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Zündeln nach der Niederlage: Die mutigen Eintracht-Profis Marco Russ und Marc Stendera beruhigen aufgebrachte Eintracht-Fans.

Hessenderby

Feuer unterm Dach

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  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
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Die Eintracht präsentiert sich im Hessenderby gegen Darmstadt 98 völlig überfordert und verliert mit 0:1. Nach dem Spiel muss die Polizei einschreiten.

Zum schlechten Schluss marschierte auch noch ein stattliches Polizeiaufgebot im Frankfurter Stadion auf und bildete eine Menschenkette auf Höhe der Mittellinie. Nach der 0:1-Niederlage der Eintracht im brisanten Derby gegen Darmstadt 98 war der Einsatz der Beamten offenbar nötig geworden, weil zwei, drei Eintracht-Fans auf den Rasen gelaufen waren und sich, recht zaghaft allerdings, in Richtung des Darmstädter Fanblocks aufgemacht hatten. Vorher waren freilich schon Darmstädter Banner und Fahnen in Flammen aufgegangen, die Stimmung kochte und brodelte, sie war aufgeheizt und feindselig. Des Volkes Zron richtete sich gegen die eigene Mannschaft. Die Ordnungskräfte entschieden sich dazu, die Tore in der Frankfurter Fankurve zu öffnen, sodass die Anhänger in den Innenraum gelangen konnten.

Dort lieferten sie sich hitzige Wortgefechte mit den Eintracht-Profis, die ihre besten Szenen eben nach dem Schlusspfiff hatten, als sie sich nicht in die schützende Kabine verdrückten, sondern sich mannhaft den aufgebrachten Anhängern stellten. Die ganze Situation war unschön und heikel, auch wenn nichts passiert ist. Das lag eben auch an den Frankfurter Fußballern, die die tobenden Fans herunterkühlen konnten. Carlos Zambrano, Stefan Aigner und Bastian Oczipka diskutierten lange mit den Ultras, die beiden Eigengewächse Marco Russ und Marc Stendera blieben bis zum Schluss, wurden sogar mit bedächtigem Applaus verabschiedet. In Frankfurt, das kann man folgern, ist Feuer unterm Dach. In Frankfurt brennt zur Vorweihnachtszeit der Baum – lichterloh. „Das waren Szenen, die ich nicht gutheißen, aber doch nachvollziehen kann“, sagte Trainer Armin Veh.

Der Fußballlehrer gerät immer mehr ins Zentrum der Kritik, nach dem Spiel brandeten erstmals „Armin-raus“-Sprechchöre auf. „Dass der Trainer in Frage gestellt wird, ist nichts außergewöhnliches“, sagte Veh zu den Rufen. Eine Trainerdiskussion lässt die Eintracht aber erst gar nicht aufkommen. „Wir haben alles, aber kein Trainerproblem“, sagte Vereinspräsident Peter Fischer. „Das Verhältnis zwischen Trainer und Mannschaft ist mehr als gesund“, sagte Fischer. Es gehe nicht um die falsche Taktik oder falsche Aufstellungen. „Das ist dummes Zeug.“ Die Verfassung, vor allem die mentale, sei das Hauptproblem. „Wenn die Birne nicht mitspielt, wird es schwierig“, betonte Fischer. „Wir haben ein Kopfproblem. Diese Lähmung ist ein Indiz dafür. Die Mansnchaft kann mit dem Druck nicht umgehen.“ Des Präsidenten Losung: „Der Kopf ist wichtiger als die Beine.“

14 Punkte nach 15 Spielen, das Team mitten im Abstiegskampf. Die Hessen hatten sich das zu Saisonbeginn ganz anders vorgestellt. Sie stecken in einer tiefen Krise – und keiner kennt den Ausweg. Auch Trainer Veh wirkt ratlos und schwer angeschlagen. „Das ist eine der schwärzesten Stunde meiner Karriere“, presste er hervor. Wie aber soll es nun weitergehen? Da weiß keiner eine Lösung. Ratlosigkeit allenthalben.

Auf dem Feld zeigte die Eintracht zuvor, weshalb sie um die Klassenzugehörigkeit fürchten muss. Die Eintracht schaffte es von Beginn an nicht, so etwas wie Struktur oder Linie ins Spiel zu bringen. Da war vieles Stückwerk, es war keine Idee und kein Konzept zu erkennen. Sie präsentierte sich kopflos, hilflos und ratlos, wirkten hochgradig überfordert. Mit dem Druck, dieses Spiel gewinnen zu müssen, kamen sie offenbar nicht klar. Die spielerische Leistung war von erschreckender Schlichtheit, im Grunde war es ein Armutszeugnis. Es war eine fußballerische Bankrotterklärung.

Und zu der ganzen Trostlosigkeit kamen noch individuelle Aussetzer hinzu. Beim Gegentor etwa. Das fiel nämlich so, wie es eigentlich nicht fallen dürfte. Es ist mittlerweile ja bundesweit bekannt, dass die Darmstädter Neulinge ihre Tore sehr gerne nach ruhenden Bällen erzielen, da haben sie ihre absolute Stärke. Schon seit geraumer Zeit. Das hätte sich eigentlich auch bis zum großen Nachbarn herumsprechen müssen, hat es sicherlich auch. Und doch konnten die Gastgeber nicht verhindern, dass es in ihrem Gehäuse klingelte. Nach einem Freistoß von Tobias Kempe war es Aytac Sulu, der den Ball zur Führung der Südhessen ins Netz drückte (30.). Das muss man sich mal vorstellen und auf der Zunge zergehen lassen: Jener Sulu, der sich bereits in der Aufstiegssaison als brandgefährlich vor des Gegners Kiste entpuppte und vier Tore macht. Jener Sulu, der in dieser Runde auch schon wieder seine Torjägerqualitäten zeigte. Und diesen Sulu lassen die Frankfurter im Strafraum also sträflich alleine, keiner da, der ihn am Kopfball hinderte. Carlos Zambrano verlor den Darmstädter Spielführer aus den Augen, am langen Pfosten stand Bastian Oczipka plötzlich alleine – der Rest war Formsache fü Sulu. „Ich kann das nicht nachvollziehen“, sagte Veh.

Dieses dilettantische Abwehrverhalten ist auch eine Frage der Qualität. Davon hat die Eintracht offenkundig zu wenig. Und Armin Veh? Der Trainer übte sich in Durchhalteparolen. „Auch wenn es aussichtslos erscheint, irgendwann kommt ein Lichtchen her, das leuchtet“, sagte er. „Darauf hoffe ich.“ Na dann.

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