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Eintracht Frankfurt ist in Europa nicht zu stoppen.

Eintracht Frankfurt - Schachtjor Donezk

Eintracht Frankfurt im Glückstaumel

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  • Ingo Durstewitz
    Ingo Durstewitz
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Eintracht Frankfurt gewinnt 4:1 gegen Schachtjor Donezk und zieht ins Achtelfinale der Europa  League ein.

Und dann, das großartige Europapokalduell in Frankfurt neigte sich dem Ende entgegen, das Achtelfinale war zum Greifen nahe, aber nicht eingetütet, weil die aufmüpfigen Ukrainer einfach nicht aufhören wollten, das Eintracht-Tor zu bestürmen, und dann also machte Sebastien Haller einfach mal den Jan-Aage Fjörtoft. 2:1 stand es in diesem Krimi im Stadtwald zwischen der Eintracht und Schachtjor Donezk, als Evan Ndicka den Ball gewann und Filip Kostic lossprintete. 

Er lief und lief, und irgendwann legte er den Ball nach links raus, zu Stürmer Haller, der etwas zu weit abgedrängt schien, doch dann packte der Franzose den guten, alten Übersteiger aus der Mottenkiste. Das sah nun gar nicht so elegant aus, eher weit ausladend, war aber effektiv, Torwart Andrej Pyatow fiel auf die Finte herein und Haller schob die Kugel zum vorentscheidenden 3:1 ins leere Tor (80.) – so wie es einst der Norweger Fjörtoft machte, 1999 in diesem unvergessenen Spiel gegen Kaiserslautern. Fjörtofts Übersteiger ist seitdem legendär, er hat ihn in Frankfurt unsterblich werden lassen. Nach Hallers Tor brachen in Frankfurt alle Dämme, die Menschen flippten schier aus vor Freude.

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Am Ende hieß es in einem packenden Rückspiel des Sechzehntelfinals 4:1 (2:0) für die Eintracht, wodurch sie nach dem 2:2 im Hinspiel erstmals seit fast 25 Jahren wieder ins Achtelfinale des Europacups einzieht, das am Freitag (13 Uhr) in Nyon ausgelost und am 7. sowie 14. März ausgespielt wird.

„Es war ein unglaublich intensives Spiel, das hat man schon die ganze Woche gemerkt, dass die Region dem Spiel entgegenfiebert. Es war ein geiler Abend“, sagte Sebastian Rode. „Donezk hat eine unglaublich gute Mannschaft offensiv, wir mussten viel verteidigen, viel laufen.“ Für Doppelpacker Haller hatte er ein Extralob parat: „Er hat seine Leistung mit den Toren gekrönt. Er arbeitet wahnsinnig viel für die Mannschaft.“ Für Trainer Adi Hüter war der Treffer zum 3:1 „der Schlüssel zum Sieg“.

Der 49 Jahre alte Österreicher zollte seiner Mannschaft für diese taktisch, kämpferisch und läuferisch überragende Leistung Respekt: „Riesen-Kompliment an meine Mannschaft. Es war ein wunderschöner Europacup-Abend. Die ganze Stadt feiert ein Riesenspektakel. Das war ein tolles Spiel und unsere absolut beste Saisonleistung. Für mich war das etwas ganz Besonderes.“

Eintracht Frankfurt spielt am Limit

Es herrschte eine herausragend gute Atmosphäre, es prickelte und knisterte, die Fangesänge schallten in nie gehörter Lautstärke und Intensität durch das Oval, fast konnte man meinen, jeder einzelne Zuschauer hätte sich vorgenommen, seinen Teil zum Erfolg beizutragen. 

Die Mannschaft wurde von dieser Welle getragen, jeder machte noch einen Schritt mehr, keiner steckte einen Millimeter zurück, es war eine imposante Leistung eines Teams, das eine Unmenge an Spirit, Mentalität und Kampfeslust versprühte. Die Eintracht musste an ihre Grenze gehen, sie spielte am absoluten Limit – und das musste sie, um den gutklassigen Gegner niederzukämpfen und auf die Bretter zu schicken. 

So geht Europa, so schön kann die oftmals als zweitklassig belächelte Europa League sein. Mehr Champions-Flair als an diesem Abend in Frankfurt geht kaum – und das, obwohl die Stimmung vor dem Anpfiff zu kippen schien, als es zu Auseinandersetzungen zwischen den Ultras und der Polizei kam, woraufhin die Fans die groß angelegte Choreo kippten. Ihre Mannschaft feuerten sie dafür umso frenetischer an.

Die Eintracht, bei der dieses Mal Ante Rebic aus dem Dreiersturm herausfiel und auf der Bank Platz nehmen musste und bei der die zuvor verletzten David Abraham und eben Rode ins Team zurückkehrten, zeigte von Beginn an, dass sie sich den Einzug ins Achtelfinale nicht nehmen lassen wollte, sie spielte taktisch diszipliniert und höchst konzentriert, Zitterfüßchen ob der nervlichen Anspannung waren nicht zu erkennen. 

Typisches Jovic-Tor zum 1:0

Die Frankfurter traten ganz klar im Stile einer Spitzenmannschaft auf, die den Sieg auch einfach mehr wollte. Die Partie lief auch exakt so, wie sie es sich ausgemalt hatten. Dieses Mal hielten sie nämlich hinten dicht – und schlugen vorne eiskalt zu. Das ist die Paradedisziplin von Luka Jovic, dem Angreifer mit dem ausgeprägten Torjägerinstinkt. Nach exakt 23 Minuten nahm der Serbe eine flache Hereingabe von Danny da Costa direkt und zimmerte die Kugel unhaltbar ins Netz der Ukrainer. Sein sechster Treffer im laufenden Wettbewerb. Es war ein typisches Jovic-Tor: ansatzlos, kaltschnäuzig, technisch hochwertig. 

Und um die schöne Stimmung noch ein wenig aufzuheizen, dachte sich Sebastian Rode, dass er es vielleicht mal mit einem Distanzschuss versuchen könnte, obwohl er jetzt nicht als ausgewiesener Distanzschütze bekannt ist. Sei’s drum, Rode zog ab, der Ball fand zwar nicht den Weg ins Tor, aber an den Arm von Mykola Matvijenko – Strafstoß. Sebastien Haller, ein absoluter Spezialist aus elf Metern, war so frei, verlud Torwart Pjatow und schob locker ein (27.). 2:0. Die Party erreichte ihre nächste Stufe.

Weil die Hessen aber im Laufe der ersten Halbzeit und auch zu Beginn der zweiten nicht mehr so zielstrebig agierten, nicht mehr so bedingungslos auf das nächste Tor spielten, blieb Schachtjor im Spiel, mit einem Tor, das war allen klar, würden sie sich – wegen des 2:2 im Hinspiel – zurückmelden, dann würde die Eintracht womöglich doch die Angst befallen, etwas verlieren zu können.

Und so kam, was sich nicht unbedingt angedeutet hatte, was im Fußball aber häufiger so passiert: Die Gäste kamen zurück. Ismaily tankte sich links durch, in der Mitte schoss Torjäger Junior Moraes aufs Tor, Eintracht-Keeper Kevin Trapp bekam die Hände an die Kugel, ließ sie aber irgendwie über die Linie rollen – 1:2 (63.). Ein Dämpfer, und für ein paar Sekunden war es seltsam still im weiten Rund.

Eintracht Frankfurt hat das Glück des Tüchtigen

Was dann kam, war so in etwa zu erwarten: Der Eintracht flatterten die Nerven, und die starken Ukrainer kamen besser auf, drängten die Platzherren zurück, die sich das Glück des Tüchtigen (oder des Aluminiums) erkämpft hatten. Denn binnen neuen Minuten stand gleich zweimal die Latte Pate: Erst hatte Marlos den Balken mit einem Fernschuss getroffen (70.), anschließend Taison per Kopf das Toreck (79.).

Doch die wackeren Frankfurter, angetrieben vom Publikum, schlugen postwendend zurück: Haller mit dem Übersteiger zum 3:1, und zum Schluss machte Ante Rebic den Deckel drauf mit dem 4:1 (88.). Anschließend gab es kein Halten mehr, die Arena verwandelte sich in ein Tollhaus. Und die Reise der Eintracht durch Europa geht weiter.

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