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Auch in München kann es menscheln: Trainer Pep Guardiola ist zufrieden mit Sebastian Rode.

Eintracht Frankfurt

Der Faktor Mensch

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Manchen zieht es in die Ferne - oftmals ohne Glück: Weshalb fast alle abgewanderten Spieler gerne zur Eintracht nach Frankfurt zurückkommen würden.

Vor genau einer Woche hat Bayern-Sportchef Matthias Sammer ein neues bajuwarisches Mentalitätsmonster erschaffen. Oder, anders formuliert, er hat es entdeckt. Das Mentalitätsmonster kommt aus dem Südhessischen, aus Alsbach-Hähnlein, es hat in Darmstadt gekickt und in Offenbach, den Durchbruch schaffte es in Frankfurt bei der Eintracht, ehe es sich zu Höherem berufen fühlte und sich den Münchner Bayern anschloss.

Das Mentalitätsmonster bringt nicht nur Haltung, Kampfeslust und die nötige Bereitschaft mit (sonst wäre es ja kein Mentalitätsmonster), sondern auch fußballerische Klasse. Das zeigte es neulich am Böllenfalltor, als es beim 3:0 gegen Darmstadt eine formidable Leistung auf den Rasen warf. Dummerweise darf das Mentalitätsmonster nur dann spielen, wenn die anderen noch höher veranlagten Fußballer von Weltklasseformat mal eine Pause benötigen. Das kommt nicht so oft vor.

Rode hat sein Glück gefunden

Für Sebastian Rode, das besagte Mentalitätsmonster, ist das manchmal ein Problem, na klar, aber die meiste Zeit freut er sich, mit dabei zu sein im illustren Kreise der Weltstars und auch darüber, es all jenen gezeigt zu haben, die ihm ein klägliches Scheitern beim Rekordmeister prophezeit hatten.

Rode, immer noch 24 Jahre jung, ist einer der wenigen Spieler, die Eintracht Frankfurt verlassen und ihr Glück dennoch gefunden haben. Die meisten anderen würden lieber heute als morgen zurückkehren nach Frankfurt. Für Rode stand das nie zur Debatte, er verfolgte schon in jungen Jahren einen klaren Karriereplan. Als in Darmstadt damals einige Bedingungen nicht erfüllt wurden, zog er weiter nach Offenbach. Er ist zwar ein bescheidener Junge, aber auch einer, der weiß, was er will. Sentimentalitäten und Nestwärme sind für ihn nicht so wichtig wie für andere.

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Eintracht-Trainer Armin Veh wundert es nicht, dass sich Rode in München behauptet hat. „Als er uns verlassen hat, hat ja jeder gesagt: Der Seppl schafft das da sowieso nicht“, erzählt der Frankfurter Coach. „Ich habe das nie gesagt.“ Denn für einen Fußballlehrer gebe es nichts Besseres, als einen solchen Spieler in seinen Reihen zu haben; einen Spieler, der immer alles gibt, der sich nie hängenlässt, der keinen Stunk macht oder schlechte Stimmung verbreitet, sondern einen, der vorangeht, der einfach nicht locker lässt, der auch dann lernwillig und leistungsfähig ist, wenn er nicht spielt. „Der Seppl ist keiner, der lamentiert. So einen Spieler wünscht sich jeder Trainer“, sagt Armin Veh. Pep Guardiola habe sich damals eigens nach Rode erkundigt. „Da kriegst du einen einwandfreien Jungen, an dem wirst du deinen Spaß haben“, habe er, Veh, geantwortet.

Bei Rode ist die Sache aber auch anders gelagert als bei den anderen Spielern, die die Eintracht verlassen haben. Rode hat nicht nur eine andere Klasse, sondern auch einen anderen Behauptungswillen. „Bei ihm geht der Kopf nicht nach unten“, betont Veh.

Es ist jedoch interessant zu beobachten, dass fast alle Spieler, die in Frankfurt funktionierten an vielen anderen Standorten nicht so zurecht kommen. Von den „Schlüsselspielern“ (Vorstand Axel Hellmann), die den Klub vor gut einem Jahr verlassen haben, ist nur Rode durchgestartet. Und die anderen?

Pirmin Schwegler hat es zwar in Hoffenheim zum Stammspieler und Kapitän geschafft, aber er hat sich sportlich nicht nur nicht verbessert, sondern steckt mit den Sinsheimern in einer veritablen Krise. Zudem hat er sich in Frankfurt extrem wohl gefühlt, das war sein Zuhause. Es waren nicht nur Spekulationen, wonach er vor dieser Saison womöglich wieder in Frankfurt anheuern werde. Letztlich kam es aber nicht zur Rückkehr.

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Sebastian Jung ist kreuzunglücklich beim VfL Wolfsburg, er hatte zu Saisonbeginn seinen Stammplatz auf der Tribüne, zuletzt schaffte er es immerhin auf die Ersatzbank, aber nur weil der etatmäßige Rechtsverteidiger Vieirinha mit einer Oberschenkelblessur schon seit längerem ausfällt. Für den Portugiesen verteidigt Christian Träsch, Sebi Jung ist also nur die Nummer drei rechts hinten. Der 25-Jährige hat bisher kaum mittun dürfen, dabei wollte er sich in Wolfsburg zum Nationalspieler entwickeln. Von diesem Ziel ist er so weit entfernt wie nie zuvor. Für das Frankfurter Eigengewächs, seit der F-Jugend für die Eintracht am Ball, war der Wechsel in die Autostadt ein lupenreines Eigentor. Er wollte die Hessen eigentlich auch gar nicht verlassen, doch das Wolfsburger Angebot war finanziell so verlockend, dass er nicht widerstehen konnte. Im Winter könnte er in den Schoß der Eintracht zurückkehren. Er wird dann allerdings fast ein Jahr ohne Spielpraxis sein. Von alleine wird es bei der Eintracht dann auch nicht wieder laufen.

Auch andere Spieler wie Joselu oder Tranquillo Barnetta haben ihr Glück nicht gefunden. Stürmer Joselu saß zum Ende in Hannover auf der Bank und nun in England bei Stoke City. Und Barnetta kickt mittlerweile auf der anderen Seite des großen Teiches in der MLS bei Philadelphia Union. Zuvor sind schon Spieler wie Patrick Ochs und Marco Russ in Wolfsburg gescheitert. Ochs ist nun arbeitssuchend, Russ längst wieder ein Frankfurter. Hier blüht er wieder auf. Und auch früher schon taten sich Eintrachtler anderorts schwer, Albert Streit bekam nie mehr ein Bein auf den Boden, und Jermaine Jones setzte sich nur mit sehr langem Anlauf durch. Aber weshalb ist das so?

Zum einen ist der sportliche Konkurrenzkampf im neuen Verein mitunter größer und härter – was man sich an alter Stätte  erarbeitet hat, zählt dort nicht. Man beginnt von Neuem, hat keinen Bonus. Da muss man, wenn man fußballerisch nicht über jeden Zweifel erhaben ist, die Ellenbogen ausfahren und sich behaupten. Das können nicht alle.

Eine anderer Ansatz ist das etwas andere Klima in Frankfurt. „Egal, mit wem ich gesprochen habe: Bei uns haben sich alle super wohl gefühlt“, sagt Veh. Das sei enorm wichtig. „Es sind ja nicht nur Profis, da kommt auch der Faktor Mensch ins Spiel. Wenn man sich wohl fühlt, kann man bessere Leistungen zeigen.“ Auch die Fans, das Umfeld, die Atmosphäre spielten eine Rolle. Für Veh steht fest: „Obwohl wir ein großer Verein sind, geht es bei uns auch ein bisschen familiär zu.“ Er weiß das zu schätzen, viele Spieler offenbar auch.

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