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Eintracht-Jubel nach dem Siegtreffer

Kommentar Eintracht Frankfurt

Europäischer Wind

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Eintracht Frankfurt hat in Marseille vor allem eines demonstriert: Dass sie den europäischen Wettbewerb sehr ernst nimmt. Das ist nicht neu, aber gut und wichtig.

Der stets eloquente und präzise formulierende Vorstand Axel Hellmann brachte die zuweilen recht skurrile Dienstreise an die Côte d’Azur mit exakt drei Worten auf einen Nenner: „Eintracht kann Europa.“ Das kann man genau so stehen lassen. 

Dem deutschen Pokalsieger ist am Donnerstagabend mit dem überraschenden Auswärtssieg beim Vorjahresfinalisten Olympique Marseille ein echtes Husarenstück gelungen, ein richtiger Coup. Genau zur richtigen Zeit. Nach dem Holperstart wusste niemand so recht, wo die runderneuerte Eintracht steht, und wenn man ehrlich ist, weiß man es auch heute noch nicht. Doch die Hessen haben zumindest ein weithin sichtbares Signal gesetzt, wonach mit ihnen zu rechnen ist, sie konkurrenzfähig sind und mithalten können. Die Eintracht hat aber vor allem eines demonstriert: Dass sie den europäischen Wettbewerb sehr ernst nimmt. Das ist nicht neu, aber gut und wichtig.

Es ist wichtig für das eigene Leitbild, das Selbstverständnis und die eigene Identität, denn die Frankfurter sehen sich, wie schon in der Vereinshymne vielstimmig besungen wird, tatsächlich im Herzen von Europa, mittendrin und am liebsten immer dabei. Internationale Auftritte entwickeln in der kleinen Metropole am Main dieses besondere Flair, diesen ganz besonderen Kitzel, der sich an anderen Standorten gar nicht einstellen will. Dort wird die Europa League nicht selten als lästige Pflicht gesehen, als Anhängsel, das die Erfolgschancen in der Liga eher minimiert. Was ja per se schon eine gewisse schräge Logik beinhaltet: Warum kämpft man ein Jahr um eine gute Platzierung, möglichst im Europapokal, um sich dann darüber zu beklagen, welch Belastung das alles doch mit sich bringe? Widersinnig. Aber Realität. 

Das Abschneiden, die Auftritte und die Haltung der deutschen Starter in der vergangenen Saison waren desaströs und eines großen Fußballlandes unwürdig. 

Die Eintracht hat den deutschen Fußball so vertreten, wie es sein sollte: anständig und aufrecht. Die Klubs haben nämlich auch eine Verantwortung der Liga gegenüber. Pikanterie am Rande: Der einzige Bundesligist, der auf internationalem Parkett am ersten Spieltag eine Niederlage einstecken musste, ist der sonntägliche Eintracht-Gegner, RB Leipzig. Beim Schwesternduell gegen Salzburg traten die Sachsen mit einer auf sieben Positionen veränderten Mannschaft an.

Kann man so machen, muss man nicht. 

Die Eintracht hat eine andere Einstellung zu diesem Wettbewerb, seit jeher. Die Hessen sind, statistisch gesehen, der erfolgreichste deutsche Teilnehmer der Europa League, was natürlich auch daran liegt, dass sie nicht besonders oft vertreten waren, aber wenn, dann haben sie sich auf dem Feld und abseits des Rasens stets prima geschlagen. Das ist die richtige Botschaft. 

Die Eintracht ist eine Bereicherung für diesen Wettbewerb, weshalb es umso schleierhafter ist, weshalb die Uefa ihr eigenes Turnier mit idiotischen Strafen wie einem Geisterspiel torpediert. Dass dabei auch unbeteiligte Dritte zu Leidtragenden werden und es in diesem Fall ausgerechnet die reisewütigen Eintracht-Fans traf, ist umso absurder. 

Dennoch: Die Frankfurter haben sich in Südfrankreich selbst Wind in die Segel geblasen, der Zugewinn an Reputation und Renommee ist immens, für einen Verein mit einer internationalen Ausrichtung ist das nicht zu unterschätzen. Der Klub hat sich, auch in einer gespenstischen Atmosphäre, sehr gekonnt in Szene gesetzt. Vielleicht kann die Eintracht den Rückenwind in den Bundesligaalltag mitnehmen, da läuft es bisher nämlich noch nicht so rund. 

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