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Fredi Bobic - Sportvorstand bei Eintracht Frankfurt

Corona

Essen auf Rädern

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Eintracht-Sportvorstand Fredi Bobic über infizierte Spieler, Quarantäne und mulmige Gefühle

Am Sonntag hat sich Fredi Bobic, der Sportvorstand der Frankfurter Eintracht, aus der Quarantäne zu Wort gemeldet. Dem 48-Jährigen geht es gut, er ist fit, natürlich ist er eingeschränkt in seinem Tun, da ergeht es dem früheren Nationalspieler nicht anders als allen anderen Bürgern, und er geht verantwortungsbewusst mit der neuen, von Unsicherheit geprägten Situation rund um die Coronakrise um. „Wir haben die Zeichen der Zeit erkannt“, sagte Bobic. „Wir Verantwortliche müssen vorleben, viele notwendige Dinge anders zu machen.“

Das alles und noch viel mehr bekundete der Sportchef per Videobotschaft, er verlässt seine Wohnung in Frankfurt nicht, er hält sich an die Bestimmungen, die ihm und vielen Mitarbeitern des Fußball-Bundesligisten auferlegt wurden, weil zwei Spieler mittlerweile positiv auf das Virus getestet worden sind. Am Sonntag stellte er sich dennoch den drängenden und schriftlich eingereichten Fragen der Berichterstatter, jeder will ja wissen, wie es weiter geht in diesen merkwürdigen Zeiten, viele wünschen sich Informationen von einem Verein, der für viele Menschen eben mehr als nur ein Verein ist, sondern vielmehr eine Institution und eine Art Leuchtturm darstellt – in guten wie in schlechten Zeiten.

Mit einem mulmigen Gefühl, beschied Fredi Bobic also, wache er morgens nicht auf, aber sehr wohl „mit dem Gefühl der Ungewissheit“. Er mache sich Gedanken um seine Familie, klar, in erster Linie um seine Eltern, die über 70 Jahre alt sind und „damit automatisch zur Risikogruppe zählen“, auch um seine Schwester, aber ihr gehe es gut.

Genauso wie den beiden infizierten Eintracht-Profis. „Es zeigen sich die typischen Symptome, aber es handelt sich um keinen kritischen Zustand“, betonte Bobic. „Bald liegen uns auch die restlichen Testergebnisse vor. Deshalb kann es möglich sein, dass noch der eine oder andere Spieler dazu kommt und es generell weitere Beteiligte erwischen wird – so wie bei jeder anderen Mannschaft auch.“

Alle Akteure gingen hochprofessionell mit dieser höchst ungewohnten Situation um, sie versuchen, das Beste daraus zu machen. Kevin Trapp, der Torwart, macht ein paar Handstände im Wohnzimmer, Filip Kostic jongliert daheim tatsächlich mit einer Klopapierrolle. Normalität inmitten des Ausnahmezustands.

Perfekter Lieferservice

Ausmaße wie in Italien, wo gleich mehrere Spieler von Juventus Turin die strikten Regeln durchbrochen haben und in ihre Heimat geflogen sind, erkennt der Sportvorstand in Frankfurt nicht. „Es gibt klare Vorgaben. Wir haben schon in der vergangenen Woche gesagt, dass alle besser in Frankfurt und der Region bleiben sollten. Alle von uns halten sich daran, was sehr viel Disziplin erfordert. Unabhängig davon haben die Jungs große Lust, ihren Körper fitzuhalten und sich zu bewegen.“ Nicht nur per Handstand oder Jonglage der ja so begehrten Papierrollen.

Bewegungsdrang liegt bei einem Profisportler in der Natur der Sache, lässt sicher allerdings in Zeiten der erzwungenen Einschränkung nur bedingt umsetzen. Gerade deshalb hat die Eintracht zu einer nicht alltäglichen Maßnahme gegriffen und ihren Spielern Spinning-Bikes ins traute Heim liefern lassen. „Unser Athletiktrainer hat Videos für das Training zu Hause eingestellt“, erzählte Bobic.

Auch um das leibliche Wohl kümmert sich der Klub und hat daher eigens eine App eingerichtet, über die die Fußballer beim allseits geschätzten Mannschaftskoch Essen bestellen können und selbstverständlich auch geliefert bekommen. „Die Spieler nehmen unser Angebot sehr gut an“, berichtete Bobic. Und der praktische Service hat noch einen Vorteil. Der soziale Kontakt wird vermieden, bei prominenten Menschen nicht zu unterschätzen. „Einkäufe würden sich für die Jungs sicher noch schwieriger gestalten, weil sie wahrscheinlich erkannt werden und um Fotos gebeten würden“, gibt der Sportboss zu bedenken.

Er hat auch lobende Worte für den verantwortlichen Cheftrainer Adi Hütter parat, der alleine in seiner Wohnung in Frankfurt-Höchst der Dinge harrt. „Für ihn ist es auch nicht leicht. Es ist logisch, dass ihn als Familienvater die Situation nicht kalt lässt. Aber er geht professionell damit um.“

Dessen ungeachtet sei die Sportliche Führung um Bobic, Sportdirektor Bruno Hübner und Coach Hütter für Fragen stets erreichbar. „Vergangene Woche konnten wir uns noch persönlich treffen, was einfacher war. Mittlerweile läuft das meiste telefonisch ab.“ Um die Spieler sorgt er sich gar nicht so sehr, wie er lachend schilderte: „Gerade die jüngere Generation weiß ja bestens mit ihren Smartphones umzugehen und ist in den Sozialen Medien sehr fleißig.“

Auch auf Vorstandsebene glühen die Drähte. Mit den Kollegen Axel Hellmann und Oliver Frankenbach tausche er sich täglich per Telefon- oder Videokonferenz aus, zudem sei auch der Kontakt zur DFL ausgeprägt, wichtig sei dieser sowieso. Keiner weiß ja, wann, in welcher Form und ob überhaupt wieder gespielt wird. Es gibt Virologen, wie den anerkannten Wissenschaftler Christian Drosten, der Geisterspiele über eine lange Zeit hinweg prophezeit. „Ich glaube überhaupt nicht daran, dass wir in irgendeiner absehbaren Zeit wieder Fußballstadien voll machen. Das wird es bis nächstes Jahr um diese Zeit nicht geben“, sagte Drosten dem „Stern“.

Bobic hält sich bei solchen Prognosen eher im Vagen, weiß um das wichtigste Gut, die Gesundheit, betont aber auch die Kraft des Fußballs, der auch dazu diene, die Leute ein wenig zu unterhalten und auf andere Gedanken zu bringen. „Wir wollen irgendwann unseren Beitrag dazu leisten, dass die Menschen wieder über andere Dinge sprechen als über das Coronavirus. Das macht den Sport aus. Aber es muss sicher und darf für die Gesundheit nicht schädlich sein.“

Ökonomisch wolle er sich solch ein Szenarium gar nicht ausmalen. „Ein Saisonabbruch wäre nichts Positives. Für alle Klubs und auch Eintracht Frankfurt wäre es ein wirtschaftlich hoher Schaden. Wir werden alles dafür tun und hoffen, dass wir auch weiter Fußball spielen können. Da geht es auch um Arbeitsplätze im Klub und drumherum. Fußball ist ein enormer Wirtschaftszweig. Ein Saisonabbruch würde sehr viele sehr hart treffen. Wie viele kleine oder mittelständische Unternehmen auch.“

Solidarmodell in Frankfurt

Weit mehr als 700 Millionen Euro würde eine Komplettabsage die Klubs kosten. Da fällt der eine etwas weicher als der andere, der Aufprall ist dennoch für alle hart, für manche gar zu hart. Was passiert, wenn in diesem Jahr nicht mehr gespielt werden könnte, vermag niemand seriös abzuschätzen. Bobic mahnt generell: „Wichtig ist, dass Eintracht Frankfurt überlebt und andere Klubs auch überleben.“ Grundsätzlich hoffe er, die Saison irgendwie beenden zu können, notfalls auch nach dem 30. Juni, wenn viele Spielverträge auslaufen. „Es gibt sicher flexible Möglichkeiten, einen Spieler vertraglich über den Juni hinaus zu binden. In dieser Hinsicht sind nicht nur die Klubs, sondern auch die Bundesliga und die Uefa gefordert, weil derlei Maßnahmen das aktuelle Gesetz außer Kraft setzen würden.“

Manch einer befürchtet mittlerweile gar den Kollaps des Transfersystems im Sommer. „Es müssen sehr viele negative Dinge passieren, damit ein Transfersommer nicht mehr stattfindet“, sagte Bobic. „Wir sollten erst einmal schauen, was passiert, bevor man sich Horrorszenarien ausmalt.“ Dennoch ist er wegen der generellen Unsicherheit froh, „dass wir viele Spieler mit langfristigen Verträgen in unseren Reihen haben und gut aufgestellt sind.“ Vertragsgespräche mit potenziellen Neuzugängen oder Routiniers wie Makoto Hasebe oder Gelson Fernandes seien im Moment quasi ausgeschlossen. „Wir haben im Vorfeld viele Gespräche geführt, müssen aktuell aber erst mal alle Szenarien durchspielen. Neue Positionen werden sicher zurückgestellt, geplante Dinge lange nach hinten verschoben.“ Allzu verständlich.

Und abschließend hat sich der Sportchef auch zum allseits geforderten Solidarmodell geäußert. „Ich finde das Thema Gehaltsverzicht spannend. Die Spieler selbst haben von sich aus selbst bereits positive Signale gesendet. Ich kann mit Sicherheit sagen, dass jeder seinen Solidaritätsbeitrag leisten wird. Wir werden alles dafür tun, die Arbeitsplätze im Klub und im Fußball insgesamt zu sichern.“

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