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Erinnerungen schaffen

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Von: Daniel Schmitt

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Top-Torschütze bei den Kickers: David Braig.
Top-Torschütze bei den Kickers: David Braig. © imago

Die Stuttgarter Kickers sind abgestützt in die Niederrungen des Amateurfußballs, die „blaue Familie“ des Frankfurter Pokalgegners aber steht zusammen.

Die Blauen, findet Jürgen Klinsmann, hätten sich diese „Mega-Auslosung“ total verdient. Sie stünden jetzt zwar vor einer „Wahnsinnshürde“, doch „warum sollten wir alle nicht ein bisschen träumen dürfen? Alles ist möglich im Fußball.“ In diesen digitalen Zeiten ist es also auch möglich, dass sich Jürgen Klinsmann, einst ein Blauer bei den Stuttgarter Kickers in jugendlichen Anfängen seiner Weltkarriere, aus dem fernen Los Angeles zuschalten lässt und dem schwäbischen Ein-Frau-Medienteam im Vorfeld des DFB-Pokal-Zweitrundenduells an diesem Dienstag (18 Uhr/Sky) gegen Eintracht Frankfurt ein Videointerview gibt.

Klinsmann hockt dann da im, na klar, blauen Fan-Sweater der Kickers, im Hintergrund glänzen die Pokale, und plaudert über seine nie verlorengegangene Verbindung zum abgestürzten Traditionsklub, über vergangene Tage, und vor allem über das, was da kommt. „Ein Spiel zum Erinnern.“ Er, der einstige Bundes-Klinsi, werde sich die Begegnung selbstverständlich reinziehen im TV, „parallel zum zweiten Espresso“. Anstoßzeit im kalifornischen Breitengrad: neun Uhr morgens. Na dann, viel Spaß.

Sportchef mit Frankfurt-Vita

Solch prominente Namen wie jenen von Jürgen Klinsmann sucht man in diesen Tagen vergebens bei den Stuttgarter Kickers, immerhin DFB-Pokalfinalist 1987, auch ehemaliger Bundesligist. Bereits in der fünften Saison nacheinander treten die Kickers in der fünftklassigen Oberliga an. Zum Vergleich: Die zweite Mannschaft von Eintracht Frankfurt spielt derzeit ebenfalls auf diesem Level.

Trainer wie Spieler des Tabellenführers (zehn Siege, zwei Remis, eine Niederlage) sind über die Stuttgarter Stadtteilgrenze von Degerloch kaum bekannt. Der Sportdirektor Marc Stein schaffte es früher immerhin selbst mal als Verteidiger in die Bundesliga, spielte 71-mal für die Hertha aus Berlin und Hansa Rostock, ehe er später auch beim FSV Frankfurt und den Offenbacher Kickers landete. Im Mittelfeld ackerte Luigi Campagna ebenfalls eineinhalb Jahre lang beim OFC. Beste Stuttgarter Torschützen in der Liga sind die weithin Unbekannten David Braig und Kevin Dicklhuber mit je acht Treffern. Der Trainer Mustafa Ünal kann vor seiner Zeit bei den Kickers auf jahrelange Jugendarbeit beim SSV Ulm zurückblicken.

Die vergangenen Jahre verliefen für die Schwaben tragisch. Erst wurde der Klub, der sich gegen die Eintracht auf 10 000 Fans im Stadion auf der Waldau freuen darf, in Sachen Aufstieg ausgebremst von Corona - die Saison 2020/21 wurde abgebrochen. Dann rutschte er in der vergangenen Spielzeit erst in allerletzter Minute trotz 91 Punkten aufgrund der schlechteren Tordifferenz hinter den SGV Freiberg auf Rang zwei zurück, um schließlich in der Relegation an Eintracht Trier, noch so ein Traditionsverein auf Amateurabwegen, zu scheitern. In dieser Saison soll die Rückkehr ins Halbprofitum, die viertklassige Regionalliga, endlich gelingen.

Entsprechend klar ist der Schwerpunkt gesetzt: Das Spiel gegen den Europa-League-Sieger aus dem Hessischen ist eine Zugabe, die sich das Team mit dem 2:0-Überraschungscoup in der ersten Pokalrunde gegen Greuther Fürth ersiegt hatte, doch eben auch nicht mehr. Der Fokus liegt auf der Liga. Trainer Ünal beobachtete am Wochenende daher auch nicht die Eintracht live im Stadion, er schickte stattdessen einen Co-Trainer nach Frankfurt, sondern die beiden nächsten Oberligagegner aus Reutlingen und Großaspach. „Wir werden gegen die Eintracht sehr wenig Ballbesitz haben, noch einen Tick extremer als das gegen Greuther Fürth der Fall war“, vermutet Ünal: „Dafür können wir aber befreit aufspielen.“

Das letzte Duell zwischen den Stuttgarter Kickers und der Eintracht liegt schon eine Weile zurück. Februar 1998, zweite Liga, die Hessen setzten sich dank zweier Tore in der Schlussphase (Brinkmann, Westerthaler) mit 3:2 durch. Jürgen Klinsmann stürmte damals natürlich längst nicht mehr für die Kickers, sondern bei den Tottenham Hotspur - weshalb sich der Kreis schließt, bekamen es doch die Hessen unlängst erst mit dem Premier-League-Klub zu tun. Klinsmann hatte sich auch jenes Champions-League-Duell genau angeschaut im TV und setzt darob zur Mutmacherrede für „die blaue Familie“ an: „Die passende Tagesform, ein wenig Glück, vielleicht ein frühes Tor nach einer Ecke.“ Man wisse ja nie im Fußball ...

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