostics Entwicklung wird über die serbischen Grenzen hinaus wahrgenommen. Im Sommer 2012 holt der FC Groningen den damals 19-jährigen Außenbahnspieler in die niederländische Eredivisie. Die Ablöse: 1,25 Millionen Euro. Das Talent: Nicht zu übersehen. 

Fredi Bobic entdeckt Kostic - und holt ihn in die Bundesliga

In seiner ersten Saison kommt Kostic hauptsächlich in der Reserve von Groningen zum Einsatz. Dort weiß er derart zu überzeugen, dass er im Folgejahr in 33 von 34 Ligaspielen in der Startelf steht. Groningen spielt eine gute Saison, landet am Ende auf Rang sieben. Kostic gelingen als linker Flügelstürmer zwölf Tore und acht Assists. 

Filip Kostic (r.) sammelt seine ersten internationalen Erfahrungen zunächst beim FC Groningen.

Am Ende der Saison 2013/14 ist klar: Kostic ist der Eredivisie entwachsen. In Deutschland, beimVfB Stuttgart, hätte man nur zu gerne des Serben Angriffslust in seinen Reihen. Er soll Ibrahima Traoré ersetzen, den es zu Borussia Mönchengladbach gezogen hat. Und so verpflichten die Schwaben unter Regie von Sportvorstand Fredi Bobic Kostic für sechs Millionen Euro Ablöse

Kostic beim VfB Stuttgart: Schwerer Start in schwerer Umgebung

Kostic wird mit großen Hoffnungen in Stuttgart erwartet, Bobic schwärmt schon vor seiner Ankunft: „Er ist ein junger, technisch versierter und vor allem torgefährlicher Spieler mit sehr guten Entwicklungsmöglichkeiten.“ Die Realität sieht jedoch anders aus. Das serbische Laufwunder kommt nur schwer in Gang, auch für Stuttgart selbst läuft es nicht gut. 

Erst kurz vor Weihnachten gelingt Kostic beim 1:1 gegen den FSV Mainz 05 sein erster Pflichtspieltreffer. Zu diesem Zeitpunkt grüßt der VfB längst vom Tabellenende. Die zweite Saisonhälfte wird nicht viel besser, weder für Kostic noch für die Stuttgarter. Während der Neuzugang am Ende bei drei Treffern und sechs Assists steht, rettet sich der VfB dank eines Schlussspurts gerade so vor dem Abstieg. 

Seuchensaison auf Seuchensaison: Kostic zieht es zum HSV

Die Folgesaison wird nicht besser. In Stuttgart fehlt das Geld, um auf dem Transfermarkt große Sprünge zu machen. Und so wird die Spielzeit 2015/16 zur nächsten Seuchensaison - dieses Mal ohne Happy End. Kostics Bilanz (fünf Tore, acht Assists) liest sich passabel, mehr nicht. Stuttgart steigt ab, der Hamburger SV schlägt zu. 

Mit 14 Millionen Euro Ablöse macht der HSV Kostic am 25. Juli 2016 zum teuersten Neuzugang der Klub-Geschichte. Bei den Norddeutschen avanciert Kostic umgehend zum Stammspieler, zeigt sein Tempo, sein Dribbling, seinen Spielwitz. 

Beim Hamburger SV durchlebt Filip Kostic eine schwere Zeit - samt Abstieg.

Das Manko bleibt allerdings die Effektivität. Wieder steckt Kostic mit einem Klub im Abstiegskampf, wieder gelingt die Rettung kurz vor knapp - dank eines 2:1 am letzten Spieltag gegen den VfL Wolfsburg. Kostic erzielt das erste Tor selbst, das zweite durch Luca Waldschmidt bereitet er vor. 

Wieder Bobic: Eintracht Frankfurt angelt sich Kostic

In der Saison 2017/18 wiederholt sich Kostics Stuttgart-Geschichte, nur eben diesmal in Hamburg. Der HSV hat kein Geld für echte Verstärkungen, spielt die nächste Katastrophen-Saison und steigt ab. Kostic selbst glänzt zu selten, trifft nur fünfmal. Immerhin: Der Linksfuß wird in den serbischen Kader für die WM 2018 in Russland berufen. Kostic kommt in allen drei Gruppenspielen zum Einsatz, doch danach ist Schluss für Serbien. 

Auf Vereinsebene stellt sich die Frage, wohin mit dem 14-Millionen-Euro-Zugang. Der HSV ist auf Geld angewiesen, das Vertrauen in Kostic auf ein Minimum gesunken. Weil jedoch kein Verein eine ähnliche Summe bezahlen möchte, sieht Bobic, mittlerweile Sport-Vorstand bei Eintracht Frankfurt seine Chance. Die Hessen leihen Kostic für zwei Jahre aus, Kaufoption inklusive. 

Adi Hütter haucht Kostic bei Eintracht Frankfurt neues Leben ein

Der Ruf des talentierten, aber auch egoistischen Abstiegsgeists folgt Kostic bis nach Frankfurt. Heribert Bruchhagen spricht von „Pappnase Kostic“, Eintracht-Coach Adi Hütter wird später erzählen: „Er ist nicht mit großen Vorschusslorbeeren zu uns gekommen. Er war in der untersten Schublade, das muss man klar sagen.“ 

Doch Hütter interessiert das alles nicht. „So wie ich ihn kennengelernt habe, ist er oberste Schublade! Er ist menschlich top, unglaublich bescheiden. Nicht nur ein sehr, sehr guter Spieler, sondern auch ein Topmensch mit Topcharakter“, betont er. Hütter zieht Kostic eine Position zurück, was sich als Glücksfall herausstellen soll. 

Des Hütters Kniff: Wie Kostic plötzlich aufblüht

Hütter lässt seine Eintracht in der ersten Saison die meiste Zeit mit einer Dreierkette hinten spielen, Kostic und sein Pendant auf der rechten Seite Danny da Costa flitzen die Seitenlinien rauf und runter. Der taktische Kniff Hütters, Kostic defensiver spielen zu lassen, eröffnen diesem mehr Möglichkeiten. Kostic hat nach vorne mehr Räume, kann sein ganzes Tempo ausspielen und ist besser ins Spiel eingebunden.

Das Traumduo bei Eintracht Frankfurt: Filip Kostic und Adi Hütter.

Die Folge: Die Effizienz steigt enorm. Kostic netzt zehnmal, bereitet 13 weitere Treffer vor und wird neben der Büffelherde (Ante Rebic, Sebastién Haller, Luka Jovic) zur Entdeckung der Saison. „Alle haben damals gesagt, der kann nicht defensiv spielen, der ist Offensivspieler. Aber der Trainer und die Mannschaft haben an mich geglaubt. Und ich habe gezeigt, dass ich es kann“, berichtet Kostic später gegenüber „FR“ stolz und sein Trainer legt nach: „Ich habe von den ersten Tagen an einen Kostic kennengelernt, wo ich gesagt habe: ‚Wie kann der in so einer Schublade stecken? Das gibt es doch gar nicht.‘“ 

Kostic dreht auf: In Frankfurt lacht man, in Hamburg nicht

Wenig verwunderlich also, dass die Eintracht im Mai 2019 die Kaufoption für den entfesselten Kostic zieht. Sechs Millionen Euro überweisen die Frankfurter gen Hamburg, wo man die Entwicklung des einstigen Rekord-Zugangs mit Zähneknirschen verfolgt hat. Ralf Becker, zu diesem Zeitpunkt HSV-Sportvorstand, spricht Anfang 2019 gegenüber der „Hamburger Morgenpost“ von einem „Lehrbeispiel“. 

In Frankfurt steigt Kostic in seinem zweiten Jahr zum absoluten Fixpunkt auf. Die Büffelherde hat die Mainmetropole verlassen, die Last ruht umso mehr auf den Schultern des serbischen Laufwunders. Gemeinsam mit Leistungsträgern wie Kevin Trapp, Martin Hinteregger oder auch Neuzugang André Silva soll er die Eintracht erneut in die Europa League führen - was nicht gelingt. 

Kostics Transfer-Historie (Daten via transfermarkt.de): 

Saison

Datum

Abgebender Verein

Aufnehmender Verein

Marktwert

Ablöse

19/20

01.07.2019

Hamburger SV

Eintracht Frankfurt

22,00 Mio. Euro

6,00 Mio. Euro

18/19

30.06.2019

Eintracht Frankfurt

Hamburger SV

22,00 Mio. Euro

Leih-Ende

18/19

20.08.2018

Hamburger SV

Eintracht Frankfurt

6,00 Mio. Euro

Leihgebühr: 600 Tsd. Euro

16/17

25.07.2016

VfB Stuttgart

Hamburger SV

10,00 Mio. Euro

14,00 Mio. Euro

14/15

09.08.2014

FC Groningen

VfB Stuttgart

2,50 Mio. Euro

6,00 Mio. Euro

12/13

01.07.2012

FK Radnicki

FC Groningen

1,25 Mio. Euro

1,25 Mio. Euro

10/11

01.07.2010

FK Radnicki U19

FK Radnicki

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Bleibt Kostic bei Eintracht Frankfurt?

Dennoch kann sich Kostic im Vergleich zum Vorjahr nochmal steigern. Zwölf Treffer und 18 Vorlagen in 50 Partien sprechen eine eindeutige Sprache. Der Abstiegsgeist ist abgelegt, die unterste Schublade längst verlassen. Spielt Kostic gut, geht es Eintracht gut. Nur ein Ligaspiel, bei dem Kostic an mindestens einem Treffer direkt beteiligt ist, geht in der Spielzeit 2019/20 verloren (2:4 gegen den 1. FC Köln, Kostic trifft zweimal). 

Doch Erfolg macht bekanntlich sexy. Die Anfragen für Kostic sind im Jahr 2020 definitiv vorhanden, die Corona-Krise dürfte einen Wechsel des Serben jedoch verhindern. Selbst die Top-Klubs müssen jeden Cent umdrehen und nur ein solcher könnte Kostic zu einem Wechsel bewegen. 

Nun ist es ja so, dass Kostic auf dem Papier noch bis Juni 2023 an die Eintracht gebunden ist. In Frankfurt hätte man sicherlich nichts dagegen, wenn dies auch auf dem Rasen der Fall wäre.

Rubriklistenbild: © Swen Pförtner/picture alliance/dpa

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