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„Solange Hölzenbein (m.) für die Eintracht spielt, habe ich ja etwas, worauf ich mich immer freuen kann.“ 1976 schoss er gegen Graz eines der beiden Tore.

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Erwachsen nach Austria

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Eintracht Frankfurt tritt am Donnerstag im Rückspiel des Europa-League-Sechzehntelfinales beim FC Salzburg an. Eine Glosse.

Man kann natürlich nicht immer nur von früher erzählen. Wir leben ja heute, und das ist eigentlich das Wichtigste. Aber über den Fußball von früher zu fachsimpeln, sich in das Fußballgefühl von früher fallen zu lassen, wie gut tut das denn?

Heute also: Rückspiel in Salzburg. Meine erste Erinnerung an ein Auswärtsspiel der Eintracht im Europapokal gegen ein österreichisches Team ist das 2:0 bei Sturm Graz 1976. Bernd Hölzenbein schoss im Fernsehen am Nachmittag das erste, Rüdiger Wenzel das zweite Tor vor 12 000 Fans. Damals, als kleiner Junge, oder sagen wir: als fast mittelgroßer Junge, hatte ich einen festen Lebensgrundsatz.

Der hieß: Solange die Eintracht am Samstag in der Bundesliga spielt – und warum sollte sich das jemals ändern? –, solange freue ich mich, dass ich am Leben bin. Das klingt jetzt vielleicht krasser, als es war. Vielleicht auch nicht. Ich habe einen Tag vor Augen, an dem ich aus der Schule in den Hort ging, den Ranzen auf dem Rücken, und da dachte ich ernst bei mir: Wie schlimm, dass Leute den Lebensmut verlieren. Aber solange Hölzenbein für die Eintracht spielt, habe ich ja etwas, worauf ich mich immer freuen kann, egal, was passiert.

Der Bub von damals weiß heute, dass die Dinge nicht so einfach liegen und dass es noch andere Beweggründe im Leben gibt als den Fußball. Dass da viel mehr ist, was über Glück oder Trauer entscheidet, über Hoffnung oder Depression. Damals gab es auch den einen oder anderen Schatten, aber im Bewusstsein präsent war dieser starke Halt, den die Vorfreude auf ein Ereignis von unerschütterlichem Bestand gab: Eintracht Frankfurt spielt am Samstag um 15.30 Uhr. Und basta.

Längst seufzen Sie an den Frühstückstischen: Schön wär’s! Das Samstagsspiel um halb vier, von wegen unerschütterlich, das ist doch heute die Ausnahme. Freitags, sonntagmittags wird gekickt, sonntagabends, sogar am Montag, bis die Fans vor Wut glühen – oder wegbleiben. Ganz zu schweigen von den Jahren, die die Eintracht gar nicht in der obersten Etage verbrachte. Was hätte der kleine Junge wohl gedacht, wenn das damals passiert wäre? Ein Abstieg der Eintracht, 20 Jahre früher? Womöglich ein Wechsel von Hölzenbein zu einem anderen Klub? Zu den Bayern?! Was hätte das mit seinem Weltbild gemacht?

Vielleicht war es der unerschütterliche (Aber-)Glaube, der solch ein sportliches Unglück seinerzeit verhindert hat. Man weiß ja nie. Fest steht: Inzwischen haben sich alle Maßstäbe verschoben. Der Fußball ist viel mehr Geschäft als damals. Sein Stellenwert im Leben vernünftiger erwachsener Leute sollte im Rahmen bleiben. In Fanszenen, die etwas auf sich halten, wird der gesellschaftliche Zusammenhang mitgedacht – Verantwortungsgefühl und Toleranz, die gewachsene Sportgemeinde Eintracht hat sich dabei in den vergangenen Jahren stark gezeigt.

Die Widerstandsfähigkeit des Jungen von einst gegen das plötzliche Vorhandensein sportlicher Misserfolge ist mitgewachsen, der Schock der Besiegbarkeit ist verarbeitet; eine wertvolle Erfahrung für jeden. Im Kopf sollten wir alle aber behalten: Da draußen sind kleine Mädchen und Jungen, für die gibt es eine Zeitlang im Leben kaum größere Vorbilder als die verehrten Fußballer auf dem Platz und das Umfeld drumherum. Das kommt gleich hinter Mama und Papa. Denken wir dran.

Und gegen einen 2:0-Auswärtssieg wie damals wäre natürlich auch nichts einzuwenden, diesmal sogar abends und ohne Fernseher, live im Stadion. Da kann man sich drauf freuen wie ein kleines Kind.

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