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Eintracht vor schwerem Gang nach London

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Von: Ingo Durstewitz

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Wird wieder die erste Elf stellen müssen in London: Eintracht-Trainer Oliver Glasner.
Wird wieder die erste Elf stellen müssen in London: Eintracht-Trainer Oliver Glasner. © IMAGO/Neundorf/Kirchner-Media

Die Frankfurter Eintracht will und muss Bochum vergessen machen und ihr hübsches Europapokal-Gesicht zeigen - das wird nicht leicht.

Frankfurt - Das Gefühl des erwartbaren Verbockens ist in Fußball-Frankfurt kein unverbrauchtes, unschuldiges, ganz im Gegenteil. Es ist das zweite Mal binnen vier Wochen, dass sich die Eintracht mit einem ordentlichen Dämpfer im Gepäck auf eine Auslandsreise begibt. Im September wurde sie erst von Sporting Lissabon auf Normalmaß gestutzt, null zu drei im ersten Champions-League-Spiel der Geschichte, ein paar Tage später setzte es nach einer desolaten Vorstellung ein 0:1 gegen zahnlose Wölfe aus der Autostadt samt respektablem Wutausbruch des eigenen Trainers.

Der blieb nun aus, obwohl das 0:3 gegen den Letzten aus Bochum sicher noch peinlicher war als die Schlappe gegen Wolfsburg. Doch Oliver Glasner riss sich dieses Mal zusammen, was ihm schwer fiel – doch unschuldig an der zünftigen Pleite im Westen war er ja auch ganz sicher nicht.

Eintracht Frankfurt muss nach Tottenham

Für die Eintracht ist die Ausgangslage nun vor dem schweren Gang auf die Insel ähnlich wie vor dem Gastspiel in Südfrankreich vor einem Monat. Auch damals ging sie angeschlagen in die Partie, und viele in Frankfurt malten schon ein düsteres Szenario an die Wand: Das könne gar peinlich werden in der Königsklasse, in Marseille gebe es sicher mindestens mal einen Viererpack, und überhaupt: Die Saison werde nicht vergnügungssteuerpflichtig. So ist das in Frankfurt, man kennt es, schwarz oder weiß, Himmel oder Hölle.

Und dann? Ja, dann zeigte die Eintracht im Stade Vélodrome, diesem Hexenkessel, unter maximal schweren Bedingungen eine maximal coole Leistung, zeigte Größe und Widerstandskraft, trotzte den Widrigkeiten, gewann 1:0, verdient. Es war der erste Sieg der jungen Frankfurter Champions-League-Historie. Sehr viel Ballast fiel von den Protagonisten ab, es schien der Wendepunkt hin zum Guten zu sein. Und jetzt, nach der Ernüchterung von Bochum, wieder alles von vorne? Wiederholt sich also in London die noch junge Geschichte?

Das lässt sich seriös nicht vorhersagen, doch klar ist, dass die Frankfurter einen anderen Auftritt hinlegen werden als beim Liga-Schlusslicht, sie werden es auch müssen – ansonsten wird ihnen Tottenham Hotspur das Fell über die Ohren ziehen. Die beiden Spiele sind nicht miteinander zu vergleichen, die Hessen werden in England mit ihrer eingespielten Stammformation auflaufen und eine andere Spannung aufs Feld bringen. Dass sie dem Topklub von der Insel die Stirn bieten kann, hat sie vor acht Tagen in Frankfurt bewiesen, als sie sich ein achtbares 0:0 erkämpfte – im Stile einer gestandenen, erwachsenen Spitzenmannschaft.

Unmittelbar nach der Nullnummer schon hatte Kapitän Sebastian Rode das Rückspiel zu einem K.o.-Duell ausgerufen – „und K.o.-Spiele können wir.“ Keine Frage. Aber reicht das? Ist es so einfach? Lässt sich dieser andere Spirit auf Knopfdruck erzeugen? Oder ist das Selbstvertrauen doch irgendwann mal zu sehr angeknackst, der Gegner vielleicht zu übermächtig?

Eintracht Frankfurt: Gegner Tottenham ist. gut drauf

Die Spurs sind gut drauf. In der Premier League liegen sie hinter Manchester City und dem FC Arsenal auf Rang drei, zu Hause sind sie eine Macht, in dem noch immer recht neuen Prachtbau nahe der legendären White Hart Lane haben sie alle vier Heimspiele locker gewonnen, 13 Tore geschossen, nur vier kassiert. Auch in der Champions League sind die Engländer in ihrer mehr als eine Milliarde teuren Arena eine Klasse für sich, haben neun ihrer letzten elf Heimspiele in der Gruppenphase für sich entschieden. Da kommt also eine geballte Lawine und ungezügelte Offensivkraft auf die Eintracht zu.

Die muss erst einmal ihre Nicht-Leistung in Bochum verdauen und sich wieder sammeln. Viel Zeit ist nicht, schon am Dienstagmittag geht es in die englische Hauptstadt. Dann liegt die Bundesliga, der Alltag, erst einmal wieder hinter dem Klub, dann kann er sich wieder rausgeputzt auf der internationalen Bühne präsentieren. Das liegt der Eintracht. Da fühlt sie sich wohl.

Doch einfach so gehen die Verantwortlichen nicht über den erneuten Ausrutscher im Brot- und Buttergeschäft hinweg. Speziell Sportvorstand Markus Krösche ist absolut nicht amüsiert über die Wankelmütigkeit und fehlende Seriosität in bestimmten Spielen. Dem Manager ging auch schon in der Vorsaison die Performance in der Liga gewaltig gegen den Strich. Damals wurde freilich alles von den magischen Nächten in Europa überstrahlt. Aber es ist nun mal nicht zu erwarten, dass die Eintracht auch in dieser Spielzeit wieder dergestalt reüssiert. Krösche möchte nicht noch einmal eine Runde erleben, in der der Fokus auf Europa liegt und der nationale Wettbewerb zum Beiwerk, zur lästigen Pflicht verkommt. Der Manager erwartet etwas anderes. Richtig so.

Die Eintracht muss in der Bundesliga ihre Schwankungen in den Griff bekommen, wenn sie um die internationalen Startplätze mitspielen will. Das geht aufgrund des straffen Programms nur, wenn die Spieler aus dem zweiten Glied weiterentwickelt werden und konkurrenzfähig sind. Das ist Krösches Auftrag an den Trainer.

Der wiederum tut sich mit einer Rotation wie jener in Bochum keinen Gefallen. Prägende Akteure wie Daichi Kamada, Sebastian Rode, Makoto Hasebe und Ansgar Knauff auf einen Schlag draußen zu lassen, war eine denkbar schlechte Idee. Zumal ja auch noch Senkrechtstarter Randal Kolo Muani gesperrt fehlte. Der französische Neu-Nationalspieler wird am Mittwoch (21 Uhr/Dazn) in die Startelf zurückkehren, genauso wie die übrigen geschonten Spieler. Doch wie hoch die Trauben auf diesem Niveau hängen, hat der schnelle Angreifer im Hinspiel erlebt, als ihn die englischen Abwehrkanten abkochten und quasi zermalmten.

Und doch ist Kolo Muani gesetzt, hat gegen die Konkurrenz im Sturm die Nase vorn. Zu Recht. Das schmeckt nicht jedem, Rafael Borré etwa plant, wie die spanische „As“ berichtet, seinen Abgang. Der Kolumbianer ist mit seinem Status als Joker nicht zufrieden und stünde bei Vereinen aus Spanien und Italien auf dem Zettel, die Eintracht fordert eine Ablöse von rund 20 Millionen Euro. Ganz klar: In der aktuellen Verfassung wäre ein Abschied des 27-Jährigen kein Verlust. (Ingo Durstewitz)

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