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Rumms: Evan Ndicka (am Boden) grätscht den Nürnberger Virgil Misidjan von den Beinen, dafür gab es dann gleich mal Gelb.

Eintracht Frankfurt

Evan Ndicka: Der Rohdiamant

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Evan Ndicka hat sich bei Eintracht Frankfurt zu einer festen Größe gemausert und soll einmal viel Geld bringen.

Man kann nicht behaupten, dass die ohnehin etwas sperrige Partie in Nürnberg für den jungen Franzosen Evan Ndicka besonders verheißungsvoll begonnen hätte. So ziemlich das Gegenteil war der Fall. Schon sehr früh war der französische Verteidiger im abwehrenden Dienste der Eintracht für den Bruchteil einer Sekunde zu spät gekommen und hatte die quirlige Nürnberger Offensivkraft Virgil Misidjan humorlos umgesenst. Gelbe Karte, nach gut vier Minuten. Das konnte ja heiter werden. 

Die schnelle Verwarnung hatte ihn dann doch etwas verunsichert, er wirkte in der Folge nicht ganz so sattelfest, hatte so manches Problemchen auf der halblinken Abwehrseite. Doch Ndicka fing sich schnell, holte sich durch gewonnene Zweikämpfe und gelungene Aktionen mit dem Ball am Fuß den Glauben in die eigenen Fähigkeiten und die notwendige Stabilität zurück, spätestens, als er einmal, nach 37 Minuten, den Clubberer Törles Knöll in letzter Sekunde und höchster Not mit einem langen Bein am Torschuss hinderte, war er wieder voll auf der Höhe, zeigte eine bemerkenswert ruhige, abgezockte und rundweg souveräne Leistung, er leitete sogar den 1:1-Ausgleichstreffer mit ein. Man muss wissen: Der junge Bursche ist 19 Jahre jung. Chapeau, Monsieur Ndicka. 

Trainer Adi Hütter konnte seine Begeisterung kaum zügeln. „Fehlerlos“ habe der Verteidiger gespielt, eine „überragende“ Vorstellung auf den Rasen geworfen. Und das mit der Hypothek, schon so früh verwarnt worden zu sein. „Er ist ein toller Junge, der eine super Entwicklung genommen hat“, sagte der Coach. „Und das ist diesem Alter.“ Ndicka lernt schnell, hat eine gute und fixe Auffassungsgabe. 

Erst unlängst nannte ihn Coach Hütter ein „sinnbildliches Beispiel“ für die Gesamtentwicklung des Teams. Vor einigen Woche noch habe bei ihm der Sicherheitsgedanken im Vordergrund gestanden, den Rückpass habe er dem Risikoball allemal vorgezogen, doch mittlerweile „treibt er den Ball nach vorne an“. Und spielt gar keine schlechten Pässe.

Das Besondere an dem 1,92 Meter großen Modellathleten ist seine Abgeklärtheit. Der gebürtiger Pariser mit kamerunischen Wurzeln spielt wie ein alter Hase, nichts bringt ihn aus der Ruhe, er zappelt nicht, wackelt nicht, verfällt nicht in Hektik. Und der Linksfuß hat eine sehr manierliche Spieleröffnung. Das ist nicht zu unterschätzen. 

Keine Klauseln im Vertrag

Ndicka hat sich in Frankfurt längst zum Stammspieler gemausert, er hat nahezu alle Spiele über 90 Minuten absolviert, einmal, gegen Bremen, stand er nicht in der Startelf, ein anderes Mal, in der Europa League gegen Lazio Rom, wurde er geschont. Ansonsten spielte er immer und immer durch. Keiner spricht mehr von Carlos Salcedo, den mexikanischen Haudrauf, der sich nach seiner schweren Bänderverletzung im Sprunggelenk so langsam an die Mannschaft herantastet.

Seinen Landsmann Simon Falette hat Ndicka gar auf die Tribüne verdrängt. Das ist erstaunlich. 
Zumal der französische Juniorennationalspieler der breiten Öffentlichkeit nicht  bekannt war, er kam, bevor ihn die Eintracht holte und mit einem Fünfjahresvertrag ausstattete, auf gerade mal zwölf Zweitligaeinsätze in seiner Heimat bei AJ Auxerre. Doch Chefscout Ben Manga war von seinen Fähigkeiten überzeugt. Die Eintracht ließ sich nicht lumpen, um den Musterprofi nach Deutschland zu locken. Sie überwies sechs Millionen Euro an Auxerre, nur Landsmann Sebastien Haller (sieben Millionen) war teurer. Für einen unerfahrenen Verteidiger ist das ein Haufen Geld, gerade nach Eintracht-Maßstäben. Doch die Investition rechnet sich, zumal der schnelle Mann keine Ausstiegsklausel in sein Vertragswerk eingearbeitet hat. Zudem gehört er der Eintracht, wie die FR erfuhr, zu 100 Prozent. Es ist also nicht so, wie etwa bei Ante Rebic, dass der vorhergehende Verein an einem etwaigen Weiterverkauf partizipieren würde. Bei der Eintracht gehen sie davon aus, den Rohdiamanten irgendwann für richtig viel Geld zu veräußern. Eine Größenordnung wie beim Transfer von Abdou Diallo von Mainz nach Dortmund (28 Millionen Euro) scheint nicht unrealistisch.

Ndicka tangieren solche Planspiele nicht, er ist vielmehr froh, den ersten Schritt ins Ausland schon so früh gewagt zu haben. „Wenn man im Leben vorankommen will, dann muss man Opfer bringen“, sagte er der FR: „Je früher man auf sich allein gestellt ist, desto eher lernt man, sein Leben selbst zu bestimmen.“ Sehr reif, der junge Kerl, nicht nur auf dem Fußballplatz. 

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