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Fehlgriff mit fatalen Folgen

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Von: Ingo Durstewitz

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Eintracht-Torhüter Lukas Hradecky hat früh Feierabend, weshalb das Spitzenspiel in Leipzig für ihn ausfällt.

Für den weltoffenen und lustigen Gesellen Lukas Hradecky sind Unterhaltungen mit den in der Branche oftmals nicht eben wohlgelittenen Medienvertretern grundsätzlich nichts Verpöntes oder Zwanghaftes, er hat sogar Spaß an den Dialogen, glänzt mit hintersinnigem Humor. Nach seinem folgenschweren Fauxpas von Leipzig musste der Torhüter der Frankfurter Eintracht aber sehr wohl gebeten werden, ein paar Worte zu verlieren zu jener Szene nach exakt 131 Sekunden, die als kuriosester Platzverweis dieser Saison, flotteste Hinausstellung eines Torwächters und zweitschnellste Rote Karte in der Geschichte der Bundesliga in die Annalen eingehen wird. Das sind ganz schön viele Rekorde für einen einzigen Fehlgriff. „Tut mir leid für die Mannschaft“, presste der für sonst so herausragend haltende Schlussmann hervor. Wenn er könnte, würde er es ungeschehen machen. Geht aber nicht.

Es war ja nicht irgendein Missgeschick, das man auf die Schnelle wieder ausmerzen kann. Nein, Hradeckys beherztes Zugreifen außerhalb des Strafraums nach zwei Minuten und elf Sekunden war schon die Entscheidung in dem ausgefallenen Topspiel in Leipzig. „Nach zwei Minuten“, analysierte Trainer Niko Kovac treffend, „nach zwei Minuten war die Messe gelesen.“

Nach sechs Minuten war das Spiel vorbei

Denn den anschließenden Freistoß von Marcel Halstenberg konnte der hastig eingewechselte Ersatzkeeper Heinz Lindner zwar unter Aufbietung aller Kräfte noch parieren, doch der Ball fiel Marvin Compper vor die Füße, der zum 1:0 für RB Leipzig einschob. Die letzte Hinrundenpartie im neuen Jahr war also de facto bereits nach sechs Minuten verloren. Am Ende hieß es 3:0 (2:0) für RB Leipzig, verdientermaßen, keine Frage.

Im Grunde war mit einer einzigen persönlichen Fehlleistung die gesamte Vorbereitung zunichte gemacht. Man stelle sich vor: Da fliegt der Eintracht-Tross mit einer halben Hundertschaft um die halbe Welt nach Abu Dhabi, wappnet sich, bereitet sich auf das erste wichtige Spiel vor, seziert den Gegner, heckt Geheimpläne aus, zapft Blut ab, versucht, den Kontrahenten zu überraschen – und dann ist das alles mit einer einzigen Szene nach ein paar Sekunden über den Haufen geworfen. Selbst im verwissenschaftlichten und hochgezüchteten Fußball sind Zufall und Spielglück Tür und Tor geöffnet.

Denn diese mit einiger Spannung erwartete Begegnung folgte keinem normalen Muster mehr, es war ein Spiel, das man nicht bewerten kann, es steht außerhalb der Maßstäbe. Unter diesen Umständen lässt der Auftritt keine Rückschlüsse oder Lehren zu. „Das habe ich der Mannschaft auch gesagt: Das Spiel müssen wir vergessen. Das müssen wir abhaken“, sagte Kovac am Sonntag beim Auslaufen. Es war ein Duell mit ungleichen Waffen, das die Hessen schnell abhaken sollten. Selbst RB-Trainer Ralph Hasenhüttl freute sich zwar über die drei leicht eingefahrenen Punkte, zuckte aber ratlos mit den Schultern: „Das Spiel war ja kein Gradmesser.“

Eintracht-Sportvorstand Fredi Bobic lehnte ebenfalls jede Wertung ab, er ärgerte sich aber, weil er bei numerischer Gleichheit an diesem Tage einen Fight auf des Messers Schneide erwartet hätte. „Das wäre richtig spannend und super interessant geworden.“ So aber wurde es ein Slapstick-Abend mit langen Gesichtern im Lager der Frankfurter.

Ball falsch berechnet

Natürlich ist Lukas Hradecky gefragt worden, wie es zu dieser seltsamen Situation kommen konnte, die in ihrer Entstehung an Harmlosigkeit nur schwer zu überbieten war. Der 27-Jährige zuckte mit den Schultern, am tiefen Boden oder dem Schuhwerk lag es jedenfalls nicht, dass er fatal ausrutschte und sich dann im Liegen den Ball außerhalb des Strafraums schnappte. „Die Stollen waren neu draufgezogen.“

Es war vielmehr so, dass der Torhüter den langen Ball zunächst falsch berechnete, vielleicht sogar dachte, Linksverteidiger Bastian Oczipka würde ihn ablaufen, doch der verließ sich, aus nachvollziehbaren Gründen, auf seinen Keeper. Und als Hradecky wieder Fahrt aufnehmen wollte, rutschte er weg und packte außerhalb des Sechzehners folgenschwer zu. Die einzig logische Konsequenz: Rote Karte. Die zweitschnellste in der Geschichte (der Kölner Youssef Mohamad brauchte 2010 nur 93 Sekunden) und die erste Hinausstellung für einen Eintracht-Keeper seit Andreas Köpke anno 1995.

Hradecky, der gestern beim Auslaufen das Ballnetz schleppte,, wusste im Nachhinein, dass er die falsche Entscheidung getroffen hatte. Klar wäre es besser gewesen, die Finger wegzulassen, räumte er zerknirscht ein. Das wäre dann zwar das sichere 1:0 für Leipzig gewesen, weil Bernardo im Sprint dem Ball nachjagte, aber die Eintracht hätte zumindest noch die Chance gehabt, gegen keinesfalls übermächtige Sachsen zurückzukommen. „Aber ich bin Torwart, da kannst du den Ball nicht reingehen lassen“, fügte der Finne an. Dieser Reflex liegt Torhütern im Blut.

Gute Partie von Lindner

Von den Verantwortlichen gab es keine Schuldzuweisungen. „Ich habe ihm gesagt, das passiert dir nur einmal in deiner Karriere“, sagte Bobic. „Er musste im Bruchteil einer Sekunde entscheiden.“ Neben dem Blackout des Torwarts bemängelte Kovac das Verhalten seiner Spieler bei den beiden Standards, er monierte mangelnde Handlungsschnelligkeit (beim 0:1) und Stellungsfehler (beim 0:2). „Wir haben drei Fehler in einem Spiel gemacht.“ Das komme ansonsten sehr selten vor.

Ersatzmann Lindner machte ein gutes Spiel, ein „außerordentlich gutes“ gar, wie Trainer Niko Kovac befand. Er bewahrte die Eintracht gerade in den Minuten nach dem ersten Nackenschlag vor dem frühen K.o, als er zweimal herausragend rettete.

Doch auch er konnte das 0:2 von Timo Werner Sekunden vor dem Pausenpfiff nicht verhindern. Das 0:3 durch ein Eigentor des überforderten Jesus Vallejo (67.) spielte keine Rolle mehr. Heinz Lindner, der zu seinem ersten Bundesligaspiel überhaupt kam, wird nun zumindest auf Schalke den gesperrten Hradecky vertreten. „Ich habe mir mein Debüt anders vorgestellt“, sagte der Österreicher, „aber grundsätzlich bin ich mit meiner Leistung zufrieden.“ Konnte er sein, auch wenn es in diesem merkwürdigen Spiel kaum etwas zu gewinnen gab.

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