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Da reibt er sich die Augen, der Felix Wiedwald, Torwart und Pechvogel in Personalunion.

Felix Wiedwald

Einsam unter der Latte

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  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
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Ausgerechnet dem dritten Frankfurter Torhüter Felix Wiedwald unterläuft ein kapitaler Bock.

Am liebsten wäre er im nächsten Mauseloch verschwunden, dort, wo alle Pechvögel hin wollen. Nur weg von diesem Ort, von diesem Stadion, von diesem Feld, weg aus diesem Strafraum. Aber es gab kein Mauseloch, nicht mal ein klitzekleines, da musste er jetzt durch, niemand konnte ihm helfen. Ganz allein war er unter 50 700 Menschen.

Felix Wiedwald ist ein folgenschwerer Fehler unterlaufen. Er hat einen Rückpass nach 65 Minuten direkt in die Füße des heranstürmenden Joao Victor gespielt, der Wolfsburger Angreifer hatte dann keine Probleme mehr, das Geschenk anzunehmen und den Ball ins Frankfurter Tor zu schießen – es war das 0:2, es war das Ende vom Lied an diesem unerfreulichen Samstagnachmittag.

Es war ein kapitaler Bock des 29 Jahre alten Torwarts von Eintracht Frankfurt, der ihm nie und nimmer hätte unterlaufen dürfen. Er weiß das selbstverständlich selbst, nach dem Fehlschuss stampfte er wütend mit den Füßen auf, sauer über sich selbst. Aber so ist das als Torwart: Da ist jeder Fehler fast zwangsläufig ein Tor. Feldspieler können sich im Spiel Dutzende von Fehlern erlauben, meist passiert nichts oder ein Mitspieler bügelt den Bolzen aus.

Wie etwa bei Djibril Sow. Dem Schweizer Mittelfeldspieler war in dieser Partie gegen den VfL Wolfsburg ziemlich viel missraten, Sow spielte viele Pässe direkt in die Füße des Gegners, ein Gegentor resultierte nicht daraus. Also konnte sich Sow nach der Partie vor die Journalisten stellen und sagen, dass er auch nicht wisse, woran es gelegen habe, so schlecht gespielt zu haben.

Felix Wiedwald saß längst wie ein Häuflein Elend in der Kabine.

Der Schlussmann, in Frankfurt eigentlich Torwart Nummer drei, hatte erst am Spieltag erfahren, dass er am Nachmittag zwischen den Pfosten stehen würde. Der verletzte Kevin Trapp, die Nummer eins, trainiert seine lädierte Schulter in Katar, Frederik Rönnow, die Nummer zwei, hatte wegen eines grippalen Infekts das Handtuch werfen müssen. Tags zuvor hatte der dänische Nationaltorhüter bereits nicht am Abschlusstraining teilhaben können, „wir haben gehofft, dass es sich über Nacht bessern wird“, sagte Trainer Adi Hütter. Wurde es aber nicht, Rönnow fühlte sich schwach und musste passen. Bis zum kommenden Donnerstag, wenn die Eintracht in der Europa League auf den FC Arsenal trifft, soll er wieder auf dem Damm sein. „Es ist nicht so schlimm“, sagte Hütter.

Und wenn der Mann einen Rückschlag erleidet und auch dort ausfällt? Dann würde Jan Zimmermann, Torwart Nummer vier, unter die Latte gehen, und A-Jugendtorwart Max Hinke als Ersatz auf der Bank Platz nehmen. Der 18-Jährige gehörte übrigens bereits zur Frankfurter Entourage beim Spiel in Lüttich. Wiedwald ist für die Europa League nämlich nicht gemeldet. Einen Torwart nachmelden kann ein Klub laut den Uefa-Spielregeln lediglich dann, wenn eine langwierige Verletzung oder Krankheit es unmöglich macht, dass mindestens zwei Torhüter im Kader stehen. Als langwierig gilt, wenn die Krankheit oder die Verletzung ab dem Tag des Auftretens mindestens 30 Tage dauert.

In dieser Saison hatte sich Felix Wiedwald lediglich in den ersten drei Qualifikationsspielen gegen Tallin und FC Vaduz querlegen dürfen, dann war Trapp gekommen. Sein letztes Bundesligaspiel hat der aus Thedinghausen bei Bremen stammende 1,90-Meter-Schlaks am 20. Mai 2017 bestritten, damals noch für Werder Bremen, beim 3:4 gegen Borussia Dortmund. 71 Bundesligaspiele hat er gemacht, 62 in der zweiten Liga. Danach war er nach England gegangen, für 28 Spiele zu Leeds United, im Sommer 2018 verpflichtete ihn die Eintracht erneut, bereits von 2013 bis 2015 hielt Wiedwald in Frankfurt Bälle. Vor eineinhalb Jahren war er als Nummer zwei hinter Frederik Rönnow gedacht – als der sich jedoch am Knie verletzte, holten die Hessen Kevin Trapp, Wiedwald wurde dritter Mann und ließ sich später zum Zweitligisten MSV Duisburg ausleihen. Er stieg mit den „Zebras“ ab und kam in diesem Sommer zur Eintracht zurück.

Und hielt bis zu seinem Lapsus am Samstag sogar sehr ordentlich, Hütter bescheinigte ihm sogar „eine sehr gute Partie“, nahm ihn ausdrücklich in Schutz, „einen Vorwurf macht ihm keiner.“ Gleich zu Beginn wehrte er aus kurzer Distanz einen Schuss von William (10.) ab, beim Kopfball von Jeffrey Bruma (53.) war er auf dem Posten, beim Gegentor durch Wout Weghorst, der in einen verunglückten Schuss von Maxi Arnold gespritzt war (19.), war er machtlos. Ein kreuznormaler Torwartnachmittag schien es zu werden.

Hintis Pass nicht optimal

Doch von einer auf die andere Sekunde war es das nicht mehr: Schon kurz vor seinem Blackout hatte Wiedwald Glück gehabt mit einem zu kurz geratenen Pass. Da ging schon ein Raunen durch das weite Stadionrund. Dann war es passiert: Martin Hinteregger passte die Kugel zurück, und Wiedwald spielte den Ball direkt zum Wolfsburger Victor, der bis dahin in dieser Saison weder ein Tor erzielt noch eine Vorlage gegeben hatte. Hinteregger hätte diese harmlose Situation auch anders lösen können, er hätte mit dem Kopf zurückpassen können, er hätte den Torwart nicht anspielen müssen, hätte sich nach vorne umdrehen können. Und sein Rückspiel war nicht sauber, der Ball sprang leicht auf, begünstigte den verderblichen Fehlpass.

Es mag Felix Wiedwald womöglich ein kleiner Trost sein: In dieser Verfassung hätte die Eintracht auch ohne den Bock des Torwarts verloren.

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