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Europa ist für Eintracht Frankfurt der Maßstab

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Von: Daniel Schmitt

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Kuscheliger Abend in Andalusien: Rafael Borré (links) und Jesper Lindström.
Kuscheliger Abend in Andalusien: Rafael Borré (links) und Jesper Lindström. © Imago

Die Frankfurter Eintracht befindet sich mit dem Sieg in Sevilla im Aufwärtstrend. Nun gilt es, diesen auch fernab internationaler Höhepunkt-Spiele zu bestätigen.

Frankfurt am Main - Tief unten in den Katakomben der Betonschüssel von Betis vollendete Oliver Glasner die zu ihm gespielte Vorlage mühelos. Er, der Trainer von Eintracht Frankfurt, habe ja im Vorfeld des Achtelfinalhinspiels der Europa League in Sevilla davon gesprochen, sich wie ein kleiner Knirps auf dieses Duell zu freuen. Daher also die Frage des Medienvertreters an den junggebliebenen 47-Jährigen. Wie war’s denn nun wirklich? Glasner also nahm den verbalen Steilpass gekonnt auf und erwiderte mit einem Lächeln. Er sei nach dem 2:1-Erfolg seiner Mannschaft auch jetzt „immer noch der bescheidene kleine Junge“. Und weiter: „Die Fans mit ihren Schals, die Stimmung, das war einfach schön.“ Diese Begeisterung sei etwas, das gebe es fast nur im Sport, vor allem im Fußball. Für ihn, der seit Anfang der Neunzigerjahre im Profigeschäft mitmischt, „ist genau das der emotionale Lohn, den du nirgends kaufen kannst.“

Glückselig verließen die Frankfurter tags darauf Sevilla. Nach einem kurzen Erholungstraining auf einem extra angemieteten Platz unter spanischer Sonne ging es am Mittag wieder nach Hause in die Stadt am Main – mit einem verdienten Sieg im Gepäck, der der Eintracht gute Chancen aufs Weiterkommen ins Viertelfinale lässt, wenngleich sich die Mannschaft nicht zu sehr in Sicherheit wiegen sollte. Für Tore sind die offensivstarken Andalusier allemal gut, auch kommenden Donnerstag in Frankfurt.

Eintracht Frankfurt: Oliver Glasner genießt den Moment

Der Trainer aber genoss erstmal den Moment und lobte seine Schützlinge zu Recht für ihre engagierte Vorstellung. „Die Spieler haben wahnsinnig was abgerissen“, fand Glasner. „Sie sind in die Tiefe gesprintet, haben die Räume immer wieder zugelaufen und sich auch auf dem Feld sehr, sehr gut selbst organisiert.“ Etwas, das in den komplizierten, weil von schlechten Ergebnissen und Leistungen geprägten ersten Wochen des Jahres nicht funktioniert hatte. In Köln etwa, das blieb in Erinnerung, coachte Glasner seine Elf unaufhörlich während des Spiels.

Auch diesmal, auch in Sevilla, war er aktiv an der Seitenlinie, vor allem deutlich aktiver als sein traditionell stoischer Gegenüber Manuel Pellegrini. Glasner aber überließ seine Mannschaft diesmal auch ein Stück weit sich selbst. Selbstvertrauen und damit einhergehend auch das Selbstverständnis mit der Kugel am Fuß sind gewachsen, vorne wurden sich reihenweise Chancen erspielt, hinten räumte die Abwehr trotz vieler gewagter Eins-gegen-Eins-Duelle das drohende Übel meistens ab. Kurzum: Es war das beste Frankfurter Spiel des Kalenderjahres, obwohl die Statistik hinterher etwas anderes vermuten ließ. Nur 35 Prozent Ballbesitz, nur 33 Prozent gewonnene Zweikämpfe - Zahlen, die dem Spielverlauf in keinster Weise gerecht wurden und einmal mehr beweisen, dass man nicht immer allzu viel auf sie geben sollte. Denn präsent waren die Frankfurter an diesem Abend. Die Eintracht nutzte die lockere Linie des italienischen Schiedsrichters Marco Guida aus, sie attackierte kernig, nervte die spanische Zockertruppe, bis diese irgendwann ein wenig entnervt klein beigab.

Was gleichzeitig zum größten Kritikpunkt am Frankfurter Fußballspiel führt: die mangelnde Chancenverwertung. Gerade im zweiten Durchgang hatten sich den Hessen eine Menge Tormöglichkeiten erspielt und erkontert, um das Ergebnis deutlich in die Höhe zu schrauben. Ein, zwei weitere Treffer wären locker möglich gewesen.

Fan-Ausschreitungen in der Stadt

Nach dem Spiel der Eintracht in Sevilla ist es zu schweren Ausschreitungen in der andalusischen Metropole gekommen. Dabei soll es laut Medienberichten zahlreiche Verletzte und Festnahmen gegeben haben. Auf einem Internetvideo der andalusischen Sportzeitung „Estadio Deportivo“ ist zu sehen, wie sich Frankfurter Fans und Anhänger des englischen Klubs West Ham United eine heftige Straßenschlacht im Stadtzentrum liefern. Auch die Ankunft der Polizei wurde auf dem Video festgehalten. West Ham spielt am Donnerstag in der Europa League beim FC Sevilla, dem Stadtrivalen von Eintracht-Gegner Betis. sid

Vor allem Stürmer Rafael Borré verpasste nach den Toren im ersten Abschnitt von Filip Kostic und Daichi Kamada den K.o. der Andalusier, nicht nur mit seinem kläglich verschossenen Elfmeter, auch danach. Zweimal scheiterte er noch in allerbester Position am zuvor wackligen Sevilla-Schlussmann Claudio Bravo. Borré verlor vor dem Kasten irgendwann schlichtweg die Nerven, bolzte blind drauf, statt die Kugel mit der Innenseite überlegt in die Ecken zu platzieren – Qualitäten, die ein Mittelstürmer auf Bundesliganiveau eigentlich haben sollte. Borré, das machte der Frankfurter Sportvorstand Markus Krösche hinterher indirekt deutlich, hat andere: „Er ist ein guter Auslöser für unser Pressing.“

Überhaupt dürfe man nach diesem 2:1-Auswärtssieg jetzt nicht abheben, sagte Krösche: „Das Erreichen des Achtelfinales war ein Riesenerfolg für Eintracht Frankfurt, und hier zu gewinnen natürlich auch. Wir dürfen nicht die Bodenhaftung verlieren.“

Eintracht Frankfurt: Leistungsträger im Aufwind

Bereits Ende Februar nach dem Bayern-Spiel, das mit einer einzigen echten Torchance für die Eintracht mit 0:1 verloren ging, hatte Trainer Glasner davon gesprochen, die Talsohle sei nun durchschritten. Manch einer belächelte diese Aussage, auch die FR mäkelte, dass da vielleicht Vieles „eine Spur zu rosarot gemalt“ worden sei vom Übungsleiter. Knapp zwei Wochen später darf der sich zumindest vorsichtig bestätigt fühlen.

Ein 4:1 in Berlin gegen einen sehr schwachen Gegner, ein 2:1 in Sevilla gegen einen an diesem Abend mittelmäßigen Kontrahenten – beides lässt die Eintracht hoffen, dass die kommenden zwei Monate dazu genutzt werden, die wechselhafte Spielzeit noch zu einer guten zu machen.

Manch Leistungsträger wie Filip Kostic, Djibril Sow, Daichi Kamada und – mit Abstrichen – Martin Hinteregger befindet sich im Aufwind, jüngere Profis wie Jesper Lindström oder der in Sevilla herausragend verteidigende Tuta konservieren und steigern ihre Form. „Da geht mir das Herz auf“, sagte Glasner, der in Sevilla auch erstmals während seines Frankfurter Wirkens die Wucht des Publikums erleben durfte. Die rund 5000 Gästefans weit droben im Oberrang feierten ihre Mannschaft noch minutenlang nach Abpfiff, als die spanischen Fans das Stadion längst verlassen hatten. Alles in allem fasste Manager Krösche das Erlebte nüchtern zusammen: „Wir haben jetzt eine sehr gute Ausgangsposition für das Rückspiel.“ In der Tat.

Eintracht Frankfurt: Fokus auf das Spiel gegen Bochum

Am Sonntagabend wartet jedoch erstmal die Bundesliga, der VfL Bochum, eine traditionsreicher, sportlich im Vergleich zu Betis aber gewiss weniger reizvoller Opponent. Hier gilt es für die Frankfurter nachzulegen, auch in der Liga die Trendumkehr zu bestätigen und daheim mal wieder einen Sieg einzufahren. Der letzte liegt lange zurück, bald drei Monate: 18. Dezember 2021, ein 1:0 gegen Mainz 05. „Es geht in die richtige Richtung“, findet Glasner jedenfalls und fordert: „Jetzt haben wir zwei Heimspiele nacheinander vor der Tür, da wollen wir wieder auf Sieg auf spielen.“

Und schließlich, in ganz weiter Ferne, können sie dann ja vielleicht wieder zurückkommen an den Wohlfühlort Spanien. Das Finale der Europa League, 18. Mai, findet ebenfalls in Sevilla statt. (Daniel Schmitt)

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