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Adi Hütter hat die Eintracht auf Erfolgskurs gebracht.

Adi Hütter

Der Entfessler

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Eintracht-Trainer Adi Hütter ist der Vater des Frankfurter Höhenflugs - er hat sich aber freischwimmen müssen.

Der ausländische Gast hatte die Inkompetenz schnell humorvoll abgefedert. Immer wieder vermochte der Dolmetscher den Sätzen nicht zu folgen, die er zu übersetzen hatte, er fragte nach, bat um Wiederholung, forderte die Fragesteller auf, lauter, langsamer, deutlicher zu formulieren. Die Pressekonferenz von Eintracht Frankfurt vor dem Rückspiel in Nikosia gegen Apollon Limassol drohte da ins Slapstickhafte abzudriften, als der Frankfurter Trainer Adi Hütter die Situation sehr entspannt rettete. „Sie sind hier der Chef“, sagte er grinsend und legte dem überforderten Dolmetscher die Hand beruhigend auf die Schulter.

Adi Hütter hat auf Zypern sehr souverän die Contenance gewahrt, selbst wenn er den Auftritt als nicht besonders glücklich erachtete. Er mag solche unprofessionellen Auftritte nicht. Hütter gilt als einer, der bestens vorbereitet ist, der weiß, was er sagt, wie er es sagt. Und er weiß auch, wie er sich, gerade in der Öffentlichkeit, zu verhalten hat: Er ist höflich, zurückhaltend, eloquent, eher nachdenklich, er überlegt, ehe er Sätze formuliert. Meist spricht er recht leise. Er kann mit vielen Worten wenig sagen, aber auch das genaue Gegenteil. Als Eintracht Frankfurt vor dem Heimspiel gegen Hannover 96 nach einer Serie von sieglosen Spielen drohte, ganz nach unten durchgereicht zu werden, hat er genau das thematisiert: „Natürlich stehen wir unter Druck, wir müssen dieses Spiel gewinnen“, hatte er in der Pressekonferenz vor der Partie gesagt. Anderntags gewannen die Frankfurter mit 4:1, es war der Beginn einer bis heute anhaltenden Erfolgswelle, danach reihten die Hessen zur Überraschung von Branche und Fans acht Siege in neun Spielen aneinander.

Berauschendes Offensivspektakel 

Der 48 Jahre alte Vorarlberger, bekannt als bodenständig und wertkonservativ, leitet aktuell zutiefst unaufgeregt eines der aufregendsten Teams der Liga an. Heimlich, still und leise, mit Geduld und ohne großes Bohai hat Hütter eine Mannschaft geformt, die nach elf Spieltagen auf einem Champions-League-Platz steht, und dies nicht unverdient - mit der puren Lust am Spiel, mit einer Freude an Toren und einem Offensivspektakel, das man in Frankfurt lange nicht erlebt hat. „Mein Ansatz ist nicht, ein 1:0 zu verteidigen, ich strebe das 2:0 an.“ Das hat Hütter vor seinem Engagement bei der Eintracht gesagt, da war er gerade zum ersten Mal seit 32 Jahren Schweizer Meister mit Young Boys Bern geworden. Naja, hat man da gedacht, das mag nett klingen, aber gilt das auch in der Bundesliga? Hütter, obzwar österreichischer Nationalspieler und als Coach durchaus erfolgreich, war ja in Deutschland ein weitgehend unbeschriebenes Blatt.

Und wie das klappen sollte. Vier Monate später stellt Eintracht Frankfurt den zweitbesten Sturm, ihre Angriffsreihe mit Luka Jovic, Ante Rebic und Sebastien Haller, die an 25 der 26 Treffer direkt beteiligt war, donnert wie „eine Büffelherde“ (Torwart Kevin Trapp) über die Ligawiesen. Diesen Sturm hat Adi Hütter entfesselt, unaufgeregt, ohne großes Tamtam, aber nachhaltig. Er ist der Vater des momentanen Höhenflugs. 

„Die Kritik war berechtigt“

Zu Beginn seiner Tätigkeit im Stadtwald hakte es noch gewaltig. Eintracht Frankfurt wurde im Supercup von Bayern München vorgeführt, scheiterte als Pokalsieger peinlicherweise in der ersten Runde an einem Viertligisten, und Hütter fiel seinerzeit damit auf, wie glücklich er sei, „in der deutschen Bundesliga“ zu arbeiten; das sei „nicht selbstverständlich als Schweizer oder Österreicher“. Ein bisschen Selbstzweifel schimmerte da durch, vielleicht auch nur Demut vor der größeren Aufgabe. Jedenfalls blieb Kritik nicht aus. „Und diese Kritik“, sagte Hütter, „war berechtigt.“ Auch da redete er, anders als viele, Klartext.

Hütter, der den Vornamen Adolf in Erinnerung an seinen tödlich verunglückten Onkel trägt, aber alles andere als liebt, er hat sich in Frankfurt erst einmal emanzipieren müssen, er hat sich freischwimmen müssen von einer Sportlichen Leitung, die anfangs Einfluss genommen hat. Ohne sein Wissen durfte Leitwolf Kevin-Prince Boateng den Klub verlassen, die Zusammenstellung des Kaders war weitgehend vor seinem ersten Arbeitstag abgeschlossen, inklusive des Abschieds von „Fußballgott“ Alex Meier. Auch die Installierung einer stillosen sogenannten Trainingsgruppe zwei entsprang nicht seinen Vorstellungen. Dazu waren viele WM-Fahrer in einer erneut aus aller Herren Länder zusammengestellten Multi-Kulti-Truppe noch außer Tritt. Der Start ins Abenteuer Bundesliga hätte einfacher sein können, Hütter selbst musste ja ganz schön strampeln.

Ein Partner der Spieler

Doch der gelernte Großhandelskaufmann, der „kein Freund der Spieler“ sein will, aber „ein Partner“, bekam nach anfänglichen Schwierigkeiten die Kurve. In dem er Dinge - auch der Not gehorchend – änderte: Er stellte von einer, von ihm eigentlich favorisierten Vierer- auf eine Dreierkette mit einem dann überragenden Makoto Hasebe um, er beorderte - einer seiner besten Schachzüge – den bis dato als Söldner verschrieene Filip Kostic nach links hinten, er traute einem 19 Jahre alten Greenhorn namens Evan Ndicka eine tragende Rolle in der Innenverteidigung zu, und er ließ stürmen, bedingungslos stürmen.

Auf einmal spielte Eintracht Frankfurt, zuvor allenfalls mit Attributen wie nicklig, unbequem oder defensivstark bedacht, einen furiosen, mutigen, attraktiven Angriffsfußball, einerlei ob im eigenen Stadion oder in der Fremde, selbst Olympique Marseille und Lazio Rom hielten in der Europa League den couragierten Frankfurter Attacken nicht stand. War Vorgänger Niko Kovac vornehmlich darauf bedacht, das Ergebnis abzusichern, will Hütter es ausbauen, hatte Kovac die Leine oft angezogen, lässt sie Hütter lockerer. Versuchte Kovac alles zu kontrollieren, setzt Hütter auf Kommunikation.

„Entspannter“ als Kovac 

Der Österreicher, ein um Ausgleich bemühter Zeitgenosse, gestattet Freiräume, engt die Profis nicht ein. „Entspannter“ sei er, beschrieb der Franzose Haller den Coach im Vergleich zu seinem Vorgänger. Hütter presst das Team in kein allzu enges taktisches Korsett. In der Länderspielpause gibt der Coach schon mal drei Tage frei. „Es ist ein Geben und Nehmen“, sagt Schlussmann Trapp, auch er ist einer der Garanten des Erfolgs.

„Wir haben weniger Druck“, sagt Haller und findet, dass die Mannschaft jetzt „besser ist als im letzten Jahr“. Vor allem aber: Hütters Denken ist gnadenlos offensiv ausgerichtet, seine Spielphilosophie zielt stets in Richtung Angriff. Er will agieren, das Heft des Handels in die Hand nehmen. Und legt dabei ein erstaunliches Selbstbewusstsein an den Tag. Im Spiel beim abstiegsbedrohten und verunsicherten VfB Stuttgart schickte Hütter erstmals getreu dem Motto „Angriff ist die beste Verteidigung“ alle drei Stürmer Rebic, Haller und Jovic aufs Feld, nach 30 Minuten lagen die Hessen 2:0 vorne, Haller und Rebic hatten jeweils nach Vorlage von Jovic getroffen, die Partie war entschieden. Hütter schaut mehr auf die eigenen Stärken als auf die der Gegner, auch das ein gravierende Unterschied zu Kovac. Und diese nach vorne orientierte Spielweise kommt an bei der Mannschaft, „sie passt zu uns“, sagt Mittelfeldspieler Jonathan de Guzman. 

Hütter hat Spieler besser gemacht 

Unstrittig ist zudem: Adi Hütter, der intern durchaus autoritär und direkt sein kann, hat Spieler besser gemacht, hat sie und damit die komplette Mannschaft auf ein anderes Level gehoben. Haller zum Beispiel, der in der Rückrunde komplett neben den Schuhen stand, Jovic, der knipsende Senkrechtstarter, selbst einer wie Gelson Fernandes, ein fleißiger, aber spielerisch limitierter Bälleklauer, der in der vergangene Runde keine Rolle spielte und jetzt zur Stammkraft avanciert ist. Oder auch Danny da Costa auf der rechten Seite, vom Japaner Hasebe ganz zu schweigen, im dritten Frühling und in der Form seines Lebens, als 34-Jähriger.

Und es herrscht eine ausgewogene Balance zwischen couragierter Angriffswut und solider Abwehrarbeit. „Heißes Herz, kühler Kopf müsse die Parole sein“, hat Hütter gesagt. Die Chemie stimmt ganz einfach im Team, trotz (oder vielleicht wegen) der vielen Nationen. „Jeder hat gute Laune, jeder ist glücklich“, sagt de Guzman, ein in Toronto geborener Niederländer mit philippinisch-jamaikanischen Wurzeln. Für dieses angenehme Binnenklima hat Hütter gesorgt mit seiner zwar strengen, aber fairen Art. „Wir sitzen im selben Boot, aber ich bin der, der auf der Kommandobrücke das Tempo vorgibt.“ Hütter hat verschüttete Kräfte freigesetzt. Man sieht die Handschrift des Trainers, der unübersehbar an Statur gewonnen, der sein Profil geschärft hat.

Und dies trotz aller Doppelbelastung durch die Spiele in Europa. Spiele, die die Eintracht als Bereicherung empfindet, als Motivation, die beflügelt. Und Hütter hatte auch da zunächst ein Päckchen zu schultern gehabt, ein Päckchen, das ihm Vorstand Fredi Bobic auferlegt hatte, als er vollmundig erzählte, man wolle „durch die Gruppe marschieren“. Doch auch diese Vorgabe hat der Fußballlehrer erfüllt, vorzeitig sogar. Und weil sich die Mannschaft ganz offenbar auch körperlich in einem ausgesprochen guten Zustand präsentiert, trotz einer insgesamt sehr anspruchsvollen Spielweise, gibt es keinen Ausreißer nach unten in der Liga. Mehr noch: Eintracht Frankfurt gehört zu den Klubs, die die meisten Zweikämpfe führen und die meisten Kilometer abspulen. Allerdings wird sich erst noch zeigen, ob das Team nicht wieder, wie regelmäßig unter Kovac, in der Rückrunde einbricht.

Es ist also kein Wunder, dass sie in Frankfurt hochzufrieden sind mit ihrem „Hütter der Büffelherde“ (HR). Der Aufsichtsratsvorsitzende Wolfgang Steubing hat via „Bild“ sogar schon höchstpersönlich seinen Hut vor dem Coach gezogen. Adi Hütter hat das zur Kenntnis genommen, unaufgeregt, unprätentiös - so wie es seine Art ist.

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