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Europa, mal freundlich

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Von: Thomas Stillbauer

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Alle zusammen und alle friedlich: Eintracht-Fans fiebern dem Spiel gegen Tottenham entgegen.
Alle zusammen und alle friedlich: Eintracht-Fans fiebern dem Spiel gegen Tottenham entgegen. © Daniel Roland/afp

Wenn am Dienstag die Londoner zur Eintracht kommen, könnten wir alle zusammen mal ein friedliches Europa zeigen, aus dem niemand freiwillig ausscheren will – das wäre echt dufte.

Hallo und herzlich willkommen zurück bei unserer lockeren Reihe mit Schmonzetten rund um die europäischen Abenteuer der Frankfurter Eintracht. Heute wieder ein Beitrag aus der Unterkategorie „Opa erzählt vom …“, nein natürlich nicht vom Krieg, dafür ist die Sache zu ernst – der Krieg, nicht der Fußball. Obwohl beides manchmal gar nicht mehr so leicht voneinander zu unterscheiden ist, wenn wir die jüngsten Erlebnisse der Adlerträger, aber auch der Kölner Geißbockhüter in Frankreich betrachten.

An Vergleichbares aus der eigenen Annäherungsphase an den Fußballsport kann ich mich nicht erinnern. Die bedrohlichste Situation gab es im Nachgang eines 0:0 gegen Kickers Offenbach (eigentlich 1:0 nach Auffassung unserer gesamten Familie, denn Weltmeister Jürgen Grabowski hatte Fred Bockholt den Ball nicht, ich wiederhole, nicht aus der Hand ins Tor geschossen, das Spielgerät war frei zugänglich). Es war November 1974. Man pflegte damals die 58 000 Menschen, die das Derby besucht hatten, in schmalen Korridoren zwischen zwei Zäunen aus dem Stadion zu leiten. Es war so unfassbar eng, dass man kaum Luft holen konnte. So muss sich eine Weißwurst vor dem Zuzeln fühlen. Und über allem die herzlich-zugewandte Atmosphäre einer Begegnung zwischen Frankfurt und Offenbach, seinerzeit der Bundesliga-Tabellendritte gegen den Zweiten, jawohl, erste Liga. Doch, ehrlich. Schwöre. Es herrschte eisiges, unterschwellig aggressives Schweigen in der zum Platzen gestopften Weißwurstpelle nach dem Spiel. Für einen Zehnjährigen war das nicht schön.

Viel krasser wurde es aber auch nicht. Es flogen in jener Zeit keine Raketen durch Fußballstadien, man musste die Fanlager nicht ständig mit Polizeihundertschaften davon abhalten, einander die Köpfe einzuschlagen. Gut, es gab diese Gasdruckfanfaren. Das war durchaus nahe am Mordanschlag, jemandem das Ding an die Ohrmuschel zu halten, der zur Selbstverteidigung lediglich mit einer Dreitontröte bewaffnet war, bei der nur noch zwei Töne funktionierten. Das konnte man aber überleben. Wenige Tage später funktionierte das Gehör fast wie zuvor.

Stress in der Imbissbude

Allerdings kamen kleinere Schweinereien vor, und zwar gegen die eigenen Leute. Manche „sogenannten Fans“ waren sich nicht zu schade, im eigenen Fanblock Gegenstände von oben nach unten zu werfen oder sogar, tut mir leid, aber so war es tatsächlich, in die Menge zu spucken. Ich kann das authentisch beschreiben, weil die Leute, die solcherlei Verhalten pflegten, leider bei mir in der Nähe hausten, Frankfurter Norden, und auch gern mal in Imbissbuden Stress machten. Unvergessen die Schlägerei nach sinnloser Provokation im und neben dem „Steak Point“ am Rosegger. Gibt es längst nicht mehr, die Hütte. Und auch die Typen sind hoffentlich für immer verschwunden. Wäre ich noch mal zwölf, würde ich denen …

Wo waren wir? Ach so, Europa. Wenn heute die Londoner nach Frankfurt und ins Waldstadion kommen, könnten wir alle zusammen mal ein freundliches, friedliches Europa zeigen, aus dem niemand freiwillig ausscheren und sein eigenes Süppchen kochen möchte, oder? Abgemacht. Und dann sollen Jesper, Randal und Daichi denen ordentlich die Bärenfellmütze über die Ohren ziehen, mit sportlichen Grüßen. Danke. Bitte.

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