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Hat immer ein Ohr für jugendliche Fußballer: Professor Michael Gutmann.
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Hat immer ein Ohr für jugendliche Fußballer: Professor Michael Gutmann.

Eintracht-Psychologe

Feuerwehrmann für die Seele

Der Psychologe Michael Gutmann hat immer ein offenes Ohr für die Eintracht-Jugend. Sich selbst bezeichnet der früher leidenschaftliche Basketballer als „Dienstleister“.

Von Manuel Schubert

Der Suizid des damaligen Nationaltorwarts Robert Enke am 10 November 2009 war ein Weckruf für die Vereine. Davon, dass Enke an Depressionen litt, dass er keinen anderen Ausweg mehr sah, als seinem Leben auf den Gleisen bei Eilvese ein Ende zu setzen, hatte in der Öffentlichkeit keiner etwas geahnt. Waren der gigantische Druck im schnelllebigen Profigeschäft, die massive Öffentlichkeit und die mitunter barsche Kritik am Ende der Grund für Enkes Entscheidung gewesen? Diese Frage konnte nie zureichend geklärt werden, aber Fakt ist, dass die Klubs seit dem Jahr 2009 die Themen Depression und Burnout deutlich ernster nehmen.

Zur Zertifizierung der Nachwuchsleistungszentren wird neuerdings gar ein hauseigener Sportpsychologe verlangt, der von U11 bis U19 den jungen Kickern zur Seite steht. Auch am Riederwald konnten sie so jemanden gut gebrauchen. Die Anforderungen an den Nachwuchs werden immer größer. Deswegen hat sich die Eintracht Michael Gutmann ins Haus geholt, seit vergangenem Sommer ist er am Riederwald der Mann, der immer ein offenes Ohr für die Sorgen und Probleme der Jugendlichen hat.

Über die Leichtathletik zur Eintracht

Gutmann, Jahrgang 1958, ist ein umgänglicher Zeitgenosse. Als er das Restaurant im Leistungszentrum, betritt, wird er von vielen herzlich begrüßt. Der Wirt kennt ihn, ebenso die beiden Spieler aus der U17. Gutmann will ungestört sein, er möchte abseits der lauten Stimmen seine Geschichte erzählen. Der Mann mit dem markanten, grauen Schnurrbart spricht ruhig. Man kann sich gut vorstellen, welch beruhigende Wirkung seine Stimme auf aufgewühlte Jugendliche hat.

Alle paar Minuten flitzt am Fenster eine Horde 100-Meter-Sprinter vorbei. Wie passend, denn über die Leichtathletik kam Gutmann zur Eintracht. Sein Sohn war erfolgreiches Mitglied der Hochsprung-Abteilung – und er der Trainer. Als der Filius wegen eines Knorpelschadens den Leistungssport an den Nagel hängen musste, wollten die Gutmanns schon aus dem Verein austreten. Doch Vater Michael hatte eine Idee: In einer Zeitschrift hatte er gelesen, der Eintracht fehle ein Psychologe. Also schlug er sich per Email selbst vor – und wurde eingestellt.

Eines ist Gutmann wichtig: „Ich bin Psychologe, kein Psychotherapeut.“ Wird das psychische Problem zur Erkrankung, ist das ein Fall für die klinische Behandlung. Am Riederwald ist Gutmann ein solcher Fall noch nicht untergekommen. Er wertet das als Erfolg, denn der Wunsch der Eintracht sei es, „das Leistungszentrum so zu gestalten, dass so was im Vorfeld entdeckt wird“. Die kleinen Brandherde löschen – das ist Michael Gutmanns Job.

Es ist nicht so, dass die Nachwuchskicker bei ihm Schlange stünden. Vielmehr beobachtet Gutmann die Einheiten der einzelnen Teams, fährt mit ins Trainingslager, tauscht sich viel mit den Trainern aus. Manchmal sind es auch die Übungsleiter selbst, die ein paar ermutigende Worte brauchen. „Sie stehen auch sehr unter Druck“, sagt Gutmann.

Einfach nur Fußball spielen

Wenn sich ein Spieler an den Psychologen vom Riederwald wendet, dann sind bei ihm meist viele Dinge zusammengekommen. Eine schwere Verletzung etwa, die ihn aus der Bahn wirft. Oder Probleme in der Familie, wenn sich beispielsweise die Eltern trennen. Auch kann es daran liegen, dass die Familie 100 Kilometer entfernt wohnt, man nicht die Rolle im Team hat, die man sich wünscht, oder Fußball und Schule nicht unter einen Hut kriegt. Das Gesamtpaket, das auf die Spieler zukomme, werde immer größer, sagt Gutmann. „Manche können besser damit umgehen, andere schlechter.“ Manchmal, seufzt der in Oberhausen geborene Gutmann, wäre es gut, wenn sie einfach nur Fußball spielen könnten.

Sich selbst bezeichnet der früher leidenschaftliche Basketballer als „Dienstleister“. Der Perspektiven aufzeigt, der hilft, die Perspektive zu wechseln. Wie kann ich das ändern, was zu ändern ist – und wie gehe ich mit den Dingen um, die ich nicht ändern kann. Das sind zwei zentrale Fragen bei Gutmanns Arbeit mit den Spielern. Er ist ein externer Ansprechpartner, er steht nicht in der Mannschaftshierarchie über den Spielern, er will ihnen auf Augenhöhe begegnen. Um Vertrauen aufzubauen, gilt bei ihm absolute Schweigepflicht.

Obwohl er sich bereits einen Namen gemacht hat, betreibt Gutmann den Job des Sportpsychologen noch gar nicht allzu lange. Während und nach dem Psychologiestudium in Bielefeld war er selbst erfolgreicher Hochspringer, 1975 wurde er deutsche Jugendhallenmeister.

Sport kann helfen

Nach der Zeit als Leistungssportler gründete Gutmann eine Firma, die in der Pharmaindustrie tätig ist. Als sein Sohn jedoch voll in die Leichtathletik einstieg, traf Gutmann alte Weggefährten wieder und das Kribbeln in den Finger kam zurück. Er ging auf diverse Fortbildungen und wurde 2010 zum leitenden Psychologen des Deutschen Leichtathletik Verbandes ernannt, den er seitdem zu Welt- und Europameisterschaften begleitet. 2012, bei den Olympischen Spielen in London, berief Gutmann als einen von acht Sportpsychologen für das deutsche Aufgebot. Mit Athleten aus allen Sportarten. „Ein absolutes Highlight“, erzählt er. Gutmann hat außerdem eine Professur für Gesundheits- und Sportpsychologie an der Privaten Hochschule Göttingen.

Ein erfahrener Mann also, den sich die Eintracht da ins Boot geholt hat. Einen Fall, wie den von Robert Enke damals, wollen sie am Riederwald nicht erleben. Dass der große Druck im Sport allein zum tragischen Tod des deutschen Nationaltorhüters geführt hat, glaubt Gutmann unterdessen nicht. „Ich sehe es nicht so, dass der Sport Auslöser für persönliche Erkrankungen ist“, sagt er. „Der Sport schafft es, dass solche Dinge ausbrechen – aber der Sport kann auch helfen, damit umzugehen.“

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