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Wirkt ratlos: Armin Veh.

Eintracht-Krise

Ein einziges Rätsel

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Die erste Halbserie dieser Saison neigt sich ihrem Ende entgegen. Eine Hinrunde, in der Eintracht Frankfurt immer weiter in die Krise gerutscht ist.

Wer den genauen Zeitpunkt benennen möchte, an dem es für Eintracht Frankfurt in dieser Saison bergab ging, muss gedanklich zurückreisen in den September dieses Jahres. Am letzten Sonntag jenes Monats empfing die Eintracht Hertha BSC. Es war der siebte Spieltag, die Hessen hatten bis dahin eine ruhige, solide, rundweg ordentliche Runde gespielt, zweimal gewonnen, zweimal verloren und zwei Unentschieden geholt. Das war nicht überwältigend gut, aber auch nicht besorgniserregend schlecht. Es war so mittendrin.

Und dann kam eben die Partie gegen die Berliner, die Eintracht spielte eine recht gute erste Hälfte, nicht überragend, aber sehr strukturiert und manierlich. Sie ging durch Alexander Meier – wen sonst? – mit 1:0 in Führung, alles schien den vorgegebenen Gang zu gehen, und als Marc Stendera den Ball kurz vor der Pause mit Verve an die Latte knallte, da dachte man: Okay, das Kind wird die Eintracht in der zweiten Hälfte schon schaukeln.

Pustekuchen.

Mit Beginn des zweiten Abschnitts fiel die Mannschaft quasi auseinander oder brach in sich zusammen. Nichts ging mehr, die Hertha schnürte die Platzherren förmlich ein, die kaum noch einen Entlastungsangriff zustande brachten. Kurz vor Schluss glich Vladimir Darida aus. Mit einem Sieg hätte sich die Eintracht elf Punkte gehabt und oben anklopfen können, so verharrte sie im unteren Mittelfeld.

Niemand weiß warum

„Wir haben nur noch reagiert. Das war viel zu wenig“, stöhnte Trainer Armin Veh, der dem kollektiven Einbruch in der zweiten Halbzeit einigermaßen ratlos gegenüberstand. Später sprach Armin Veh davon, dass es so aussah, als hätte jemand seiner Mannschaft den Stecker gezogen. Das Blöde: Bis heute ist er nicht wieder eingestöpselt worden. Bis heute weiß niemand, auch die sportlich Verantwortlichen nicht, was dort passiert ist, was diesen Einbruch bewirkt hat, was der Auslöser war und weshalb die Mannschaft seitdem gar nicht mehr in die Spur zurückgefunden hat. Es war rätselhaft, und es bleibt rätselhaft. „Ich hatte schon damals kein gutes Gefühl mehr“, sagte Sportdirektor Bruno Hübner erst in dieser Woche. Irgendetwas war faul im Staate Eintracht. In jedem Fall begann an diesem Sonntag so ab 16.30 Uhr der schleichende Niedergang.

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Und doch glaubte niemand, dass es einen solch dramatischen Absturz geben könnte. Auch Armin Veh nicht. Denn der Trainer erhöhte nach der Hertha-Ernüchterung den Druck auf seine Mannschaft. Ganz gezielt und ganz bewusst. Die Begegnung beim Klassenneuling FC Ingolstadt stilisierte der 54-Jährige zu einem Schlüsselspiel hoch. „Das kann jetzt in die eine oder in die andere Richtung gehen. Nach oben oder nach unten. Das muss man nicht dramatisieren, aber das muss man schon wissen.“ Und weiter: „Mit einem Erfolg könnten wir uns oben festsetzen. Dann wäre alles super, dann hätten wir einen richtig guten Start“, bekundete Veh. Tja.

Die Blickrichtung war zu diesem Zeitpunkt noch klar nach oben gerichtet. „Wir wollen versuchen, weiter vorne mitzuspielen und die europäischen Plätze nicht aus den Augen zu verlieren“, merkte Sportdirektor Bruno Hübner an. Das war Anfang Oktober. Und dann folgte die erste sportliche Bankrotterklärung in Ingolstadt bei dieser 0:2-Niederlage. „Wie von Sinnen. Eintracht schliddert in die Krise“, titelte die FR.

Es wurde nicht besser

Veh war so sauer, dass er den freien Tag strich. Er mache sich Sorgen um die Eintracht. „Das sollte man tun, wenn man unsere Leistung in Ingolstadt und die zweite Halbzeit gegen Berlin nimmt. Wir müssen sehr wachsam sein.“

Das Vertrackte daran: Es wurde nicht besser. Die Eintracht rutschte immer weiter ab, nicht nur tabellarisch, auch spielerisch und geistig. Kein Fußballer, der sich mal gewehrt oder aufgelehnt hätte. Jeder war nur noch mit sich selbst beschäftigt. Die Leistungsträger kamen nicht aus dem Formtief, schlimmer noch: Sie wurden immer schlechter. Alle zusammen. Und das Team sackte immer weiter ab. Die Eintracht hatte sich kollektiv in den Strudel des Misserfolgs begeben, und der zieht einen bekanntlich immer weiter nach unten.

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Es folgte eine 1:5-Demontage zu Hause gegen Mönchengladbach und ein nicht zu erwartender 2:1-Erfolg in Hannover – trotz schwacher Leistung. Doch auch dieser Überraschungscoup gab der Mannschaft keinen Schub, im Gegenteil: Beim darauffolgenden Pokalspiel in Aue blamierten sich die Frankfurter und flogen mit einer „beschämenden“ (Veh) Vorstellung aus dem DFB-Pokal – bei einem Drittligisten. Spätestens da war allen bewusst, was die Stunde geschlagen hat.

Veh hisste vor dem Bayern-Spiel, wenn man so will, die weiße Flagge. Er rief das neue Saisonziel praktisch in einem Nebensatz aus. „Wir müssen darum kämpfen, drei Mannschaften hinter uns zu lassen“, sagte er überraschend. Eigentlich sei er ja einer, der gerne träumt, manchmal auch von einem siebten Platz in der Bundesliga. „Aber ich sehe, was wir gezeigt haben, und ich sehe, welche Aufgaben noch vor uns liegen. Wir wollen mehr, können aber nicht. Wir sind nicht stabil.“ Die Krise bei Eintracht Frankfurt war größer als gedacht.

Finale gegen Werder

Daran änderte auch die couragierte (Defensiv-)Leistung beim 0:0 gegen die Bayern nichts und auch die vielleichte beste Darbietung der zurückliegenden Monate in Hoffenheim beim torlosen Remis war nur ein Strohfeuer. Denn es folgten schlimme Pleiten, die die Mannschaft und die Verantwortlichen bis ins Mark trafen.

Eine hasenfüßige Vorstellung beim 1:3 gegen Leverkusen, die erwartete Niederlage im Nachbarschaftsduell in Mainz und der Tiefpunkt der gesamten Saison: Die Derbyniederlage zu Hause gegen Darmstadt 98. Die kleine Klatsche in Dortmund war sowieso einkalkuliert.

Und so schnurrt nun alles zusammen auf das „Finale“ gegen Werder Bremen. Doch selbst ein Sieg kann diese Halbserie nicht mehr retten, nicht mal mehr im Ansatz. Es ist nichts mehr zu erkennen, keine Handschrift, keine Struktur, kein Spielsystem. Es liegt alles brach, es ist alles auseinandergefallen. Es greift nichts mehr, auch kein Defensivkonzept. Diese Mannschaft hat sich im Grunde selbst ad absurdum geführt. Und sie steht nun gebrochen, schutz- und hilflos vor einem Scherbenhaufen. Der muss im Winter aufgekehrt werden.

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